Die Musterstaaten, welche ihren Millionen von Einwohnern den Genuß von geistigen Getränken irgendwelcher Art vollständig entzogen haben, welche die einschlägigen Industrien und Interessenten als Verbrecher gebrandmarkt und mit Gewalt ihre Existenz und Lebensunterhalt zerstört und die Unglücklichen ihres Heimatbodens verwiesen haben, ohne ihnen ein Äquivalent für den zugefügten Schaden zu bieten, sind in chronologischer Ordnung: Maine, Kansas, North Dakota, Georgia, Oklahoma, Alabama, Mississippi, North Carolina, Alaska, und nun reiht sich auch noch der Staat Tennessee der würdigen Galerie an. Rund fünfzehn Millionen Menschen wohnen in diesen Staaten. Zu dieser Zahl von Tranklosen treten noch die Eingeborenen und Passanten der einzelnen Landbezirke, Städte und Ortschaften der anderen Staaten hinzu, denen durch die »Local option«-Gesetze der stärkende Trunk entzogen worden ist. Die Zahl dieser unglücklichen vertrockneten Länderstriche betrug Ende 1908 fünfhunderteinunddreißig und die Zahl der bedauernswerten Städte und Ortschaften im ganzen Lande (außerhalb der Prohibitionsstaaten, wohlverstanden) war zur gleichen Zeit zehntausendeinhundertzweiundfünfzig. Darunter befinden sich dreihundert Städte mit je fünftausend Seelen und neunzig Städte mit je zehntausend Seelen und mehr. Worchester in Massachusetts, eine Stadt von zirka einhundertfünfzigtausend Einwohnern, ist total »trocken«. Die ganz genaue Summe der Einwohner der von der Prohibition gedeckten Bezirke im ganzen Verbände der Nation läßt sich schwer feststellen. Man beziffert diese Summe auf zirka fünfundzwanzig Millionen Menschen. Demnach wären zusammen mit den Einwohnern der Prohibitionsstaaten ungefähr vierzig Millionen Menschen, also fast die Hälfte der Einwohner der Vereinigten Staaten auf zwei Drittel der Fläche des Landes unter dem Zwange der Prohibition.

Die Agitation wird wütend weiterbetrieben. In neun weiteren Staaten tobt der Kampf für die gänzliche Vertilgung der geistigen Getränke, selbstverständlich auch Vernichtung jeder Möglichkeit und Mittel zum Ersatz derselben. Und es sieht ganz danach aus, als ob die Gegner des Alkohols in den nächsten Jahren siegreich daraus hervorgehen würden. Ist es nicht sonderbar, daß die Prohibition erst wirklich Fuß faßte, als die Spirituosen-Interessenten im Jahre 1904 anfingen, ihre Sache ernstlich zu verteidigen? Seit diesen fünf Jahren gewann die Prohibition fünf resp. sechs Staaten mit zwölf Millionen Einwohnern. Außerdem gewann sie in anderen Staaten durch Local option-Gesetze einhundertundfünfzig neue Städte, Hunderte von Counties und Tausende von neuen Ortschaften und Dörfern. Im ganzen rund zwanzig Millionen Menschen, also in fünf Jahren genau so viel, wie in dem vergangenen halben Jahrhundert ihres früheren Bestehens zusammen. Erst durch die Verteidigung der Spirituosen-Interessenten hat der Kampf begonnen und die Aufmerksamkeit der Presse auf sich gelenkt, welche mit bemerkenswertem Instinkt die wachsende Zahl der Prohibitionisten erkannte und natürlich in deren Lager überging, in das Schlachtgeheul mit einstimmte und die bahnbrechenden Siege verherrlichte. Denn man hält sich gern mit der Übermacht. – Die Zeitungen sind Blätter. Die Blätter drehen sich je nachdem, wie der Wind geht. Geht der populäre Wind nach Norden, so zeigen sie mit ihren Spitzen nach Norden. – Die Zeitungen sind die Wetterfahnen der Zeit. Sonst gar nichts. Nichts mehr und nichts weniger. Die Nützlichkeit einer Wetterfahne stellen wir dabei nicht in Frage. Es scheint aber doch, als ob die größten Gedanken zu einer Zeit geboren wurden, da es noch keine Zeitungen gab. – Da nun der populäre Wind durch die Aktivität der Spirituosenhändler entfacht, nach Prohibition blies, so wandten sich die Zeitungen mit. Tritt eine Reaktion ein, welche, nebenbei gesagt, unausbleiblich ist, so werden die Zeitungen diese unterstützen.

Die wirtschaftlich und moralisch verderblichen Spuren der Prohibition machen sich schon allenthalben bemerkbar. Nicht nur im Staate Maine, wo durch mehr als fünfzigjähriges Bestehen der Prohibition die Gesetze des Landes zu einer elenden, lächerlichen Farce geworden sind und von keinem Menschen heilig gehalten, sondern auf alle erdenkliche Weise heimlich und öffentlich umgangen und übertreten werden, sondern auch in den jüngeren Prohibitionsstaaten wird das Ansehen des Gesetzes und des gesetzgebenden Körpers in den Schmutz gezogen. Wie kommt es, daß die Trunkenheit in den Prohibitionsstaaten zugenommen hat, seit man den Einwohnern die Gelegenheit zum Trinken nahm? – Die Bürger wissen sich schon ihren Trunk zu verschaffen. Daß sie dies aber wie die Diebe bei Nacht tun müssen, ist eine Schande. Es ist unglaublich, wie erfindungsreich die bedauernswerten Bürger der trockenen Staaten werden, wenn es gilt, ihren Durst zu löschen. – Die Apotheken, welche jetzt Spirituosen als »Medizin« verkaufen, machen Bombengeschäfte, denn die »Medizin« darf in solchen Fällen nur in Literflaschen verkauft werden. Überall werden Gesöffe ausgeschänkt, die man für »alkoholfrei« erklärt, und wenn man sie näher untersucht, sind sie nichts als purer Whisky oder Bier, manchmal eine geradezu gesundheitsschädliche Mischung von allerhand scharfen Flüssigkeiten. – Freunde und Bekannte handeln frei ohne Lizenz mit Spirituosen untereinander. Die Gesetzgebung und der Staat ist machtlos. Sie kennen doch die genialen Methoden, die vor kurzem im Staate Georgia entdeckt wurden. Wer sich eine Flasche Whisky verschaffen wollte, ging in ein Hotel und verlangte ein Zimmer. Je nach dem Preise, den er bezahlte, fand der Gast auf dem Tische in seinem Zimmer eine Flasche, welche den ersehnten Trunk – Whisky, Wein, Bier, oder was es gerade war, enthielt. Diese Flasche steckte der Gast in sein Köfferchen, »reiste« sofort wieder ab, und das Zimmer wurde gleich darauf neu »besetzt«. So kam es vor, daß ein und dasselbe Zimmer oft hunderte Male an einem Tage »besetzt« wurde. Die Trunkenheit nahm überhand, das Gesetz wurde öffentlich verhöhnt. – Ein eifriger, leitender Prohibitionist war hinter diese Schliche gekommen und »mietete« sich auch einmal ein Zimmer in einem Hause, wo er nicht bekannt war, zwecks Überführung des Wirtes. In der gewohnten Weise eignete sich der Fromme die verhängnisvolle Flasche an, um sie bei der Anklage als Korpusdelikti zu benutzen. Der Wirt aber strengte ganz kaltblütig eine Gegenklage wegen Diebstahls gegen den eifrigen Spirituosenfeind an, der nicht das Recht habe, Gegenstände, welche sich in Hotelzimmern befinden, daraus zu entwenden. Und unter allgemeinem Gaudium und Gegröle aus tausend feuchten Kehlen wurde der Ärmste als ein gemeiner Dieb verdonnert. – Dem Wirte konnte nicht nachgewiesen werden, daß er Spirituosen verkaufte. Er ging frei aus.

Solche Komödien in verschiedenster Art und Weise kommen täglich vor. Es ist schon nicht mehr amüsant, es ist lächerlich. – Man denke sich einen Soldaten ohne Bier oder Wein! – In Amerika, wo bekanntlich alles möglich ist, ist auch solch ein undenkbarer Vaterlandsverteidiger möglich. Seit einigen Jahren hat man sämtliche Kantinen in der amerikanischen Armee abgeschafft. Das Resultat ist, daß im Februar 1909 ein Armeebefehl erlassen wurde, wonach alle Flaschen, Behälter und Gefäße in der Armee, welche denaturierten Spiritus enthalten, mit der abschreckenden Aufschrift »Gift« versehen werden müssen, da die Soldaten in vielen Fällen, um ihren Durst zu stillen, zur Spiritusflasche gegriffen hatten, in dem guten Glauben, Spiritus habe nur die wünschenswerten Eigenschaften eines starken Whiskys. Natürlich kamen viele Erkrankungen und auch Todesfälle vor.

Die Prohibitionisten haben sich auch eine unpassende Zeit zur Purifikation des Menschengeschlechtes gewählt, welche auf Kosten vieler Tausender von ehrlichen Arbeitern stattfinden soll. Gerade zu unserer heutigen Zeit, wo Arbeitsmangel und Stellenlosigkeit in allen Industrien überhand genommen hat, gilt es, alte Industrien, die seit Jahrtausenden existieren, nicht mehr zu zerstören, als bisher schon durch die unabwendbare Ebbe und Flut der Zeit geschehen ist, sondern es gilt, neue Industrien ins Leben zu rufen, die den Millionen von hungernden Familien in allen zivilisierten Ländern Brot geben.

Ich glaube nicht, daß das amerikanische Volk der Arbeiter sich mit der mutwilligen Vergrößerung seines an sich schon bedenklichen Notstandes einverstanden erklären wird. Die direkten und indirekten ökonomischen Verluste, die die Prohibition mit sich bringt, sind ganz unberechenbar. Das ganze immense Kapital der Brauerei-, Destillations- und Weinbauindustrien in Amerika steht auf dem Spiel; zahllose, davon abhängige Industrien und Gewerbe sind bedroht. Was würde die Landwirtschaft allein an Hopfen, Gerste usw. jährlich verlieren! Im Staate Kentucky allein, wo man gegenwärtig auf absolute Abschaffung der Spirituosen drängt, steht ein Kapital von 192 Millionen Dollars auf dem Spiel, welches durch den Sieg der Prohibition rettungslos verloren gehen würde.

So hat die Prohibition seit mehr als einem halben Jahrhundert ihres Bestehens genau das Gegenteil von dem bewirkt, was sie versprach. Sie hat weder die Verbrechen vermindert, noch die korrupten Politiker vertrieben. Sie hat auch nicht die Trunkenheit abgeschafft, sondern dieselbe indirekt gefördert. Sie hat die Bürger aber zu Sklaven erniedrigt und auf die gemeinste Stufe gestellt, welche ein zivilisiertes Volk einnehmen kann. Sie hat sie zur Menschenfurcht und Heuchelei gezwungen. Sie hat den ehrlichen Bürger, der eines Glases Bier oder Wein zu seiner Erholung bedarf oder dessen nicht entbehren will, zur Überschreitung und Mißachtung der Gesetze des Landes veranlaßt.

Jawohl, Herr Bischof, die Kirchen des Landes haben viel zur Förderung der Sünden beigetragen. Aber darum will ich gerade die Stellungnahme der römisch-katholischen Kirche zum Trinkverbot lobend hervorheben. Seit ihren ersten Zeiten hat diese Kirche (von einigen einzelnen Fällen abgesehen) einen versöhnlichen Standpunkt gegen die uralte Frage eingenommen und nur Mäßigung anempfohlen. Das wirklich großzügige und weitsichtige Urteil, welches der würdige Repräsentant der katholischen Kirche in Amerika, der Kardinal Gibbons, über die wachsende Prohibition vor einigen Jahren abgab, verdient verewigt zu werden. Es hat seinerzeit dem Kardinal volle Anerkennung und Beifall der vernünftigen Welt zu beiden Seiten des Atlantiks eingebracht. – Was aber war die Folge? – Sieg der Dummheit der Prohibition selbst in der Diözese des Kardinals.

Die Aussichten der Anhänger des Bacchus in Amerika sind also vor der Hand sehr trübe. Blinde, Enttäuschte, Glücksritter, Neugierige, Ignoranten von europäischer Herkunft haben in unermeßlichen Schwärmen die Küsten Amerikas bestiegen und sich bald wieder abgewandt, als sie das Gold nicht auf der Straße liegen sahen. Diese Leute haben es auf dem Gewissen, daß Amerika bei uns als ein entsetzlich nüchternes Land, ohne Inspiration, ohne geistiges Leben und ohne Ideale, weil nur auf Gelderwerb bedacht, verschrien ist. – Aber Amerika hat Ideale. Der Beweis für das Vorhandensein von Idealen in kruder Form ist die Prohibition selber. Die junge Riesennation muß ihre Kämpfe, muß ihre Zweifel und Torheiten der Jugend durchmachen. Sie hat alle Zeichen des jungen Idealisten an sich. Sie torkelt von einer Maxime in die andere. Der junge Idealist wird alles über den Haufen werfen, wenn es gilt, seine Ideale zu verfechten. Am nächsten Tage wird er die teuer erworbenen Ideale ablegen, wie man einen Rock ablegt, der zu eng geworden ist ... Der Rock mag noch schön und neu sein, aber der Jüngling freut sich über sein Wachstum und holt sich einen passenden Rock. Diese Häutungen muß jeder Mensch und folglich auch jede Nation in ihrer Jugend durchmachen.

Eine der amüsantesten amerikanischen Jugendtorheiten ist der Superlativ. Freilich, für uns Europäer etwas unangenehm, ja widerlich. Manch alter Griesgram mag im Superlativ eine gefährliche Krankheit sehen, aber wir, die wir jung bleiben wollen, wollen uns darüber köstlich freuen! Die amerikanischen Superlative sind bekannt: das reichste, das größte, das höchste, das schnellste, das längste in der Welt. So heißt es, wenn von irgend etwas die Rede ist. Der Amerikaner spricht im Superlativ, lebt, schläft, träumt darin: er besitzt ihn, sucht ihn, verlangt ihn, betet ihn an. – Sein Land hat ihn in Ausdehnung, in Naturschönheit, in natürlichem Reichtum, ja selbst im Wetter und im Klima. So schafft sich das Volk seinen Superlativ im Verkehrswesen, im Geschäftsleben, in der Arbeit, in Gebäuden, im Reichtum und in Armut, in Religionen und Lastern, in Bigotterien und Gemütsroheiten, in Verbrechen und in öffentlichen Wohltaten.