So wenden auch die Prohibitionisten den Superlativ in der Anklage gegen Bacchus und seine Freuden an. – Aber Bacchus, der Milde, wird dem jungen Amerika verzeihen. An der Hand der Geschichte wird er Amerika leiten und ihm zeigen, was er aus seinem Feinde gemacht hat.

Tausend Jahre vor Christi Geburt tobte ein kaiserlicher Sohn des Himmlischen Reiches der Mitte gegen die Macht des Weines. Er ließ alle Weinstöcke entwurzeln. Wo ist der Kaiser jetzt? Tot, sehr, sehr lange tot. Die Reben blühen noch immer. So sehr tot ist die armselige, bezopfte Majestät, daß man schon gar nicht mehr weiß, welcher Dynastie sie angehörte. Die Reben blühen weiter. Tausend persische Fakire und Pfaffen grölten in der Mitte des elften Jahrhunderts die verderbliche Macht des Weines an. Als Gegengabe schenkte uns Persien zur selbigen Zeit einen einzigen Omar – Omar Chajjam. – Das Lachen eines einzigen Omars war tausendmal wuchtiger als das Gezeter und Geheul von tausend Derwischen und Priestern zusammen. Alle tausend Schreihälse sind tot. Sehr, sehr lange tot. Man kennt ihre Namen gar nicht. Man hat sie nie gekannt. Und nie kennen wollen. – Omar lebt weiter. Seine Rubaiyat, sein Lachen macht heute noch alles Gezeter stumm. –

Was ist aus Indien, dem uralten Lande der Wunder, der tiefsten Denker, der jungfräulich herrlichen Poesie geworden? Was ist Arabien und die anderen Länder, denen Buddha und Mohammed den Wein verbot? Unzählige Beispiele wird Bacchus bringen, wo er seine Gegner in die Lächerlichkeit zog, sie dem Spott der Welt preisgab. Er wird die Dichter und Denker aller Zeiten und aller Völker kommen lassen, um Zeugnis für ihn abzulegen. Sollte ihm dann noch die Tür gewiesen werden, so wird er sich nicht darob grämen. Dann wird er ruhig das Land verlassen und es meiden. Und wo er auszieht, da zieht orientalische Apathie, Trägheit und Lasterhaftigkeit ein und legt sich wie ein böser Traum auf das Gemüt des Volkes. – Dann wird die Statue der Freiheit die größte Lüge und Karikatur, die jemals von den Menschen errichtet wurde. Sie wird dann zum verlockenden Aushängeschild an der Tür zum Despotismus des Pöbels, der Plutokratie, der Pfaffenwirtschaft und Heuchelei.

Ich weiß, der wirkliche Amerikaner ist mit solchen Zuständen nicht einverstanden. Was kann aber die vernünftige Minderheit gegen die blinde Mehrheit machen? Die Heiligkeit des Gesetzes darf nicht verletzt, nicht in Frage gestellt werden. Die Heiligkeit des Gesetzes hat nichts zu tun mit dem Blödsinn, den das Gesetz oft vertritt, fördert und beschützt. Wenn ein Unwürdiger die Priesterweihe erhält, so ist nicht die Weihe entehrt, sondern der Unwürdige selber. Wenn das Gesetz einen Blödsinn sanktioniert, so ist nicht das Gesetz anzugreifen, sondern der Blödsinn. Ein Untertan, geschmückt mit dem Purpur und den Regalien des Königs, darf sich höchstens in einer komischen Oper sehen lassen. Wenn er sich aber ernst nimmt, so kann man ihn mit gutem Gewissen für geistesgestört halten und ihn einsperren.

So kann man auch den Blödsinn in das würdige Gewand des Gesetzes kleiden, aber er wird immer ein Blödsinn bleiben. Daß er so in monumentalster Weise angebetet wird, daß Millionen und Abermillionen vor ihm auf die Knie sinken, ändert gleichfalls nichts an der Tatsache, daß er ein Blödsinn ist.

Mit der Autorität der Stimmenmehrheit war es von jeher, überall und zu allen Zeiten eine eigenartige Sache. In einem Schwarm von Spatzen hat eine Nachtigall nichts zu sagen. Wer unter den Wölfen ist, muß mit ihnen heulen. In Rom tut man, was die Römer tun. Und in Amerika bei der Übermacht der Prohibitionisten muß man tun, was diese Leute tun: nämlich im geheimen trinken oder Kokain nehmen und fromm drein schauen. Aber die Heiligkeit des Gesetzes ist unantastbar. – Bevor ich mich aber hiermit einverstanden erklärte, würde ich mich betrübt von Amerika abwenden und das schöne große Land betrauern, das dem Schicksale Indiens und Arabiens entgegengehen soll. Ich würde mich nicht wohl fühlen in einem Lande, wo man sich an einem toten Sonntage Inspiration aus Gefrorenem und Limonaden mit Strohhalmen in die öden, müden Schädel einsaugt und sich einen Sodawasserenthusiasmus antrinkt, damit man wieder mutig den Stürmen des mühevollen Lebens am Montag entgegentreten kann. Nein, wenn ich an der Tafel und beim Wein sitze, dann fühle ich Erdgeborener mich den ewigen Göttern gleich und will nichts, aber auch absolut gar nichts verachten und entbehren, das die schöne Erde mir bietet, wenn ich es haben und in schöner Freude genießen kann. – Und mein Kellner ist dann mein Ganymedes, und mag er noch so verzweifelt irdisch drein- und ausschauen. Dann will ich seine und die eigene Weltlichkeit vergessen. – Aber vierzig Millionen Menschen ohne einen Tropfen Wein! – Ein schallendes, anakreontisches Gelächter dafür! – – Nun, Herr Bischof? – –

So!? – Hm ... Warum ich nicht lache, warum ich plötzlich so ernst dreinschaue? – Eingesehen? – Nein, gar nichts habe ich eingesehen! Aber hör' mich an, alter Freund! – Ich habe dir noch etwas zu sagen. – Du zitterst! – –! – Ja – du tust mir leid! – – Bitte, laß mich reden! Nur noch ein paar vernünftige Worte will ich zu dir sprechen: – – Bitte, laß mich reden, sag' ich! Nimm doch noch einmal deine frühere Vernunft zusammen. Und dann will ich dich hören, was du zu sagen hast. – Also du behauptest, das Ausschänken von Spirituosen hat einen verderblichen Einfluß auf das Seelenleben des Kellners! – Mein Kellner macht sich zum Mitschuldigen an meinen Sünden, am Untergang der Säufer und der Schlemmer! – Das sagst du mir!? Nun höre, was ich dir zu sagen habe:

Mögen fromme Menschen, die sich um das Seelenheil anderer bemühen, ihrem lieben Herrgott danken, daß sie nicht so sind wie der Kellner, der seine Kräfte in die Dienste des entsetzlichen Dämons Alkohol stellt; mögen die frommen Leute ihm sein Brot abnehmen; mögen sie ihn in Grund und Boden verdammen, über diesen Fluch, über sein Unglück hilft die Philosophie den freundlichen Ganymed hinweg. Muß der Soldat nicht, durch die Umstände gezwungen, Menschen töten, die er niemals zuvor gesehen hat, Menschen, die ihm nicht das geringste Leid zugefügt haben? – Und je mehr er von diesen unschuldigen Menschen abmordet, um so ein besserer Soldat ist er! – Man wird mir doch nicht sagen wollen, daß ein Soldat mit Freude, Mut und Tapferkeit zur Schlacht auszieht! Ein solcher Soldat wäre doch eine wahre Bestie. – Nein, es ist die Furcht und der Fluch der Notwendigkeit, welche die Kugeln aus den Läufen heraustreibt. Es ist die selbstgemachte Notwendigkeit, welche die Menschheit zu solcher Sklaverei erniedrigt, die Notwendigkeit, welche dich und mich und auch den Kellner macht. Darum, je mehr Alkohol der Kellner verkauft, um so ein besserer Kellner ist er und folglich ein um so besseres Mitglied der menschlichen Gesellschaft. – Welch eine Jammergestalt von einem Soldaten, der in die Luft schießt aus Furcht, er könnte dem unschuldigen Menschen, den er abmurksen soll, ein Leid zufügen. Welch ein miserabler Kellner, der nicht einschenkt aus Furcht um das Seelenheil des Gastes!

Darum drauf los, ihr Jünglinge, die ihr Soldaten und Kellner spielen müßt! Laßt die Gewehre und die Pfropfen knallen, was das Zeug halten kann! Macht so viele Feindes- und Bierleichen, wie ihr könnt! Dann habt ihr eure Pflicht getan! – Darum drauf los, ihr Schriftsteller und Theologen, ihr Künstler und Juristen, drauf los alle ihr, die ihr im Namen unserer Zivilisation lügen, betrügen, heucheln, schön tun, rauben, morden, stehlen, plündern, faulenzen, euch wegwerfen müßt! Und wer müßte es nicht unter euch zivilisierten Menschen!? – Selbst der Unschuldigste unter euch, der Rentier, sündigt. Er faulenzt auf Kosten des Gemeinwohls. Wer unter euch frei von Schuld ist, der mag einen Stein aufheben und die Flasche in des Kellners Hand zertrümmern!

Die Sauferei und Schlemmerei verabscheuen die guten Kellner und Wirte ebensosehr wie ihre Antipoden, die Prohibitionisten. Vielleicht noch etwas mehr als diese. – Denn sie sind es, die den Schmutz wegräumen müssen; sie sind es, die die Schlemmer in ihrer tiefsten Erniedrigung sehen. Diese sehen sich nicht selber. Sie schlafen den tiefen, traumlosen Schlaf, den die Erinnyen bewachen. – Niemand weiß besser, was Trunkenheit ist, als der Kellner, niemand weiß besser, was der Tod ist, als die Totengräber. Wer es nicht glaubt, befrage Shakespeare.