Wenn die Menschen aus allem, was sie sehen, Lehren für sich und ihr Leben zögen, so stünde vieles besser um sie. Wenn die Kellner dies täten, so würde aus ihnen ein gewaltiges Geschlecht entstehen, wie die Welt noch keines gekannt hat, dagegen sich die größten Satyriker als armselige Kläffer verkriechen müßten. Sie würden stärker und machtvoller werden als die biblischen Propheten, die beim Anblick eines versumpften Volkes nichts als weinen oder schlechtes Wetter prophezeien konnten. Jerusalem, Babylon, Ninive, wieviel Gutes müßt ihr noch in euch geborgen haben, da man noch Lamentationen und Tränen an euch verschwendete! – Es werden aber diejenigen kommen, die nicht predigen, nicht weinen und nicht prophezeien, sondern nur schauen, mit kalten, ruhigen Augen schauen, darinnen alles Mitleid erstarrt ist, starke Geister, die das Gift den Schwächlingen reichen und den Trunkenen zuflüstern: »Trinkt, trinkt und lebt euch tot! – Wir wollen allein sein! Uns gehört die Erde und das Leben, uns, den Gesunden und Starken!« – Und allmählich wird die Macht der Erde in die Hände dieser kalten, starken Menschen übergehen, sie werden die Herrscher und die Selbstbeherrscher sein. Ich nenne das soziale Chirurgie und Okulation des Baumes des Lebens.
Die Menschen haben aber noch immer nicht sehen gelernt. Und da die Kellner eben auch nicht mehr als Menschen von heute sind, so tun sie eben auch nicht mehr als andere Menschen tun und ziehen keine Lehren für sich aus dem Leben der anderen. So geht der ganze Wert des Bösen an ihnen verloren. Und er verwandelt sich, wie immer, zur bösen Macht, die sich auf alle ausnahmslos erstreckt.
Darum schmähe nicht, mein Freund! Fürchte dich, ekle dich aber auch nicht vor dem Laster. Schau ihm kalt und ruhig in das triefende Auge, wie ein Arzt die eiternde Wunde betrachtet. Und es wird scheu vor dir zurückweichen. Denn selbst das Laster hat seine Scham, wenn es sich durchschaut fühlt. Dann wird es zusammenschrumpfen wie eine leere, elende Bagatelle, der du einen Fußtritt versetzest. Das schleimige Lächeln in seinem Gesichte wird zu hoffnungsloser Traurigkeit erstarren, erfrieren; es wird nicht wagen, um Vergebung zu winseln oder dich berühren. Es wird von dir lassen, denn es hält dich für einen Gott oder einen Teufel, und keinen von beiden liebt es. Nur unter den erdgeborenen Menschen sucht es seine Opfer. Ein wildes Tier ist's, das du im Auge behalten mußt, greifst du es an, fürchtest du dich oder kehrst du ihm den Rücken, so springt es auf dich. Bedenke: Jeder Angriff, jede Abwehr ist ein Zeichen von Hochachtung.
Nicht Furcht soll dich stark machen! Keine Gottesfurcht soll dich verhärten, keine Menschenfurcht soll dich zum Feigling erniedrigen, soll dich vom Laster fernhalten. Du sollst in das Laster hineingehen, um aus ihm wieder hervorzugehen. Die Furcht vor dir selber allein soll dich reinigen und auferstehen lassen, Phönix! – Und laß nie deine Wangen um das Heil anderer bleichen. Wo es sein muß, da schau ruhig der Vernichtung zu. Laß zugrunde gehen, was dazu bestimmt ist. Denn du verschwendest dich, wenn du einen Finger rührst, zu helfen. Es gibt große, übermenschliche Mächte, die nichts zugrunde gehen lassen. Du hast nicht das Recht, einzugreifen in fremde Seelenwelten. Laß jede Welt ihrem Frühling und ihrem Winter entgegengehen. –
Darum verdamme nicht zu schnell; es möchte dich vielleicht später reuen. Nicht nur der Kellner wird verführt und berauscht von dem wogenden Getriebe des Lebens. Es liegt in der menschlichen Natur, von der Menge und dem Geiste der Zeit mitgerissen zu werden. Niemand von uns kann sich ganz von diesen Fesseln befreien. Das einzelne Individuum ist machtlos. Nur der ganz Starke, der Seher, der die Schalheit, das Hohle des vorübergehenden Treibens erkennt und der ruhig verachtet, was sich ihm aufdrängt, weil er genug mit sich selber zu schaffen hat, wird bleiben. Alle anderen verschwinden halt- und rettungslos im großen Strudel des Daseins. Hier treiben sie hin und her, bis sie untergehen. Hier erstickt das moderne Fatzkentum, hinter dessen hohlem Lachen und Überlegenheit sich eine erschütternde Tragik verbirgt, welche die Schwester der Nacht, der Dummheit ist. Hier wanken die Trunkenbolde, nicht voll vom Weine des Lebens, sondern trunken vom billigen Fusel der Gemeinheit, grausige Flüche lallend. Hier sammeln sich die müden Veteranen, zerlumpt, krüppelig, die Geschlagenen, die Entlaufenen, die Betrogenen; krank, gebrochen, elend, dämmern sie in der Sonne dahin. Die Schlottergestalten, Skelette, Galgenvögel, faule Schwämme, Zerrbilder Gottes, Tuberkulösen, die aschigen Kinder des Rinnsteins, grauenhaften Nachtschatten der Großstadt, stotternd, zitternd, vagen Zielen zustrebend, die Bacchanten der Gosse, grauhaarige Vagranten, vibrierend nach Schmutz, sich ins eigene Elend wühlend, im Genuß der eigenen Gerüche zitternd, die grimmen Masken herzzerreißender Komödien, die nächtigen Kloakengeschöpfe einer lächerlichen Tragödie, die Halbgebildeten, die Halbwissenden, welche die Wonnen des Lebens kennen, ohne Gewalt darüber zu haben, die Ohnmächtigen, die Verzweifelten. Müde, schläfrig brechen sie zusammen, bis der Fußtritt des Polizisten sie weckt. – Und draußen, freudig, daß es Platz gibt, schieben sich die jungen Kolonnen mit Jubelgeschrei vor in die Gefechtslinie. Immer neu werden die Lücken von den nie endenwollenden Reserven gefüllt; immer neu schlürft sie der unersättliche Rachen hinunter, immer neu speit er sie wieder aus, und geschlagen, verwundet, gebrochen, befleckt kriechen die Gestalten aus dem Feuer in die Dunkelheit. Die Parkbankgarnitur! Die Leierkastenkomödianten! Die Zierden der Stadt! Die Trophäen der Zivilisation! Preise des Lebens! Überproduzierte – Unterentwickelte – Lemuren – Halbmenschen – quoi! –
Und die Tragikomödie des Kellnerlebens besteht in diesem einen Gedanken: Es ist nichts Großes, Gewaltiges, das den Kellner bedroht und oft zermalmt. Kein Grubenunglück, keine Dampfkesselexplosionen, keine tobende See, kein brüllendes Feuer. Das Lächerliche, Oberflächliche, die Bagatelle, die Halbeleganz, die Halbbildung, das alles bemächtigt sich seiner Gestalt, sucht sich darin zu verkörpern, darin zu leben. Die Mühle der Kleinigkeit reibt ihn langsam auf, die Mühle unseres modernen Lebens. Sie zerkleinert die hehren Schmerzen der Menschenbrust langsam, damit das, was wir anfangs für einen heiligen Funken göttlicher Gewalt hielten, morgen zu einem lächerlichen Quark wird. Dies, dünkt mich, ist schlimmer und gefährlicher, als in Kohlenbergwerken sich die Lungen mit Staub anzufüllen oder in Bleifabriken giftige Gase einzuatmen. Was bedeutet es, wenn die Arbeiter der Bergwerke, der Bahnen, Schiffe, der Stahlwerke und Hochöfen zu Tausenden verunglücken?! – Diese Männer sterben auf ihrem Posten einen Heldentod. Harte Arbeit und beständige Lebensgefahr mögen ihre Körper bedrohen und beugen, ihre Seelen aber werden stark dabei, bleiben aufrecht und trotzig. – Mag der Lungendurchschnitt eines Bergarbeiters schwarz sein, sein Geistesdurchschnitt ist rein und gesund. Und bricht ein Unglück über sie herein, so scheiden sie aus dieser Welt als Männer, als Kämpfer, als gefallene Soldaten auf den großen Schlachtfeldern unserer Industrien. – Ein schöner Tod! Wie anders ist aber das Leben unseres Kellners! Und wieviel schrecklicher ist sein Los! Welche Kräfte muß er aufbieten, um aus dem Wuste unserer Zivilisation einen rechten Lebensweg zu finden! Fehlen diese Kräfte, so wird sein junges Gemüt langsam, sehr langsam zermahlen und vergiftet, angesteckt von unheilbaren Leiden.
Wenn der Kellner nicht solch wundervolle Gelegenheit hätte, das große Leben, die herrliche Natur, die Wunder der Schöpfung zu sehen, dann müßte er wirklich verzweifeln. Aber die kaleidoskopische Abwechslung von göttlichen Bildern erhält ihn unbewußt aufrecht. Unwillkürlich läßt er alles auf sich einwirken. Willenlos läßt er sich tragen. Denn Kokotten, Kurtisanen, geschminkte Weiber sein Lebtag lang sehen müssen, immer und ewig dieselben, abgestandenen Phrasen anhören müssen, immer wieder dasselbe, freche, müde, stinkende Lächeln, die schnüffelnde Lüsternheit, die sogenannte Lebensfreude ansehen zu müssen, das muß in seiner Art auf die Dauer noch langweiliger werden als eine Anstellung bei der Regierung. Man muß ein eingefleischter Satan oder eine stupide Zuhälternatur sein, um ein solches Los ertragen zu können. – –
Aber das Leben hat den Kellner geschützt. Es liebt ihn. Es lächelt ihm, lockt ihn hinaus, wenn Gefahr droht. Darum wandert er auch so viel. Darum treibt's ihn von Ort zu Ort, von Land zu Land. Eine Hoffnung ersetzt die andere. Keine erfüllt sich vielleicht. Aber sein Herz bleibt wunderbar jung. Heute sieht er Laster, wird verführt, stürzt sich hinein, um Ekel vor sich selber und seinem Leben daraus zu schöpfen, morgen hält ihn wieder eine blühende Landschaft, eine neue Hoffnung, die Freude an einer neuen Reise, vor der Selbstverachtung und Selbstvernichtung zurück. Er kann nicht verzweifeln; er bleibt jung. Mögen auch die Musik, die parfümierte Atmosphäre, der Glanz, der Geruch und die Hitze der Küche, das Strahlen der Lichter, die körperlichen Anstrengungen, der Ärger, der Haß gegen den Reichtum, die Dienerei, die Verachtung seiner Person, das Trinkgeld, mag alles auf ihn einstürmen und sich wild in seinem Herzen festkrallen und es aussaugen, – der Kellner bleibt jung.
So entwickelt sich aus ihm der heimatlose, unstete Wanderer, der gott- und freundlose, gut- und blutarme Mensch, der er heute ist. – Die schönsten Kräfte seiner Jugend gibt er dahin, ohne an sich zu denken. Wem gibt er sie? Sich selber? – Nein! Den anderen Menschen? Nein! – Sie werden zersplittert, entkräftigt, zermalmt in der großen unmenschlichen Mühle unserer Zivilisation. Es gibt das berühmte Düngermehl für künftige Kulturen.
Bei einem solchen Anblick sollte selbst das Gesicht eines Gottes zu Marmor erstarren. Aber das Gesicht des Lebens mit seiner ganzen Inkonsequenz lacht, lacht, während seine Tatzen die Herzen zerreißen. Die großen, entsetzlichen Kontraste, das grausam, willkürlich zusammengewürfelte Gemisch von Schwarz und Weiß, Gelb und Rot, ungeordnet, verwahrlost, verwitternd, reizt nur den Künstler, den Fleißigen. Der Mensch aber, der darin nicht umkommt, ist ein Künstler. Er fühlt sich glücklich in dem großen Haufen von Sand und Mörtel, bunten Steinchen, Gläsern, Scherben und Splittern, die in allen Farben leuchten vom reinsten Golde bis zum giftigsten Grün. Wo aber ist der Meister, der diese Stückchen, die Fragmente zu einem herrlichen Mosaik, zu einem gewaltigen Gedichte zusammensetzt? – Er ist noch nicht geboren. – Aber darf man sich nicht schon glücklich schätzen, wenn man aus der Ferne, mit den Augen eines Schöpfers verschwommene Konturen einer erhabenen Komposition erkennen kann, die aus dem Material entstehen könnte und entstehen muß? – – – –