Aber die Lasterhaftigkeit bleibt doch so ziemlich das Zuverlässigste in der menschlichen Natur. In den allerschlimmsten Fällen kann man fast immer mit ihr rechnen. Ja, leider! So ist's! Was nützen die schönen Exkursionen ins Blaue! – Und ich habe mir auch sagen lassen, daß Bibelgesellschaften in Amerika sogar versuchen, Freiexemplare der Heiligen Schrift in den Hotelzimmern aufzulegen, um damit auf das Seelenheil der Gäste einen wohltätigen Einfluß auszuüben. Schön! Indessen glaube ich nicht, mein Freund, daß sich trugsinnende Makler dadurch von ihrem bösen Vorhaben abhalten oder in ihren Kalkulationen beirren lassen. – Nein, das Selbstbewußtsein unseres inneren Menschen ist unsere einzige Rettung. – – Ich bezweifle auch sehr, daß etwaige entlaufene, legitim vielleicht nicht zusammengehörige Pärchen, die, nachdem sie es auf oft ganz wunderbare Weise zustande gebracht haben, den spähenden Augen des gestrengen Detektivkorps eines großen Hotels zu entschlüpfen, unter der schützenden Flagge des heiligen Ehestandes den sicheren Hafen eines molligen Appartements erreicht haben, sich durch den plötzlichen unerwarteten Anblick der ernsten Bibel zu einer schleunigen Umkehr und Buße mit Reue und Leid veranlaßt fühlen oder sich gar nur zu einem flüchtigen Stoßgebet ermahnen lassen, bevor sie sich in die Versuchung begeben, wirklich Mann und Frau zu sein. – Mein Freund, ich bezweifle es. Aber du wirst jedenfalls auch hier wieder den Wirt verantwortlich machen wollen für anderer Leute Sünden, wie du eine Eisenbahn oder eine Schiffahrtsgesellschaft verdammen wirst, weil sie den Halunken und Verbrechern Mittel bieten, sich der Gerechtigkeit zu entziehen. – Oh, all der bittere Hohn, mit dem uns das böse Leben überschüttet! – Wenn wir doch nur das Geld sparen könnten, das wir durch unsere Dummheiten verschwenden! – Die Qualen der blutenden Herzen, ja selbst die Lächerlichkeiten, denen wir uns aussetzen, ließen sich dann leicht ertragen. –
Wenn ihn also eine feine Dame beauftragt, Whisky oder Cocktail in einem zierlichen Teetöpfchen und dünnen, unschuldigen, goldumränderten Porzellanschälchen zu servieren, so mag ein unbeholfener Kellner wohl heimlich grinsen und sich darüber lustig machen, ein wirklicher, tüchtiger Kellner aber wird den Auftrag ausführen, ohne mit einer Wimper zu zucken. Es wird nur eine grenzenlose, stille, tiefe Verachtung in seinem Herzen aufkeimen für die Feigheit und die Heuchelei der Menschen, welche Furcht vor sich und ihresgleichen haben, die Menschenfurcht, die gemeinste, die hündischste aller Furchtgefühle. Und es wird eine ganz stille, tiefe, heilige Verachtung sein, die es gar nicht mehr liebt, sich zu zeigen. Sie wird nicht mehr versuchen wollen zu spotten, denn der Spötter verdirbt doch viel, statt zu bessern, und sein ohnmächtiges Gelächter kehrt unverrichteter Sache an sein eigenes Ohr zurück. Und das tut weh. – Selbst das Gelächter der Götter über die Torheiten der Sterblichen ist nicht das Höchste. Die Ewigen können auch Blitze schleudern oder tief, ganz tief wie das spiegelglatte, unergründliche Meer schweigen.
Ein Mensch, der dies empfindet, steht hoch über allem Schmutze, mit dem ihn das Leben umgibt, und er selber wird keiner schmutzigen Tat fähig sein. Ja, der Schmutz, den seine Hand berührt, wird verklärt. – Gelehrte und gewissenhafte Menschen mögen ihm vorwerfen, daß man unter keinen Umständen eine Tat begehen darf, die er mit seinem Gewissen nicht vereinbaren könnte. Aber was ist denn das Gewissen? – Wachse ich nicht? Wechsele ich mich nicht wie das Licht des Tages? – Wer sagt mir, daß mir morgen noch gelten wird, was ich heute denke? – Und eine Notwendigkeit, die bis zur Neige auszutrinken uns das Leben zwingt, ist ein mächtigerer Befehl als das heutige Gewissen. Nein, Freund, nur das Bewußtsein unseres inneren Menschen ist unsere einzige Rettung! Das robuste, gesunde Selbstbewußtsein mit der Verantwortlichkeit für sich selbst. Ein solches Gewissen wünsche ich jedem meiner Zeitgenossen, den unser heutiges Leben in einen wilden Kampf um ein Stück Butterbrot oder noch weniger stößt, den es zwingt, nach seiner Flöte den Totentanz zu tanzen, bis die Kräfte versagen. – Den Zeitgenossen wünsche ich dies. Denen, die da kommen werden, brauchen wir es nicht zu wünschen, denn dann werden Männer mit starken Seelen Reiche des Friedens geschaffen haben, darüber der junge Tag jedesmal mit einem Jauchzeschrei aufgehen wird. Totenfeier und Glockenklang wird uns dann gelten, reine Tränen werden für uns, die toten, schuldigen Kämpfer fließen. Denn wir waren es, die ihnen die Pfade mit mühsamen Schritten geglättet haben. –
Nun, Freund, rede! – Ich will dir gerne lauschen. – Freund meiner Jugend! – ich flehe dich an, rede! – – Nun? – Hm – hast du – – haben Sie nichts mehr zu sagen?! – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Gute Nacht, Herr Bischof – – angenehme Ruhe ...
VIII.
Kellner, meine Gäste lassen heute aber lange auf sich warten. – So, Sie sahen den Herrn Doktor ausgehen? – Hm, dachte mir schon, daß er nicht kommen würde. Und die anderen Herrschaften? – Abgereist? – Wer? – Der Herr Bischof? Davon hat er mir doch gar nichts gesagt! – Na, und der Herr Professor läßt sich entschuldigen! – Der Herr Kommerzienrat hat plötzlich wichtige Geschäfte zu erledigen! – Die Damen sind unwohl! Hurra! Die Musik spielt heute auch nicht hier. Der Saal ist schwach besetzt! – Großartig! – Ein wahrer Glückstag. –
Na, Kellner, dann bringen Sie mir aber mal was Gutes zum Essen. Heute werde ich meine Mahlzeit mit Andacht einnehmen können; heute werde ich doch verstehen können, was ich esse. – Was? – Canapé de Caviar à la Romanoff?! – Nein, danke, heute nicht. – Als Horsd'œuvre einen eingemachten Hering. Ich habe 'nen Katzenjammer. Darauf einen Teller gute Fleischbrühe, einen saftigen Rostbraten mit hausgemachten Nudeln. Die Nudeln mit ein klein wenig Muskatblüte und recht viel geriebenen Käse. Und eine Flasche Bier. Ah, das wird munden! – –
Übrigens muß ich Ihnen mein Kompliment machen, junger Mann. Sie verstehen Ihr Geschäft. Und das ist keine Kleinigkeit! Sie haben mich und meine Gäste während meines Aufenthalts ausgezeichnet gut bedient. Meine Diners waren fehlerlos, ein Gegenstand des Neides für meine Rivalen. Ich habe nicht zu warten, mich kein einziges Mal umzusehen brauchen. Alles kam von selber. Alles war einfach perfekt. – Hier, darf ich Ihnen daher diese Kleinigkeit für Ihre Mühen und ...? – Wie? Sie nehmen kein Trinkgeld!? – Oder wollen Sie mich gar beleidigen? – Sind zwanzig Mark für acht Diners nicht genug? – Wie? Überreichlich, und doch wollen Sie es nicht annehmen! Dann halten Sie mich also für einen Kollegen? – Auch nicht? – Sonderbar! Von mir nehmen Sie kein Trinkgeld –?! – Warum gerade von mir nicht und doch von den anderen Gästen? – Mein Geld ist doch genau so gut wie das der anderen und vielleicht weniger »befleckt« ... nun, was ist es denn! So sprechen Sie sich doch aus! – – – Ja, ja, gewiß, ich nehme Anteil an Ihrem Lose, ich nehme Anteil an jedem menschlichen Lose. – Aber woher wissen Sie denn das? – Aha! Sie haben auf meine Reden mit meinen Gästen gehorcht! – Welch ein Wunder! Der Mensch horcht und bedient gut zur gleichen Zeit! – Aber ein Kellner soll nicht horchen. – Ein guter Kellner tut das überhaupt nicht! Das wissen Sie so genau wie ich. – Wirklich, ich habe mich in Ihnen getäuscht! Ich hätte Sie für einen besseren Mann gehalten! – Was? Sie konnten beim besten Willen nicht widerstehen? – Na, diesmal soll Ihnen noch verziehen werden! – – Aber das ist interessant! Ich soll etwas für Sie tun?! – Ja, mein lieber, junger Freund, Trinkgeld nehmen Sie nicht von mir an! – Was soll ich denn sonst noch für Sie tun? – Ich habe Ihnen doch bereits ein gutes Zeugnis ausgestellt. – Wollen Sie Ihr Lob noch einmal vor dem Prinzipal ausposaunt hören? – Nicht? – Dann könnte ich Sie höchstens noch als meinen Haushofmeister engagieren; aber mein Château ist erst im Bau begriffen, und es wird noch lange, sehr lange dauern, bis es fertig ... Na, jedenfalls geben Sie mir Ihre Adresse ... ich will sehen, was ... Wie? – Nicht für Sie persönlich, sagen Sie! Aber für wen denn sonst? – Den Stand? – Ich soll etwas für den Kellnerstand im allgemeinen tun! – Sie meinen, seine soziale Lage verbessern, das Ansehen heben ...? Aber wie kommen Sie denn auf eine solche Idee? Wie soll ich denn das anfangen!? – Bücher darüber schreiben! – Bah, welchen Zweck sollten solche Bücher haben!? – Bei der heutigen Flut von Büchern ... haben Sie eine Ahnung? – Niemand würde Bücher über die Kellner lesen. Die Kellner selber würden sie nicht einmal beachten! – Wenn die freie Zeit haben, liegen sie auf dem Turf. Wenn ohne Stellung, treiben sie sich in den dumpfen Schnapslokalen der Stellenvermittler herum. Sie haben keine Zeit, Bücher zu lesen und sich um ihr Los zu kümmern. – Nein, mein junger Freund. Die Kellner allein haben ihr Schicksal in der Hand! Sie und niemand anders auf der Welt kann es bessern, kann ihnen helfen! – Sehen Sie denn nicht, niemand bekümmert sich um Ihr Los! – Der Bischof, gegen den ich gestern Ihren Stand verteidigt habe, reist heute ab. Der Soziologe, dem ich die Ohren voll gepredigt habe, läßt sich entschuldigen. Der Herr Doktor strahlt durch Abwesenheit. Der Großindustrielle ist jedenfalls so von der Verwerflichkeit des Trinkgeldes überzeugt worden, daß er in Zukunft keins mehr geben wird. – Die Damen, oh – Ihre schlimmsten Plagegeister – – Sie sehen ja selber, wie es mir ergeht! Ich bin in argen Mißkredit geraten! – – Nein, mein Freund, Ihr Schicksal müssen Sie selber ausfechten. Die Zeit wird kommen, wo die Kellner gut organisiert und menschenwürdig für ihre Arbeit bezahlt sind. Dann wird Ihr Stand von selber angesehen sein. Wenn alle Vorurteile beseitigt, alle Übelstände und Schäden Ihres Standes im Laufe der Zeit kuriert sein werden, wenn die Zustände, die heute noch als primitiv und engherzig Ihr Leben unerträglich machen, verbessert worden sind, dann fallen die meisten Möglichkeiten zu Konflikten in Ihrem Geschäfte wie im geistigen Leben in sich selber zusammen. Das Dasein des Kellners wird sich dann als ein menschenwürdiges und glückliches erweisen, wie es deren trotz allen Elends in den modernen Industrien noch zu Millionen unter den Menschen gibt. Es wird dann eine Freude sein, in Ihrer Stellung arbeiten zu können. Dann werden Sie auch die Freude der Arbeit empfinden – ihr eigentlicher Lohn, der Ihnen bis jetzt noch versagt ist.
Ob ich wirklich einmal als Kellner gearbeitet habe? – Selbstverständlich, mein Freund! Und als solcher habe ich einen unvergeßlichen Augenblick erlebt. Dies war, als ich einen jungen Koch am Herdfeuer stehen sah, einen sauberen, kleinen, lebhaften Franzosen mit schwarzen, funkelnden Augen. Meine stumme Bewunderung schien ihn mit Stolz zu erfüllen; meine Wenigkeit machte ihn keck. Er klapperte ungeduldig mit seiner Pfanne und stieß plötzlich aus: