»Mon Dieu, que j'ai envie de travailler!«
Dabei schwenkte er die Pfanne mit einer flinken Bewegung und warf eine »Crêpe« in die Luft, wo sie dreimal Saltomortale schlug und geschickt wieder aufgefangen wurde. – Dazu dann die berühmte, unnachahmliche südliche Geste ... – gottvoll! Das Bild dieses jungen Arbeiters, ganz mit dem Stolz auf seine Kunst erfüllt und mit der großen Liebe für seine Arbeit – es ist eine meiner liebsten Erinnerungen!
Auch Sie, mein Freund, sind auf die Freude der Arbeit berechtigt und nicht auf ihren klingenden Lohn allein. Und darum raffen Sie sich auf! Nichts ist herrlicher als »struggle for life«, als der Kampf ums Leben. Er ist das Leben selber. Denn während wir kämpfen, hoffen wir. Die Entscheidung des Kampfes ist erschütternd, wenn nicht noch mehr: langweilig. Der Sieger ruht gern auf seinen Lorbeeren aus, wird fett, behäbig, unwachsam. Der Besiegte wird zermalmt, vernichtet. Der Kämpfer allein steigt und bewegt sich. Darum ist das Leben ein beständiges Ringen und dies die Freude der Lebenden, der Gesunden ... Und der Mann, der einmal aus einem seelischen oder körperlichen Ringen als Sieger hervorging, darf auch nicht glauben, daß er nun gegen die Angriffe geheimer Mächte oder gegen die Tücke des Nachbarn auf immer gefeit sei. Nein, neu und immer neu stürmen die Widersacher und die Versuchungen auf ihn ein. Neu und immer neu bedrängen sie ihn. Er muß wachen, muß bereit sein. Die Versuchungen sind das Leben der Seele. Je heftiger und häufiger diese Angriffe sind, um so schöner wird sich die Seele des Kämpfenden gestalten. Und wie jeder einzelne Mensch sich seine Existenz erkämpfen muß, so müssen es auch die Familien, die Stämme, die Völker, die Nationen, die Welten. So entstehen Ackerbau, Künste, Industrien, Wissenschaften, Kulturen, Gewerbe, Kriege, Revolutionen, Aufruhre. Wer kann sagen, daß Erdbeben, Fluten, Feuersbrünste, alle Aufruhre der Elemente Unglück sei? Verschlingt nicht eine Woge die andere? Bleibt nicht alles zusammen in der großen Gemeinschaft des Meeres?
Wir Menschen können einander wenig oder gar nicht helfen. Aber einer unserer größten Denker, Kant, sagt, daß der Mensch so viel tun soll, als in seinen Kräften steht, um ein besserer Mensch zu werden. Unter dieser Voraussetzung – aber dann auch gewiß – könne er hoffen, was nicht in seinem Vermögen stehe, werde ihm durch höhere Veranstaltung zuteil werden ...
NACHWORT.
Ich hatte also meinen Zweck erreicht! Ich stand allein mit meinem Kellner. Meine internationalen Freunde hatten sich entschuldigt, sich zerstreut – mich gemieden. Sie hatten genug. Ganz sanft hatte ich sie tot gelangweilt, respektvoll und auf praktische, ehrliche Weise hinweggeekelt. Der Kellner ist gut zur Bedienung. Sehr gut sogar mitunter. Unzureichend aber ist er als Gegenstand amüsanter Betrachtung am Tische, den er bedient. – Darum schließt man die Augen lieber. – Die Spannung bleibt allerdings.
Ich hatte also meinen Zweck erreicht. Aber wie! Mit welchen Mitteln! Mit welchen Opfern! – Nicht, daß ich den Verlust der Freunde beklage! Beileibe nicht. – Aber durch die hartnäckige Verfolgung des Fadens wurde ich in Tiefen geleitet, die ich anfangs selber nicht ahnte. Ich hatte einen neuen Menschen kennen gelernt. Ich fühle aber nun, daß die schöne Zeit der sorglosen, fröhlichen Mähler auf immer dahin ist. Denn seit ich unseren Ganymed, den Kellner, ganz kennen gelernt habe, seit ich die Leiden, das Schicksal dieses Menschen weiß, seit diesem Tag kann ich keine Mahlzeit, kein Glas Wein mehr so froh wie ehedem genießen, und mag's mir noch so freundlich gereicht werden – oder gerade dann noch viel weniger. Ich fühle mich nicht mehr als Gott. Alles rings um mich ist menschlich. Sehr menschlich.
Meine Freunde ahnten dies Unheil dumpf. Sie hatten zwar keine bestimmte Vorstellung davon, aber darum gerade blieben sie weg. Sie entfernten sich. Sie fühlten etwas wie ein kalter Hauch einer unsichtbaren, neidischen Geisterhand über ihren Freuden schweben, sie hörten einen Tropfen Wermut in ihren Becher sickern. Sie sahen bleiche Gesichter, Tränen – sie sahen Gespenster – was weiß ich! – Kurz, sie schlossen die Augen, sie wollten nichts sehen, sie dankten, zitterten, flohen ...
Halb erleichtert, halb bedrückt atmete ich auf. Dann ging ich hinaus in die frische Luft. Doch noch lange lag die brütende Schwüle des werdenden Menschenschicksals drückend auf meiner Stirn.
Wir atmen nicht nur ein, wir atmen auch aus. Und der keimende Gedanke wirkt in uns, bis er zum Ereignis wird. Das Ereignis ist die stumme Nacht – die Frucht – das Letzte ...