Die Reisenden schienen es allmählich für am bequemsten und besten zu halten, in den Gasthäusern an der Landstraße abzusteigen. Dieser Brauch wurde nach und nach allgemein. Die Römer, zur ersten christlichen Zeit auf dem Höhepunkte ihrer Macht und ihres Glanzes, waren natürlich die Hautevolee des damaligen Reisepublikums, die antiken Globetrotters. Als solche machten sie sich das Reisen so angenehm und sicher als möglich. An allen Landstraßen errichteten sie Stationen zum Pferdewechseln, mit welchen gleichzeitig ein Nachtquartier verbunden war. An Weinschenken und Gasthöfen in den Städten und Dörfern des Altertums war wirklich kein Mangel. Auf Reinlichkeit ihrer Lokale schienen die antiken Wirte jedoch im allgemeinen wenig Wert gelegt zu haben. Oder Horaz war ein großer Kostverächter. Denn der alte Dichter drückt sich sehr verächtlich über die Tavernen und Wirtshäuser seiner Zeit aus. Es ist auch möglich, daß er als Poet nicht immer bei Kassa war und die damals schon existierenden erstklassigen Lokale daher nicht frequentieren konnte. Vornehme Reisende, welche keine Freunde in der fremden Stadt hatten, stiegen gerne in den besseren Deversorien ab, weil sie dort gut aufgehoben waren. Zur Unterkunft der Dienerschaft und der Gespanne der Reisenden dienten die gewöhnlich etwas abseits liegenden Dependancen des vornehmen Gasthofes.

Wie von der ganzen antiken Zivilisation, so gewinnt man auch von den Hotel- und Restaurantverhältnissen der römischen Blütezeit ein wunderbar lebendiges Bild bei einem aufmerksamen Spaziergang durch die toten Straßen Pompejis. Als der Vesuv an dem verhängnisvollen Augusttage des Jahres 79 die schrecklichen Verheerungen in seinem Umkreis anrichtete und das blühende Leben rings um sich her zerstörte, da dachte niemand der Unglücklichen daran, welchen Dienst dieser polternde, feuerspeiende Bergriese den kommenden Geschlechtern erweisen würde. Er gab den leichtherzigen Bewohnern der Städte gerade noch Zeit genug, ihre kostbaren Siebensachen und Barschaft zusammenzuraffen und sich dann wörtlich aus dem Staube zu machen. Die fröhlichen Städte aber wurden samt allem, das nicht fliehen konnte, mit dicken Schichten von Asche, Bimsstein und Lava bedeckt. Sie wurden den späteren Zeiten aufbewahrt. War es die Vorsehung, welche mit prophetischen Augen die wütenden, verheerenden Scharen bärtiger, struppiger Barbaren aus dem Norden heranziehen sah, um Rom zu vernichten? – Wer kann sagen, was die schrecklichen Werkzeuge der Vernichtung des Schönen in der Faust des dunklen Schicksals der Völker bedeuten? – Wir, die Nachkommen, freuen uns, daß Pompeji gerade zu seiner Glanzzeit bedeckt und uns aufbewahrt wurde. Als man vor etwa hundertundfünfzig Jahren anfing, die Decke von der toten, vergessenen Stadt zu lüften, war man sehr erstaunt. Man fand Dinge, worauf man sich als neueste Errungenschaft etwas einbildete, man fand, daß die toten Bürger der toten Stadt sie besser verstanden hatten.

Und je weiter man vordrang, vorsichtig, Schritt für Schritt, Zoll für Zoll, um so herrlicher und wunderbarer und lebendiger rollte sich das Bild ab. Nun sehen wir sie alle vor uns! Unbewußt, ahnungslos, daß sie beobachtet werden, schalten und walten sie weiter. Und besser als irgendwo anders erkennen wir das lustige Völklein von Pompeji in seinen Gasthöfen, Weinschenken und Speisewirtschaften. Wir sehen sie essen und trinken, lachen und zürnen, all die würdigen Senatoren, die edlen Frauen, die Bankiers, die strammen Zenturionen, die flotten Maler und Bildhauer, die düsteren und fröhlichen und lausigen Dichter, die leichtherzigen Komödianten, die sanften Flötenspieler, die großsprecherischen Gladiatoren, die Handwerker, die Krämer, die Wirte, die Soldaten, die Bauern, die Sklaven, die Priester, die Priesterinnen, die Kellnerinnen, die Köche, die Sklavinnen, die leichtsinnigen Dämchen.

Natürlich hat das antike Gastwirtsgewerbe mit der Entwicklung des anderen Lebens Schritt gehalten. Bis heute hat man ein schönes, mäßig großes antikes Gasthaus in Pompeji bloßgelegt. Dieses befindet sich an der Gräberstraße. Eigentlich ist es nichts mehr als ein dürftiger Trümmerhaufen, aber die Fundamente und Säulenstumpfe deuten darauf hin, daß die Hauptzierde des Gebäudes eine schöne Säulenhalle war. Im Erdgeschoß unter den Säulen befanden sich allerhand Kaufläden; im ersten Stock wohnten die Gäste, welche von dort eine prachtvolle Aussicht auf das blaue mittelländische Meer genossen. Dienerschaft und Pferde wurden in neben dem Hause liegenden Ställen untergebracht. Man weiß nicht, ob die Gäste ihre Mahlzeiten in diesem Hotel einnahmen oder die vielen Speise- und Weinwirtschaften der Stadt aufsuchten. Auch ist es möglich, daß sie sich die Speisen von einer solchen in ihr Quartier bringen ließen, denn das Gasthaus selbst weist keine Einrichtungen für die Zubereitung von Speisen auf. An Speise- und Weinwirtschaften jeden Ranges war zur damaligen Zeit in Pompeji kein Mangel. Eines der renommiertesten Häuser war das nahe beim herkulaner Tor gelegene Gasthaus des Albinus, der in würdiger, stolzer Einfachheit seinem Etablissement gleichfalls die Firma »Albinus« gab. Das Gasthaus »Fortunata« hatte eine sehr günstige Lage im Mittelpunkt der Stadt an einer belebten Straßenecke und war gleichfalls sehr beliebt. Vor seiner Tür steht ein garstiger Brunnen, worauf ein Raubvogel abgebildet ist, der einen Hasen davonträgt. Wir müssen den hochentwickelten Geschäftssinn der damaligen Wirte bewundern. Den großen Wert einer guten Lage kannten sie ganz genau. Fast jedes Eckhaus war daher als Schenke oder Gastwirtschaft eingerichtet. Andererseits ist mir jedoch die stumme aber bedeutungsvolle Gegenwart eines Trinkbrunnens an vielen Straßenkreuzungen, also vor der Tür der meisten Gasthäuser geradezu rätselhaft. Über das Verhältnis der hohen städtischen Behörde oder der Polizei von Pompeji zum zeitgenössischen Gastwirtsgewerbe ist leider nichts bekannt. Ob die antiken Stadtväter mit den Ausbeutereien der antiken Wirte weniger Erfolg hatten wie ihre modernen Amtsbrüder bei ihren Zeitgenossen, und ob sie aus solch niedrigen Motiven daher als Maßregelung der streitbaren Wirte die rätselhaften Trinkwasserbrunnen vor die Türen der Tavernen pflanzten, ist ein noch unerforschtes Geheimnis. Da ich in den meisten Fällen sehr realistisch denke, so habe ich die Überzeugung, daß die Wirte an der Existenz der besagten Brunnen unschuldig sind, und ich werde in dieser Annahme bestärkt, je mehr ich mir das Leben und Treiben der pompejanischen Wirte und ihrer Habitués betrachte. Eine große, höhnische, heimtückische Macht verschanzt sich hinter diesen Brunnen. Ich glaube wirklich allen Ernstes, daß eine damalige, uns unbekannte große Temperanzbewegung unter den nüchternen Bürgern und Bürgerinnen der sonnigen Stadt am Meerbusen von Neapel es zustande gebracht hat, mit Hilfe öffentlicher Subskription jedes neu entstehende Gasthaus mit einem nassen, nüchternen Brunnen zu beantworten. Obgleich das Wasser darin heute nicht mehr fließt, so sprechen die Brunnen selber auch für diese Behauptung. Sie können ihre Herkunft wirklich nicht verleugnen. Sie sehen ganz nach einem temperänzlerischen Ursprung aus. Durchweg prosaisch und geschmacklos wie sie sind, stehen sie in scharfem Kontraste zu dem ästhetischen Bedürfnis der Alten. Vergleicht man sie mit Brunnen in einem pompejanischen Atrium oder Peristil, so sehen sie wirklich nur steinernen Trögen ähnlich, darinnen das liebe Vieh seinen Durst stillt. Da ich aber kein Historiker bin und auch weder Zeit noch Lust habe, das Wirken dieser antiken Temperänzler schärfer zu beleuchten, so werden moderne Mäßigkeitsgesellschaften, die die Früchte ihres Eifers als ein erst in ihnen gezeitigtes Verdienst beanspruchen, meine Mutmaßung mit ungläubigen und zweiflerischen Augen betrachten und die Existenz von antiken seelenverwandten Bruder- und Schwesterschaften leugnen, statt mir für die wichtige Entdeckung zu danken.

Schenken und Wirtschaften, welche Sklaven, Krämer, kleine Makler, Gladiatoren und Schauspieler zu ihrer Kundschaft zählten, waren sehr zahlreich. Diese Lokale hatten verschiedene Namen, wie Oenopolium, Taberna vinaria oder Caupona. Viele verabreichten nur Getränke, wovon eines der beliebtesten die »posca« war, eine Art Cocktail von Wein, Eiern und Wasser, welches kräftig zusammen geschlagen wurde. Die Popinae, die Speisewirtschaften für die niederen Klassen, bezogen ihren Bedarf an Fleisch aus den Tempeln, wo sie die geopferten Rinder, Schafe und Schweine zu billigen Preisen ankaufen konnten. Sehr häufig stellten diese spekulativen Wirte die verlockend zubereiteten Leckerbissen im Fenster oder in der Haustüre aus. Die hungrigen Passanten konnten natürlich solchen appetitlichen Anblicken nur schwer widerstehen. Doch auch schon damals, ganz wie heute, bediente man sich gewisser künstlicher Mittel, um die zäheren Gäste über Quantität und Qualität der Ware hinwegzutäuschen. Die Thermopolia, Tavernen, welche als Spezialität warme Getränke, unsere heutigen Grogs und heißen Punsche, verabreichten, wurden schon von den besseren Klassen besucht. Wenn ich »bessere« Klassen sage, so meine ich natürlich auch feinfühlende Menschen. Wie schwach müssen die Pompejaner und wie stark ihr Grog gewesen sein! Wie verrufen die Thermopolia! Denn viele der braven Zecher vermieden aus allen möglichen Gründen beim Besuch der Taverne jedes unnötige Aufsehen. Unter dem Schutze des cucullus, einer Art Haube oder Kapuze am Mantel, die über das edle Haupt gestreift wurde, schlüpfte manch ein Pompejaner durch die Gasse und verschwand im Hinterpförtchen der Schenke. – – Wie meinen Sie? Keinerlei historische Berechtigung? Gewiß nicht. Aber es bedarf doch wirklich keiner kühnen Kombinationsgabe, um diese zartfühlenden, heimlichen Trinker als Mitglieder der erwähnten antiken Temperanzgesellschaften zu erkennen, welche dem warmen Thermopolium den kalten, klaren Brunnen vor die Türe setzten. Ich gebe daher dem Dichter Plautus vollständig recht, wenn er sich über die bedauernswerten Männer lustig macht, welche verhüllten Hauptes in die Schenke schleichen mußten, um sich am warmen, würzigen Glühwein gütlich zu tun. Und dann, hm, verzeihen Sie, daß ich's erwähne, doch zur Psychologie der Zecher ist es notwendig – diese Schenken hatten außer dem Glühwein noch eine andere Attraktion in der Gestalt der Copa, was die antike Kellnerin oder Barmaid war. – Bitte – – dies ist vielleicht nicht so verdammenswert, wie wir annehmen mögen. Nach pompejanischen Gemälden zu urteilen waren diese Copae genau so resolute und stramme Jungfrauen und Geschäftsgenies wie ihre Kolleginnen von heute. Ein Bild stellt uns eine solche holde Hebe dar, wie sie von einem zaudernden Gaste energisch Bezahlung für den warmen Trunk verlangt. Ohne Zweifel ein antiker Mäßigkeitsbruder.

Schon früh empfanden die Wirte das Bedürfnis, dem Gedächtnis ihrer Kunden zu Hilfe zu kommen. Daher tauchen schon im grauen Altertum all die schönen Firmen »Zum Adler«, Hahn, Apfel, Rad, Merkur, Traube, Krug usw. auf. Daher die prangenden Schilder, die dem durstigen Passanten sagen, wo etwas Gutes zu haben ist. Daher die verlockenden Inschriften, die rührige Reklame der Gasthäuser. Die Pompejaner waren groß darin. Weder Temperanzbewegung noch Trottoir oder Reklame sind Errungenschaften unserer Zeit; wie vieles andere, worauf wir stolz sind. Die Alten hatten und übten es schon. Genau wie heute blühte damals die Sitte, die Wände der Häuser und die Mauern der ganzen Stadt mit Reklamen zu verschönern. Da es noch keine Zeitungen gab, so war in ganz Pompeji kein freies Plätzchen mehr, worauf nicht etwas Nützliches, Geschäftliches, Offizielles oder Wissenswertes angezeigt, gemalt oder gekritzelt gewesen wäre. Wie alle erdenklichen öffentlichen, politischen, städtischen, Neuigkeiten, Theater- und Ringkampfanzeigen, persönliche Mitteilungen wie Liebesseufzer und Beleidigungen, Lob- und Schmähreden an allen Ecken und Enden zur Einsicht offen standen, so übten auch die Menüs der Restaurants und Speisehäuser an den Mauern ihre stumme Pflicht. Bei der starken Konkurrenz kann ein Geschäft nur mit wirksamer Reklame aufrecht erhalten werden. Diese, eine unserer neuesten Ideen, verwirklicht von pompejanischen Wirten vor beinahe zwei Jahrtausenden! – Sarinus, der wackere Sohn des Publius, begrüßte auf der Wand an einer Straßenecke den müden oskischen Wanderer und teilt ihm höflichst mit, daß man um die zweite Ecke biegen müsse, um das vorzügliche Hotel Sarinus zu finden. Ein anderer Wirt, welcher noch über ein unvermietetes schönes Zimmer mit drei Betten und allen »Bequemlichkeiten« zu verfügen hat, läßt es der Mitwelt unverzüglich wissen:

»HOSPITIUM HIC LOCATUR TRICLINIUM CUM TRIBUS LECTIS ET COMM«(odis)

Ein sehr interessanter Speisewirt, ein Reklamegenie ersten Ranges, ein köstlicher Humorist, überzeugt von der Güte seiner Küche, preist dieselbe folgendermaßen:

»UBI PERNA COCTA EST SI CONVIVAE APPONITUR NON GUSTAT PERNAM LINGIT OLLAM OUT CACCABUM«

womit er sagen will, daß ein Zeitgenosse, welchem einer von seinen gekochten Schinken vorgesetzt wird, nicht gleich den Schinken kosten, sondern zuerst das Geschirr auslecken wird, worin der Schinken gekocht wurde.