Die antike Weinwirtschaft sah häufig einer modernen American Bar sehr ähnlich. Noch heute weist eine ehemalige elegante Taverne an der Via Nolana, der Straße nach Nola, in Pompeji einen stattlichen Schanktisch aus polychromem Marmor auf. Darunter befanden sich die großen irdenen Weinkrüge, die amphorae, angenehm durch Wasserleitung gekühlt. Der Wirt oder die Copa schöpften den Wein mit großen bronzenen Schöpflöffeln heraus und füllten die »poculae«, die Becher ihrer Gäste je nach dem Durst und den Mitteln derselben. Der Wirt an der Via Nolana muß ein kunstsinniger Mann gewesen sein. Sein Lokal war mit Freskogemälden geschmückt, welche einen Bacchus und einen Silenus darstellten. Andere Tavernen wiesen weniger künstlerischen Wandschmuck auf, aber überall schien ein Bedürfnis für Dekoration zu herrschen. Die Gäste selber schrieben oder malten oft etwas an die Wände der Schenken. Sie machten Anzeigen irgendwelcher Art, schrieben ihre Namen nieder, kritisierten das Essen und Trinken oder wurden anzüglich. Verschiedene künstlerische Versuche antiker Amateure sind auf diese Weise erhalten geblieben. So zum Beispiel eine verdächtig aussehende Gruppe von Würfelspielern, ein Jüngling, der mit einem Mädchen schäkert, ein Wirt, welcher ein Paar Krakehler an die Luft setzt. Nach unseren gegenwärtigen Verhältnissen zu schließen, müssen dies Studentenkneipen gewesen sein. In manchen Lokalen läßt auch die Orthographie der Sprache zu wünschen übrig. In Pompeji wurden auch mehrere Sprachen gesprochen. Das Resultat ist ein oft an den Wänden der Schenken zu findendes Kauderwelsch von Latein, Griechisch und Oskisch, dessen man sich im allgemeinen Umgang viel bediente. Wir dürfen daher die modernen Deutschamerikaner nicht allzusehr schmähen, wenn ihr Jargon die Reinheit der Muttersprache verloren hat.

So können Sie alle Stätten sehen, wo die Alten aßen und tranken und fröhlich waren. Vom schönen, erstklassigen Hotel Bellevue an der Gräberstraße herab bis zu den einfachen Herbergen, vom eleganten künstlerischen Weinwirt an der Straße nach Nola, in dessen Lokal sich die Honoratioren und Hautevolee der Stadt einfanden, um an zierlichen Tischchen und auf künstlerischen Dreifüßen zu sitzen und aus schön verzierten silbernen Pokalen Wein zu trinken, bis hinab in die Spelunken mit ihren »Chambres separées« und deren passendem Wandschmuck, Lokale, die genau wie heute sich ihres zweifelhaften Charakters wegen unter der Bürgerschaft eines großen Renommees und Zuspruchs erfreuten und jedenfalls glänzende Geschäfte machten.

Ja, leider, gnädige Frau! Zu allen Zeiten scheint die Menschheit ein gewisses Bedürfnis und eine Hinneigung zu Ausschweifungen, verschwenderischen Gelagen und Völlerei gehabt zu haben. Aber deshalb dürfen Sie doch wirklich nicht glauben, daß die alten Römer zum Beispiel entsetzlichere Schlemmer gewesen seien als wie wir. – Freilich, freilich, es herrscht diese allgemeine irrige Ansicht. Die Namen Lukullus, Nero, Elagabalus und wie sie alle heißen, die antiken Lebemänner, sind heute noch für jeden Gourmand der Inbegriff höchster Genußfähigkeit und nachahmenswerte Idole, während der Fromme sie nur mit einem Schauer von Entsetzen betrachtet und der hungrige Proletarier nur mit einer grimmigen, unterdrückten Verwünschung dieser Namen gedenken kann. Man hat jedoch schon verschiedentlich versucht, diese Irrtümer der Geschichte aufzuklären, und ich schließe mich gerne den einsichtsvollen Männern an, welche ein derartiges lobenswertes Werk unternehmen. – Nur durch die Geschichte der Menschheit kann man wirklich erkennen, was Mäßigkeit oder Unmäßigkeit ist. Wer dadurch der Menschheit Mäßigkeit in körperlichen Genüssen predigt, ist ihr Wohltäter. Das Bestiale in ihr nimmt doch immer wieder sein Teil. Und was die Mäßigkeit in Gedanken anbelangt – hm, da braucht man nicht so sehr zu sorgen, die kommt meistens von selber. Unser Heil liegt also in der Mäßigung in allen Dingen. – Wie für alles, so ist es auch für die antike Lebensweise und zu ihrem Verständnis wichtig, genau zu beachten, in welchem Lichte sie uns gezeigt werden.

In der grellen elektrischen Beleuchtung unserer Zeit nehmen sich die traditionellen »Schlemmereien« des Altertums doch recht dürftig aus. Ich will mich bemühen, Ihnen dies möglichst genau zu erklären. – Mögen wir auch noch so starke Scheinwerfer moderner Wissenschaft auf das Dunkel in der Geschichte der alten Kulturvölker richten, wir werden niemals in die rätselhafte Tiefe der vergangenen Jahrtausende dringen können, wenn wir nicht unsere Blicke in die eigenen Herzen tauchen und das Land der Alten mit der Seele umfassen. Dumpf schweigend betrachten wir alsdann das grauenhafte Ringen zwischen herrlicher, lebensdurstiger Schönheit und deren unerforschlichen, wilden, gegnerischen Mächten. Es ist der zögernde Kampf des Werdens, des Seins und des Vergehens, das wundervolle Trauerspiel des Lebens, das sich schon im Auge des Säuglings ahnen läßt, das Spiel, dessen klagende Akkorde das Jubilieren des Frühlings schon durchziehen. Wir sehen die Jugend dieser Nationen, ihren Trotz, ihren Mut, ihre Einfalt, ihre frische Stärke, ihre Einfachheit, Arbeitslust, Sittenstrenge. Wir sehen ihre Pläne, die sie als Erbauer von Weltreichen entwerfen; sie träumen von der Ernte künftiger Kulturen, deren Same in ihren Herzen wühlt. Sie essen einfach, trinken Wasser, opfern ihre Söhne für das öffentliche Wohl und die Gerechtigkeit. Wir sehen die gereiften Nationen, ihre Herrscher, Politiker, ihre Künstler und Denker. Wir beobachten die Wechsel in der Brust der Nationen. Fremde Einflüsse, welche durch den Verkehr mit der Außenwelt unvermeidlich sind, arbeiten im Charakter des Volkes. Wir sehen Wohlstand, Reichtum, Luxus, veränderte Lebensweise, veränderte Sitten, veränderte Ansichten und Gedanken, nagende Zweifel, lockende Versuchungen, heiße Kämpfe, überwundene Standpunkte, – Triumph des Neuen. So entschieden und bestimmt und scharf abgegrenzt sich die Konturen der Zeiten von ferne ansehen, so unmerklich ist ihr Übergang von einer zur andern. Sprossen, Wachsen, Verwelken. Und jedes hat seine Zeit, jedes seine Rechte.

Wie im Denken, im künstlerischen Empfinden, Weltanschauung und Lebensweise die Alten zur Blütezeit der Antike einfacher, stärker als wir und uns daher überlegen waren, so betrachteten sie auch das Gastmahl nicht lediglich als eine Funktion zur Körperernährung, sondern als eine geweihte Handlung, aus welcher sie Freude und Stärkung schöpften. Doch es gibt ein Halt. Und das ist das Rätselhafteste, das Unerforschlichste des Lebens: mit der größeren Ausdehnung, der steigenden Entwicklung der Nationen, mit ihrer wachsenden Freude am Dasein, mit ihrer Blüte und Manneskraft schlichen sich auch schon die grinsenden, verkleideten Dämonen des Verderbens in die Mitte der daseinsfrohen Menschen. Diese bösen Widersacher verteilten Reichtum und Macht mit vollen Händen, schmeichelten der Bestie des Menschen, fachten die wildesten Leidenschaften an. Sie weckten Myriaden von bisher ungekannten, verborgen schlummernden, unersättlichen Begierden. Überall, wo der Reichtum sich vermehrt, wo die berauschende, verführerische Stimme der Großstadt flüstert, da recken sich diese Gespenster empor und fahnden nach ihren Opfern. Und ihren Spuren folgen alle Greuel des menschlichen Lebens: Laster, Verbrechen, Krankheit, Sklaverei, Wucherei, Raub, Totschlag, Krieg, wie die Geier, Hyänen, Schakale, Raben, Würmer und andere Aastiere dem Geruche der Fäulnis folgen. Ein verheerendes Feuer schleicht durch das Mark eines Volkes, das im Banne dieser Mächte liegt, wie eine Seuche verbreitet es sich, vererbt es sich auf die Kinder der Eltern, bis das ganze Geschlecht wurmstichig, faul zusammenbricht und sich in den Stürmen der Zeit als Staub auflöst.

So fuhren die herrlichen Geschlechter des Altertums dem rätselhaften Finale entgegen, das ihrer harrte. Was war es? Lauerte es in dem blutdürstigen Gebrüll aufgebrachter Barbaren und in ihren Fußtritten? War es halb heraufbeschworen durch die Wünsche in der eigenen Brust, die aufreibende Gier nach Freude, nach Reife, nach Vollendung, nach Erlösung? War es eine schlaffe, süße Ermattung, eine Sehnsucht nach Tod oder der eigentliche Zweck, der Triumph ihres Erdenwallens? – Das Trauerspiel ist aus – der Winter ist da – wählen Sie, meine Freunde, sich den Schluß – ganz nach Ihrem Belieben und Ihrer Auffassung.

Unter solchen Eindrücken einer großen Vergangenheit, die ihre Hand selbst noch bis in unsere heutige Zeit hinein erstreckt und wunderbar mit der zauberischen Gewalt, welche von den Gräbern gestorbener Freuden ausgeht, unsere Herzen erfaßt, verbleicht natürlich unser eigenes Leben. Das ist das Recht, welches der Tod auf das Leben – oder die Vergangenheit auf die Gegenwart hat und ausübt. Wir fühlen uns klein. Es ist, als wollte sich das Vergangene an uns, den Lebenden, rächen, weil wir es verdrängt haben. So entstehen auch die Geschichten von dem märchenhaften Luxus, Schönheit und der schwelgerischen Lebensweise des Altertums. Aber ein einziger nüchterner Blick auf die technischen Möglichkeiten wird uns von dem magischen Banne des Vergangenen befreien. Ich will daher, meine Freunde, nicht Ihre Zeit verschwenden und Ihnen antike Gastmähler in allen meiner Phantasie zu Gebote stehenden Farben und mit allen Einzelheiten darstellen. Wir wollen uns auch nicht durch den Eindruck eines vergangenen Glanzes oder durch schwärmerische Geschichtschreiber beim Entwurf unseres Bildes vom antiken Gastmahl beirren lassen. Muß man nicht gewöhnlich über Historienbilder und »historische« Literatur lächeln, wenn man sich nicht gerade angeekelt fühlt? – Uns gilt nur, den Geist der damaligen Zeit mit den Augen unserer Seele zu betrachten und in uns aufzunehmen. Dies und nichts anderes ist der bleibende Wert, den die große Zeit hat, dessen Erben wir sind, den wir besitzen sollen. Alles andere ist Schutt und Trümmer und altes Gerümpel.

Es würde daher ungerecht und unrichtig sein, zu behaupten, daß die Alten in Raffinesse der Küche und Feinschmeckerei unsere Zeit übertroffen hätten. Was die Kunst des Essens und Trinkens jedoch anbelangt, so scheinen sie uns weit überlegen gewesen zu sein, obgleich – wie gesagt – die antike Küche bei weitem nicht so vollendet und reichhaltig war, wie es die der französischen Renaissance, also die unsrige ist. Denn dies ist gewiß: die Alten nahmen sich mehr Zeit zu ihrem Gastmahl: sie brachten ein einfaches, stolzes Selbstgefühl mit an ihre Tafel, ein Gemüt, das ungetrübt von einer vielverzweigten, rastlosen Zivilisation, unberührt von bedrückender, einengender Konvention steifer Faltenhemden und frei von jeder geschäftlichen Sorge einzig und allein einem inneren, angeborenen Bedürfnis für Schönheit folgend, die Freude suchte und sich rückhaltslos der Freude ergab. Denn die Gemütsbeschaffenheit des Gastes ist ein ebenso wichtiger Faktor im Wohlgelingen des Gastmahls wie die Qualität der Speisen. Daher maßen die Alten auch dem Gastmahl viel mehr Bedeutung bei, wie man es heutzutage tut. Man muß staunen über die herrliche Fülle von schönen, künstlerischen Tafelgeräten, Haushaltsgegenständen, Trinkbechern, Wärmebecken für Speisen, Leuchtern, Tripoden usw., die man noch in den letzten Jahren in Pompeji gefunden hat, wenn man bedenkt, daß die Pompejaner vieles für sie Wertvolle auf der Flucht vor dem großen Verhängnis ihrer schönen Stadt eiligst zusammenrafften und mitnahmen. Viele kehrten zurück, nachdem sich die Wut der Elemente gelegt hatte, drangen durch die eingestürzten Dächer ihrer verschütteten Heime ein und gruben aus, was in der Angst und dem Tumult der Katastrophe liegen geblieben war. Ferner waren in den darauf folgenden Jahrhunderten diese herrlichen Gräber des Altertums der Gier und Beutelust einzelner Menschen ausgesetzt, die eine leise Ahnung von den vergrabenen Schätzen hatten und diesen stets beizukommen suchten. Im siebzehnten und zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts wurde die unglückliche Stadt von gierigen Horden von Piraten und Kunsthyänen überfallen, die auf der Suche nach Schätzen und kostbaren Gegenständen alles wüst umwühlten und nichts verschonten. Erst vor wenigen Jahrzehnten regte sich das menschliche und archäologische Gewissen der Schatzgräber, und unserer Zeit verdanken wir alles, was wir über die Alten wissen. Sie erst machte uns auf jeden, selbst den kleinsten unscheinbarsten Fund aufmerksam und erklärte uns, wie die Alten aßen, tranken, handelten und wandelten.

Wie wenig war uns das Glück günstig, und wieviel haben wir noch gefunden! Und aus allen Funden spricht ein unersättliches Begehren nach Schönheit, ein auserlesener strenger Geschmack, ein gesundes, verlangendes Formen- und Stilgefühl. Warum sollte man nicht daraus schließen können, daß sich dieser künstlerische Geschmack auch auf die Auswahl, Zubereitung, auf das Servieren und Genießen der Speisen erstreckte? Was tut eine barbarisch zubereitete und barbarisch gegessene Speise in einer künstlerischen, edlen Schüssel? Was ein schlechtes Getränk in einer pocula, einem mit Rosen bekränzten Trinkbecher? – Sehen Sie, warum die Alten die Kunst des Essens besser verstanden als wir? In den Gastmählern eines Plato oder eines Plutarch erblicken wir einen schönen Gottesdienst, vor welchem ein modernes Diner mit allen seinen Raffinessen wie eine sachgemäße Abfütterung erscheint. Soundsoviel pro Kuvert. Im Essen und Trinken aber liegt ein tieferer Sinn verborgen. Und wenn wir den überirdischen Inhalt in etwas Irdischem erkennen, so nennen wir den irdischen Gegenstand oder Handlung ein Symbol, ein Sinnbild, ein Gefäß, ein greifbares Äquivalent für einen körperlosen, unsichtbaren Wert. Man bedarf dieser kleinen Symbole, um große Gedanken, seelische Welten, körperlose Vorgänge plastisch und verständlich darstellen und ausdrücken zu können. Die Welt, die Natur, das Leben ist voll davon. Die Menschen, die Religionen lieben sie. Im Bilde des Gastmahls namentlich ist der Sinn schön und unverkennbar klar. Ein Freund ladet den anderen gewöhnlich nicht zu sich, um ihn abzufüttern, sondern um mit dem Mahl eine Wohltat auszudrücken, die er ihm antun will. Daß eine solche Tat wiederum ihren reziproken Wert hat, daß sie dem Geber gleichfalls von Nutzen ist, ändert nichts an der Schönheit der Handlung.

So dürfen wir mit gutem Gewissen behaupten, daß die Alten zu ihren Blütezeiten den Sinn des Gastmahls ganz erfaßt und beherzigt hatten und dasselbe als das Symbol einer schöneren Handlung denn die Tätigkeit des Kauens und Verdauens betrachteten. Die alten Historiker und Dichter, obgleich sie viel über ihre zeitgenössischen Gastmähler berichtet haben, tragen freilich wenig zur Unterstützung dieses Gedankens bei. Vor allem aber hat sich die Weihe der Jahrhunderte über die vergangenen, versunkenen Zeiten gebreitet, hat geläutert und den Schmutz des Alltags ausgeschieden, so daß die erlebten und genossenen Freuden der Alten in verklärtem Glanze vor unseren bewundernden Augen auferstehen und jung sind – jung und schön, schöner als zu ihrer Zeit, da sie irdisch waren, wie die unsrigen zu unserer Zeit irdisch sind.