Wenn ich aber das realistische Bild eines antiken Gastmahls gegen das moderne Leben halte, so verblassen alle unsere Träume von der großen Zeit. Wer als Historiker, Wirt, Kellner, Fleisch-, Gemüse- oder Viktualienhändler oder gar als Gourmet den Irrtum begeht, die Größe der Antike in ihren Kochtöpfen zu suchen, der verdient gerecht bestraft zu werden, und er wird es. Seine Enttäuschung wird gräßlich sein. Er wird die alten Dichter und Historiker, die ihre Mähler besangen und feierten, für harmlose, schwärmerische Enthusiasten halten; er wird nicht begreifen können, wie die großen führenden Geister der damaligen Zeit von Schlemmerei und Völlerei ihrer Zeitgenossen faseln und solche »Ausschweifungen« bejammern konnten. Er wird sie für kurzsichtige Moralisten und schüchterne, schamhafte Schwachköpfe halten. – O ja, die Alten hätten wirklich gern geschlemmt – in unserem Sinne geschlemmt – wenn sie gekonnt hätten. Aber sie konnten beim besten Willen wirklich nicht. Die antiken Dichter haben tatsächlich viel gesündigt. Durch ihre Lobreden und glühenden Schilderungen der Tafelfreuden einerseits und deren absolute Verdammung andererseits haben sie die Nachwelt zu dem Glauben verführt, daß die antike Genußsucht und Prasserei etwas ganz Beispielloses in dem Schuldkonto der Menschheit gewesen sei. Aber lächelnd müssen wir den Dichtern etwas mehr Spielraum geben als den Photographen. Ein kurzer kritischer Blick über die Möglichkeiten zur Schlemmerei, die den Vielgeschmähten zu Gebote standen, wird alle Befürchtungen beschwichtigen und die Röte der Scham vor unserer eigenen Verwerflichkeit in unsere Wangen treiben. Es ist kein Zweifel, die Alten waren Feinschmecker. Wir auch. Möglichst gut essen will jeder. Sogar die, die darüber am meisten schimpfen. Aber die Güte des Menüs hängt ausschließlich von der Fülle und der Beschaffenheit der Rohmaterialien ab. Kürzlich fand man ein antikes Kochbuch. Ich weiß aber leider noch nicht, welchen Gebrauch die Alten von den guten Gaben der Natur machten. Woraus diese bestanden, können wir jedoch leicht erraten. Im großen ganzen waren sie wohl gleich denen von heutzutage. Nur nicht in so reicher Fülle. Der Boden schenkte den alten Völkern reiche Nahrung an Gemüsen und Pflanzen, wie er es heute noch tut. Der Süden bot ihnen seine köstlichen Früchte; die nützlichen Haustiere hatten sich schon lange den Menschen angeschlossen. Die alten Fischerleute wußten den Seetieren nachzugehen. Alle Muscheln, Mollusken und Krustazeen, die vielen Sorten delikater Fische des Mittelmeers, welche die Bouillabaise mit Recht so berühmt gemacht haben, alle zierten sie schon die Tafel der Alten. Und was die südliche Heimat nicht aufbot, das holten sich die Alten aus fernen Ländern. Aber vieles muß doch auf dem langsamen, beschwerlichen Transport gelitten haben. Wie die Austern, welche sich die Cäsaren von Englands Küste holen ließen, in Rom noch frisch und genießbar sein konnten, ist mir rätselhaft. Die meisten Gewürze und Spezereien des Morgenlandes vertrugen die schwierige Beförderung der damaligen Zeit wahrscheinlich schon besser. Daß jedoch derartige Importen zur damaligen Zeit mit großen Kosten verknüpft und folglich etwas ganz Unerhörtes waren, ist sehr natürlich. Nur die allerreichsten Gourmets konnten sich einen derartigen Luxus erlauben, während den weniger Bemittelten nichts übrig blieb, als sich respektvoll fernzuhalten oder über die »Extravaganzen« zu schimpfen und sie als verderblich zu bezeichnen. Eine besonders schmackhafte Art von Würstchen und gesalzene Fische, welche vom Pontus nach Rom gebracht wurden, galten nach den damaligen Begriffen der renommiertesten Feinschmecker als die größte Delikatesse. In den Augen der minder begüterten Bürger waren diese harmlosen Nahrungsmittel geradezu staatsgefährlich, ein Zeichen bedauerlichster Dekadenz. Wollüstige Gourmets, welche sich nicht mehr mit den heimischen zähen Hahnenbraten zufrieden erklärten und die korrupte, gottlose, orientalische Methode des Geflügelmästens in ihren Hühnerhof einführten, wurden entweder zu Genies oder zu Hochverrätern gestempelt. Zu gewissen Zeiten waren derartige Verfeinerungen ungefähr gleichbedeutend mit Gotteslästerungen, und römische Patrizier und Senatoren ergrimmten darüber mehr als heutzutage ein hungriger Proletarier, der zufällig etwas von indischer Vogelnestersuppe oder »Poularde truffée Regence« hört.
Wie meinen Sie, gnädige Frau? – Lukullus? – Nein, ich glaube nicht an seine märchenhaften Schüsseln, an die Nachtigallenzungen en ragout, an die lebenden Wachteln in gigantischen Pasteten usw. Lukull hat viel zu viel Geschmack besessen, um an solchen Dingen Gefallen zu finden. Die Einzelheiten, die heute noch über die Tafelfreuden des eigenartigen Mannes im Umlauf sind, halte ich für Ausgeburten einer heißhungrigen Phantasie späterer Jahre oder lüsterner, zeitgenössischer Poeten, die – ganz wie ihre modernen Kollegen – die Freuden der Tafel aus der Hungerperspektive preisen und sich durch die Verherrlichung der antiken Leckermäuler Eingang zu deren reichen Häusern verschaffen wollten. Lukull, der gefeierte Vielfraß, war ein eigenartiger, vielseitiger Mensch, der vielleicht durch die zweifelhafte Verherrlichung als Feinschmecker von der Nachwelt nicht genügend anerkannt wird. Er pflanzte zum Beispiel bekanntlich die ersten Kirschenbäume in Italien, eine sehr nützliche, für den Obstbau und die Hortikultur des Landes wichtige, verdienstvolle Handlung. Dieser feine Diplomat, Feldherr, Sportsmann und Literaturfreund züchtete auch Fische. Und hier spricht der Naturforscher und Naturfreund, nicht der Feinschmecker und Schlemmer, selbst wenn Kirschen und frische Fische zu seiner Zeit eine Delikatesse waren.
Sie sehen, die Alten mußten wirklich vieles Gute entbehren, das heutzutage ganz gewöhnliche Volksnahrung ist. Unsere schnellen Verbindungen mit allen Weltteilen haben uns viel neues Material, neue Gewürze, neue Pflanzen und andere Genuß- und Nahrungsmittel gebracht. Wir könnten uns kein Essen ohne diese vollständig denken. Die Alten hatten zum Beispiel keinen Kakao, Kaffee, Tee, keinen Tabak, keine Liköre, wie wir sie zu Tausenden haben. Sie hatten nicht einmal Kartoffeln, die Armen! Ihre Zähne, Gaumen und Mägen empfanden nicht die wunderbare Wirkung des süßen Gefrorenen, der Schokoladenbonbons und dergleichen Lieblichkeiten. Unsere modernen verbesserten Kücheneinrichtungen, die fortgeschrittene Technik, die Bratherde, Roste, Eisschränke, Ventilation, Feuerregulierung, Gas und Elektrizität bedingen eine bessere und ausgiebigere Behandlung und Verwertung der Rohmaterialien. Nein, Gnädige, die Alten hatten auch keinen Champagner, diesen prickelnden Urgeist der Tollheit. – Der wurde erst – wie das Schießpulver – von einem christlichen Mönche zum Heil der Menschheit eingeführt. – Können Sie sich überhaupt eine Schlemmerei ohne Champagner denken!?
Erkennen Sie nun die übertriebene Vorstellung, die wir von den Tafelfreuden der Alten haben, meine Herrschaften? Selbst mit unserem modernen Reichtum, mit der ganzen Reichhaltigkeit und Raffinesse unserer Kochkunst wäre es den Römern zu gewissen Zeiten einfach unmöglich gewesen, uns an verschwenderischem und lasterhaftem Lebenswandel gleichzutun. Die moderne Geschichtforschung hat uns dies ausführlich und klar bewiesen. Die alten Römer haben zu verschiedenen Perioden ein System zur Überwachung der bürgerlichen Moral gehabt, das die Herzen aller derjenigen freudig schwellen lassen würde, die sich in unseren Tagen solch lobenswerten Amtes befleißigen, dürften sie es nur nach antiken Mustern ausführen. Kaiser Augustus setzte die in einem Gastmahl zu »verschwendenden« Geldsummen gesetzlich fest. Die Höhe der Taxe belief sich je nach der Gelegenheit, in allen Fällen bescheidene, – für unsere Zeiten lächerlich geringe Summen, selbst wenn wir den praktischen Wert der damaligen Währung den Verhältnissen entsprechend in Betracht ziehen. Unglückliche mit einem angeborenen oder erworbenen notorischen Hang nach Fraß und Völlerei oder Verschwendungssucht wurden streng bewacht und beschnüffelt. Die Gesetze, die lieben Mitmenschen, die öffentliche Meinung zwangen solche Wüstlinge, sich einzuschränken. Der allgemeine Notstand, die geringe Währung, die knappe Barschaft, der Mangel an edlen Metallen gestattete selbst den Allerreichsten keine wilde, verschwenderische Lebensweise. Selbst zu den üppigsten Zeiten des Altertums herrschte diese Einschränkung. Die Orgien eines Nero oder Elagabalus würden das mitleidige Lächeln eines modernen Bonvivant hervorgelockt haben. Die eheliche Treue und Moral der Geschlechter wurde ebenso eifersüchtig gehütet. Gesetze und Moralisten von der strengsten Sorte ließen nicht die großen geschlechtlichen Ausschweifungen und Laster zu, in welchen die heutige Welt die vollste Freiheit genießt.
Ich will beileibe nicht behaupten, daß im Altertum das Bedürfnis für unsere moderne Freiheit gefehlt hätte, aber – ach, Sie sehen, meine Freunde, mit uns verglichen erscheinen die berüchtigten Wüstlinge des Altertums wie Waisenknaben, ihre größten Kurtisanen, Maitressen und Intrigantinnen sind unschuldige, schüchterne Geschöpfchen neben ihren Schwestern unserer Zeit. Phantastische Schreiber und gedankenlose, abschreibende Historiker haben das klassische Altertum in ein zu unnatürliches Licht gestellt. Bringen Sie, Herr Doktor, einen Bürger des Forums in ein modernes Riesenvergnügungslokal, in ein Nachtcafé, in unsere Varietétheater. Seine einfache, unschuldige Seele würde sich derartiges nicht träumen lassen. Die lebendige, glühende Gier unserer Zeit, die jedes Dienstmädchen, jeden Hausknecht ergreift, wo jedes menschliche Wesen vibriert vor Sehnsucht nach Genuß und Vergnügen, dieser tolle, tobende Lobgesang der Menschheit des zwanzigsten Jahrhunderts auf das Erdendasein konnte sich im Altertum in unserer Weise, in unserem Grade nicht kundgeben. – Warum? Die Gelegenheit fehlte, die Mittel waren nicht vorhanden. Unsere Dienstmädchen erlauben sich mehr Freiheit, mehr Luxus, mehr Seide, mehr Schmuck, mehr Vergnügen, als manche vornehme Dame der vielgeschmähten Zeit des römischen Luxus. Der Sonntagsrock eines modernen Ladenjünglings ist aus besserem Stoff denn die Toga eines Senators der alten Weltbeherrscherin. Wir müssen also wirklich erst in das Altertum zurückgreifen, um die große, beispiellose, nie dagewesene Genußsucht, Verschwendung unserer Zeit, die Güte und Raffinesse unserer Tafel richtig zu erkennen. Denn eine materielle Parallele in der Geschichte zu suchen, ist fruchtlos. Unsere Urgroßväter selbst, die doch auch jung gewesen sind und zu ihrer Zeit gewiß auch keine Kostverächter waren, würden staunen, wenn sie ihre Nachkommenschaft bei der Tafel, im Theater, bei den Vergnügungen sehen könnten. Sogar im geistigen Leben tritt das gleiche Phänomen vereinzelt zutage. Ich will nur ein augenscheinliches Beispiel anführen. Der arme Heinrich Heine, das vielgehaßte und -geschmähte traditionelle »Ferkel im Musengarten«, der »ungezogene Liebling der Musen« – neben seinen modernen Kollegen nimmt er sich aus wie ein bleicher Konfirmand mit einer Lilie und einem Gesangbuche unter einer Horde verbummelter, schlotternder Nachtcafé-Habitués beim Strahl der aufgehenden Sonne am Ostermorgen.
Bitte, Sie dürfen mich nicht mißverstehen. Mit diesen Vergleichen will ich kein Urteil sprechen. Weder über uns, die Lebenden, noch über die Toten. Denn dann wären wir ja veritable Ungeheuer! – Dafür danke ich. – Nein, jedes hat seine Zeit. Auch wir werden überlebt werden. Was aber nicht notwendigerweise überboten heißt.
Geht daher ein gesunder Durchschnittsbürger unserer Zeit – sagen wir ein Händler in Lebensmitteln oder Luxuswaren en gros, ein fortschrittlicher Gastwirt oder selbst ein vernünftiger Lehrer der Geschichte zum erstenmal über das Forum in Rom, so wird er den Kopf schütteln und sich fragen: »Ist das alles?«
Er muß sich gestehen, daß er mehr erwartet hat. Nach einigem aufmerksamem Forschen (oder auch belehrenden Erklärungen des Cicerone) wird der Enttäuschte entdecken, daß ein berüchtigter altrömischer Schlemmer in einem Hause gewohnt hat, das vielleicht nicht einmal so groß und so stattlich war wie die Heimstätte des Betrachtenden. Nicht jeder Besucher der alten geweihten Stätten ist ein Dichter oder ein Philosoph, ein Mann, der aus dem elenden Trümmerhaufen ein gewaltiges Weltreich neu auferstehen sieht mit all seinen Kämpfen, Stürmen, glorreichen und traurigen Tagen, mit all seinen herrlichen Geistern, großen Männern und schönen, liebreizenden Frauen. – Nicht jeder vermag sein eigenes Leben aus den gewaltigen Ruinen hervorleuchten zu sehen, nicht jeden bestricken darin das jubelnde Lachen des Lebens und seine herzzerreißenden Klagelieder. Nicht jeder ist ein niedriger, käuflicher Hurraschreier, der auf Kommando das Maul aufreißt, weil er muß, obgleich er nichts sieht, fühlt oder denkt. Nicht jeder ist ein wohlerzogener Backfisch, der von einer Bewunderung in die andere fällt an einem Orte, wo es die Sitte erfordert und zum guten Ton gehört, weil dort etwas zu sehen sein soll. Nicht jeder hat das Gedächtnis eines deutschen Gymnasialoberlehrers, der an heiliger Stätte alle die interessanten, denkwürdigen geschichtlichen Daten von Anfang bis zu Ende geläufig hersagen kann, was den Besuch an Ort und Stelle so überaus genußreich macht. Nicht jeder übersieht alle die Mängel und Schönheiten des Ortes in der Aufregung, weil er ihn andichten muß. Sondern der weitaus größte Teil der Menschheit besteht aus jenen zögernden, doch genügend ehrlichen Naturen, die bei einer nicht augenscheinlichen Verwirklichung von Erwartungen ihrer wenig produktiven aber dennoch phantasiereichen Köpfe die erlittene Enttäuschung nicht hinunterwürgen, sondern sich derselben offen und ehrlich entledigen wollen. –
So bliebe uns denn nichts zur Betrachtung übrig als der Geist der alten Welt, der so glorreich auch an der antiken Tafel präsidierte. Ich kann wirklich nicht ausrechnen, wie hoch sich die Kosten eines anständigen Gastmahls der Alten beliefen. Ich will nicht zu ergründen suchen, ob die delikaten importierten Würstchen vom Pontus roh oder gebraten verspeist wurden, und so Vergleiche mit unseren modernen Würstchen ziehen. Ich will nicht wissen, ob der gesalzene Fisch, der die biederen Senatorengemüter in Aufregung versetzte, eine Stunde lang oder überhaupt nicht gewässert wurde. Es interessiert uns wenig, ob er mit heißer Butter oder mit zäher Mehlsauce und braunen Zwiebeln begossen wurde. Wir können nicht mehr untersuchen, ob die Whistable Natives von Britannias weiß-grüner Küste noch genügend frisch zum heilsamen Genuß in Rom anlangten, oder ob sie durch ihre und den anderen Meerbewohnern charakteristische Tücke infolge vorgeschrittenen Alters den römischen Bonvivants bedenkliches Magenzwicken verursachten. – Nur, wie schon gesagt, im Spiegel des glänzenden Altertums vermögen wir unsere Zeit, also auch unsere Mähler und ihren Geist, richtig zu erkennen, zu verachten oder zu würdigen.