Und was der wirkliche Geist der antiken Gastmähler ist, auf den ich so oft hinweise? – Ei, das ist die Freude! – Welche? – Nun, die Lebensfreude, dieser jubilierende Aufruhr, den nur Vollblutgeschöpfe voll und ganz empfinden und verstehen können. – Ach, Herr Doktor, wie Sie mich peinigen. Gewiß besitzen wir auch Lebensfreude, aber, aber ... Hm, worin der Unterschied besteht? Ja, wer das sagen könnte! Wer das in die Welt hinaus schreien könnte! Es läßt sich nicht sagen. Ein ganz großer Dichter vermochte es nicht einmal auszudrücken. Er sagte nur sehnsüchtig, daß es »so ganz anders« war zur Zeit, wo man die Tempel der Venus Amathusia noch bekränzte ... Ach, und wenn Sie mich noch so hartnäckig pressen, ich könnte nichts anderes tun, als Ihnen alle Vorgänge bei einem Symposium haarscharf und historisch getreu hersagen. Aber würde Sie das befriedigen? – Das alles ist doch so wohlbekannt. Jedem Schuljungen wird es eingepaukt. Im Varieté und bei Wohltätigkeitsgelegenheiten ist's zu sehen. Symposien und Bacchanalien werden wunderbar getreu nachgeahmt. Da sieht man ja alles: die Leopardenfelle, die fliegenden Kleider, das Weinlaub im Haar, die Fackelträger, die Blumenmädchen, die Flötenspieler, das sanfte Hirtenvolk, das Trankopfer – die Tänze – alles, alles ist noch ganz genau zu sehen. – Aber? – Aber doch »so ganz anders«. – – –
Gerne, meine Damen, ich will mein Bestes tun. Ich sehe, man läßt mir keine Ruhe! Hätte ich doch gar nichts von dieser entsetzlichen Lebensfreude erwähnt! – Wenn also so ein lebensdurstiger antiker Hausherr seinen Freunden ein Gastmahl zu geben beabsichtigte, so wurde am Morgen bei Sonnenaufgang die beste Halle des Hauses zu diesem Zwecke feierlichst geschmückt. Gar nichts Außergewöhnliches! Ganz wie heute. An der dem Garten zugewandten offenen Seite des Saales wurde gewöhnlich ein langer Marmortisch aufgestellt, der nur auf einer Seite zum Essen gedeckt wurde. Die andere Seite des Tisches blieb zur Bedienung frei. Tischtücher gebrauchte man nicht, die Tischgeräte wurden auf die blanke Marmorplatte gestellt. Alles, was das Haus an Silber- und Goldwaren aufbieten konnte, wurde natürlich benutzt, das Mahl zu verschönern. Der Tisch prangte mit Blumen; Blüten bedeckten den Fußboden, Rosengirlanden hingen mahnend über den Sitzen der Gäste, als ein Sinnbild des Schweigens. Man plauderte nicht aus, was man an der Tafel erfuhr. Die Rosen verboten es. – An der anderen Seite des Raumes standen die Amphoren, große zweihenkelige Krüge, gefüllt mit Wein. Daneben war der Krater, ein großes Mischgefäß, eine Bowle, worin der Wein mit Wasser vermengt wurde. Dieses Geschäft besorgte der Rex Bibendi, der Trinkmeister oder Mundschenk. Ihm zur Seite standen bekränzte Knaben in aufgeschürzten Gewändern, deren Aufgabe es war, die Becher der Gäste zu füllen. Nicht weit entfernt von der Weinstation, in der Nähe des Ausganges, stand der Anrichtetisch mit Wärmebecken für die Speisen, die aus der Küche hereingebracht wurden. Hier waltete ein Austeiler und Trancheur seines Amtes. Er verteilte die Speisen, zerlegte die Braten, und seine bekränzten Jünglinge reichten die guten Dinge den Gästen dar. Während des Mahles saßen die Gäste gewöhnlich auf Schemeln oder dreifüßigen Stühlen, nach der Mahlzeit ließ man sich auf feinen, weichen Ruhebetten nieder, reich verzierten Möbelstücken, mit kostbaren Decken oder Fellen wilder Tiere behangen. Im Vorzimmer hielt man gewöhnlich für jeden Gast ein Waschbecken aus edlem Metall und kostbare, wohlriechende Salben bereit. Das Handtuch jedoch mußte jeder Gast sich selber mitbringen. Die Alten hielten viel auf Hygiene und verzichteten auf die Gütergemeinschaft von Handtüchern und Servietten.
Wenn alle diese Vorkehrungen getroffen waren, wurden die Lampen angezündet, die ihr mäßiges Licht im Raume ausstrahlten. Im Kohlenbecken auf dem Tripod glühte bald der Weihrauch oder andere wohlriechende Dinge, deren feiner Geruch sich mit dem Duft der Blumen vermengte. Alsdann gingen die Diener des Hausherrn und holten die Geladenen feierlichst ab. Dann erschienen sie, die würdigen, fröhlichen Gäste, festlich geschmückt, Haupthaar und Bart mit wohlriechendem Öl gesalbt, leicht gekleidet in einfachen weißen oder zartbunten Gewändern, und die Häupter zierten Blumen-, Weinlaub oder Lorbeerkränze. Herzlich wurden sie von dem lächelnden Symposiarch an der Schwelle des Hauses empfangen. Darauf sprangen Sklaven heran, die den Gästen die Sandalen lösten, die Füße wuschen und dieselben mit feinen Spezereien salbten. Nun begann die Tätigkeit des Haushofmeisters. Lachend und scherzend begab man sich zur Tafel; auf ein Zeichen des Haushofmeisters brachten die bekränzten Kellner das feine, Appetit erregende Horsd'œuvre und setzten es, über den Tisch hinüberreichend, vor die Gäste nieder. Inzwischen war auch der Trinkmeister geschäftig. Mit seinem silbernen Schöpfkrüglein tauchte er in die Tiefe des Kraters und füllte die bereitstehenden Poculae mit kühlem Wein, den seine hochgeschürzten Weinkellner darauf lächelnd kredenzten. Und feierlich erhoben sich nun alle Gäste und stießen auf das Wohl des obersten Gottes Zeus Soter oder der Göttin der Gesundheit Hygieia an.
So verlief das Mahl. Man gedachte der abwesenden Freunde und Frauen und trank auf ihr Wohl. – Nein, gnädiges Fräulein. – Die strengen Griechen gestatteten ihren Damen nicht, an Festmählern teilzunehmen, waren aber rücksichtsvoll genug, sich ihrer Gattinnen und Töchter zu erinnern. Die Römer jedoch schienen Damengesellschaft mehr zu schätzen. Man saß nach unserer heutigen Sitte paarweise zusammen; die Frauen nahmen an allem, was die Männer taten, teil. Das eigentliche Essen war gewöhnlich bald vorüber. Unsere unzähligen Gänge kannte man nicht. Man begnügte sich mit Fisch, Braten, Gemüsen; der Nachtisch, süße Speisen und Früchte, bildete den Schluß. Nach jedem Gang wurde der Marmortisch gründlich gereinigt und den Gästen frisches Waschwasser in den Becken gereicht.
Bestand die Tischgesellschaft nur aus Männern, so wurden oft ernste und philosophische Gespräche geführt. Man besprach Ereignisse, öffentliche Angelegenheiten, die Reden der großen Männer. Waren solche Koryphäen selbst anwesend, so suchte man ihre Gesellschaft, lauschte ihren Worten, vertiefte sich oft in ernste, wissenschaftliche Gespräche. In Männergesellschaft geht's natürlich oft auch übermütig zu. Da sprühte Geist und Witz, man uzte sich und zog sich auf, und die Hallen erschollen vom fröhlichen, gesunden Lachen der lustigen Menschen. Ein beliebter Scherz war, einem Freunde auf das Wohl einer abwesenden heimlichen Freundin zuzutrinken. Der Betreffende mußte alsdann so oft seinen Becher leeren, als ihr oder sein Name Buchstaben enthielt. Oft auch erhob sich ein fröhlicher Zecher und sang mit dem blumenumwundenen Pokale in der Hand ein Tischlied, das Skolion, welches, je nach seiner Art heiter oder ernst, den Beifall der Zuhörer erntete. Zum Schluß des Mahles wurde meistens die letzte gemeinsame Runde den freundlichen Schutzgeistern des gastlichen Hauses dargebracht. Alsdann nahm man auf den Ruhebetten Platz, und es strömte eine Schar von Sängerinnen und Flötenspielern herein, die Gäste mit ihrer Kunst zu erheitern. An Tänzerinnen, Lustigmachern und Possenreißern fehlte es auch nicht. Diese Leute wurden alle reichlich bewirtet, und ganz wie heute, je mehr sie dem Weine zusprachen, um so leidenschaftlicher und heißer übten sie ihre Kunst aus. Verlockend klangen dann die Flöten, begeistert die Gesänge, und die Mänade raste verzückt um das schweigende Marmorbild des Dionysos, während sich von ihren heißen Lippen der ekstasische Schrei »Evoe! Evoe!« rang. – Oft erhoben sich auch die Gäste und spielten mit. Sie forderten ihre bekränzten Kellnerjünglinge gleichfalls auf, ihnen in dem bacchantischen Zuge zu folgen, und alle vereinigten sich zum wilden Tanze, wo sie im begeisterten Ausbruch von irdischer Freude den Saal, die Gärten, vorbei an plätschernden Brunnen, die stille Nacht und die Säulengänge des Peristils durchtobten und sich dem berauschenden, flammenden Feuer ihres Freudedurstes ergaben. Alle stimmten sie ein in den Lobgesang auf die Schönheit, und höchstens die alten und besonnenen Philosophen schauten innig lächelnd dem wilden Treiben zu. – – So endete das Fest, und beladen mit Andenken und wertvollen Geschenken nahmen die glücklichen Gäste vom Symposiarch Abschied.
Sie sehen, meine Herrschaften, ich vermochte Ihnen nichts Neues zu sagen. Was ich erzählt habe, sind altbekannte Tatsachen. Die antike Lebensfreude bleibt unerklärt und unerklärlich. Und was die geräuschvolle Prozession durch die Säulenhallen anbelangt, so hält uns unser angeborenes Anstandsgefühl und die Herrin des Hauses oder die Polizei von derlei Geschmacklosigkeiten ab.
Mit dem leidigen Verfall der Antike, der wachsenden Macht und Ausdehnung des Christentums und den Bewegungen der barbarischen Völker artete die besagte heidnische Freude der Gastmähler langsam aus, nahm immer mehr und mehr ab und starb schließlich gänzlich. Obgleich die Kirche niemals eine Feindin des Weines war und ihren Gläubigen nie ausdrücklich den Genuß des Weines verbot, so ist es doch ihrem direkten Einflüsse zuzuschreiben, daß die Freude des Altertums wich. Daraus geht ganz deutlich hervor, daß diese rätselhafte Freude nicht eigentlich im Weine enthalten ist. Noch lange hielten die ersten Christen an vielen heidnischen Sitten und Gebräuchen fest, aber allmählich versanken sie in die Dunkelheit der ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung, von denen kein schönes Streifchen Licht auf unsere Tage gefallen ist. Wie sich die Alten mit der Lebensfreude befaßten, so befaßten sich die Christen mit der Todesfreude. Man hatte gelernt zu sterben, aber zu leben verlernt. Und wenn man verlernt zu leben, so verlernt man auch zu essen. So wissen wir gar nichts Nennenswertes von den Sitten und Tafelgebräuchen der Völker des vierten bis achten Jahrhunderts. Wir haben auch nicht viel verloren. Man kann sich leicht denken, daß die Gelage, wenn es solche gab, nichts als große Fressereien waren. Eine Miniatur, das einzig existierende Dokument, stellt anschaulich dar, daß man im neunten und zehnten Jahrhundert in Paris die Notwendigkeit eines Tisches bei einem Mahl erkannt hatte. Wir sehen auf dem Bildchen eine Tafelgesellschaft auf klobigen Schemeln an einem runden Tische sitzen. Die Runde ernährt sich redlich aus einer gemeinsamen Schüssel in der Mitte. Tücher und Teller gibt es nicht. Man hält den Braten mit den Fingern auf einem großen Stück Brot und bearbeitet die Masse mit einem dolchartigen Instrument. Statt der Blumen liegen abgenagte Knochen allenthalben umher. Hinter den Schmausern stehen Weinkrüge auf dem Boden, deren Umfang auf einen respektablen Durst schließen läßt.
Erst auf den Bildern aus dem dreizehnten Jahrhundert kann man eine Wendung zum Bessern entdecken. Das Tischtuch erscheint. Und erst gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts scheint man sich Etikette und menschenwürdige Tafelsitten angewöhnt zu haben. Aber selbst auf Bildern aus viel späteren Perioden, namentlich auf den Werken der frühen deutschen und niederländischen Meister kann man Gastmahlsszenen betrachten, die, wenn sie nicht übertrieben sind, wahre Orgien von Fraß und Völlerei gewesen sein müssen. Die Chronisten und Geschichtschreiber des Mittelalters hatten anscheinend großen Respekt vor derartigen Funktionen und berichteten viel in ihrer langweiligen Weise von den Festessen und Mählern ihrer Tage. Öffentliche Schmäuse wurden viel und bei jeder kleinen Gelegenheit abgehalten. Die Hallen der Burgen oder der Rathäuser waren meistens die Stätte eines Banketts. An Ermangelung genügend großer und passender Lokalitäten nahm man aber auch gerne mit der Wiese und dem freien Himmel vorlieb. Man pflegte auf Bänken an den Tischen zu sitzen. Daher der Name »Bankett«. Bei einem ritterlichen Bankett saßen die Herren und Ehrengäste an einer erhöhten Tafel unter dem Baldachin. Die Tische waren hölzern, lang und schmal, und wie im Altertum war eine Seite für die Bedienung frei. Die Germanen gestatteten ihren Frauen zwar, an den Banketts teilzunehmen; die Frauen mußten sich aber an separaten Tischen abfüttern lassen. In den romanischen Ländern dagegen saß man paarweise in Eintracht zusammen.
Mit der Entwicklung der Künste und des Handwerks im Mittelalter nahm auch das Tafelgerät an Schönheit und Vollkommenheit zu. Die Speisesäle wurden nun mit kunstvollen Gestellen, prächtig gearbeiteten Schränken und niedlich geschnitzten Anrichtetischen ausgestattet. Kostbares Silberzeug, blanke Silber- oder Zinnteller, feine Gläser und irdene Geschirre zierten die Tafeln der Reichen. Die Festhallen wurden reich mit Fahnen und Girlanden dekoriert, die Tische sinnvoll mit Blumen geschmückt. Die feinen linnenen Tischtücher wurden meistens so gefaltet, daß man sie, wenn sie beschmutzt waren, umschlagen konnte. Bei besonders großen Festessen traten zwischen den einzelnen Gängen fahrende Sänger und Schauspieler, Possenreißer, Hanswurste, Akrobaten, Bänkelsänger und andere Klageweiber der Fröhlichkeit auf, damit die Esserei möglichst lange währe. Oft wurden ganze Theaterstücke zwischen den einzelnen Gängen gespielt. Da es meistens viele solcher Gänge gab, dehnten sich diese Prunkschmäuse entsetzlich aus und kosteten viel Geld.
Bei den großen Staatsbanketts, wo alle Fürstlichkeiten zusammenkamen, mußten gewöhnlich die Edelleute des Landes eigenhändig »des Kaisers heilige Macht« bedienen. Oft wurden die schweren Schüsseln von einem Edlen zu Pferde, begleitet von dem Geräusch der Hörner und Pauken, in den Saal getragen, und der tapfere Ritter präsentierte sie kniend dem Landesherrn. Die Ämter eines Mundschenks, Truchsesses usw. waren eine besondere Ehre, welche die Majestät nur seinen Günstlingen verlieh, und der Titel war gewöhnlich erblich. – Nachdem die guten Gaben so präsentiert waren und das Wohlgefallen des Gewaltigen erregt hatten, waltete der Vorschneider seines Amtes, zerlegte die Stücke kunstgerecht und ließ sie auf den Tisch stellen, damit sich jedermann nach Herzenslust bedienen konnte. Die Getränke waren wohlweislich unter der Oberaufsicht des fürstlichen Mundschenks. Der Haushofmeister, welcher die Bedienung von den Seitentischen aus leitete, war die Seele des Ganzen.