In diesen Tagen sah ich gelegentlich eines Besuches der Schlachtfelder Laon wieder. Wie hatte sich in der Zeit seit Winter 1917 der damals fast friedliche Charakter des dortigen Lebens gewandelt. Wenige Tage, nachdem unsere größten Geschütze aus den Waldungen bei Crépy, westlich Laon, das Feuer gegen Paris eröffnet hatten, begannen nämlich feindliche Batterien aus dem Tale der Aisne das Feuer gegen die unglückliche Stadt. Ich möchte damit nicht behaupten, daß die Gegner gegen das eigene Fleisch und Blut wüteten ohne verständlichen militärischen Zweck. Sie nahmen wohl an, daß die Munitionszufuhr zu unseren Paris so lästigen Batterien über Laon gehen würde, ein begreiflicher Irrtum. Bei dem Feuer auf den Bahnhof fiel eine große Anzahl schwerer Geschosse in die noch dicht bevölkerte Stadt, auch warfen nunmehr feindliche Flieger zu jeder Tageszeit Bomben dort nieder. Wer von den hart heimgesuchten Einwohnern sich von der mit Vernichtung bedrohten Heimstätte nicht losreißen konnte, mußte in Kellern oder Erdräumen leben, ein Bild unsagbaren Massenelends, wie wir es freilich aus ähnlichen Gründen auch an anderen Stellen hinter unseren westlichen Verteidigungsfronten mit ansehen mußten, ohne etwas daran ändern zu können. Am ersten Angriffstage waren die feindlichen Fernfeuergeschütze am Aisne-Tal erobert worden, und damit hatte die Beschießung Laons ein Ende genommen. Ein Zugehöriger dieser Batterien wurde gefangen durch die Stadt geführt. Hier stellte er die Bitte, die beschossenen Häuserviertel besuchen zu [pg 332]dürfen, da ihn die Lage der Schüsse seiner Geschütze interessiere. Welch überraschender Tiefstand eines durch den Krieg versteinerten Herzens!
Der Krieg wirkte freilich nicht immer derartig; auch bei unseren Gegnern fanden sich weiche Herzen nach hartem Männerkampfe. Von den mir erzählten Beispielen möchte ich nur eines verzeichnen: Es war am 21. März in dem noch immer mit schwerem englischen Feuer belegten St. Quentin. Dort stauen sich in den zerschossenen Straßen deutsche Kolonnen. Feindliche Gefangene, aus dem Kampfe kommend und Verwundete tragend, werden zum Halten gezwungen. Sie legen ihre Bürde nieder. Da hebt ein schwer verwundeter deutscher Soldat, dem Tode näher als dem Leben, den ermattenden Arm suchend und stöhnt zu dem sich niederbeugenden Träger: „Mutter, Mutter.“ Das englische Ohr versteht den deutschen Laut. Der Tommy kniet nieder an der Seite des Grenadiers, streichelt die erkaltende Hand und sagt: „Mother, yes, mother is here!“
Auch ich selbst sah auf diesen Schlachtfeldern Bilder tiefen menschlichen Fühlens. So wanderte ich Ende Mai an der Seite eines deutschen Generals über die kurz vorher erstürmten Höhen westlich Craonne. Bei jedem der noch nicht bestatteten gegnerischen Gefallenen bückt er sich und bedeckt das noch entblößte Gesicht, eine Huldigung an die Majestät des Todes. Er sorgt aber auch für lebende Feinde, labt aus eigenen Mitteln einige aus Schwäche zurückgebliebene Verwundete und veranlaßt ihren bequemen Transport. Auch schon früher hatte ich Gelegenheit, in das wahre Menschentum dieses Deutschen zu blicken. In den Märztagen des Jahres fahre ich in der Gegend von St. Quentin an seiner Seite an Kolonnen gegnerischer Gefangener entlang, die sein ernstes Auge in tiefen Gedanken betrachtet. An der Spitze einer dieser Kolonnen läßt er Halt machen und spricht den dort vereinigten feindlichen Offizieren die Anerkennung für die tapfere Haltung ihrer Truppen aus, sie mit dem Hinweis tröstend, daß das härteste Los, das der Gefangenenschaft, oft den trifft, [pg 333]der am tapfersten ausgeharrt hat. Die Wirkung dieser Worte scheint groß. Am größten bei einem jungen hochgewachsenen Offizier, der augenscheinlich schwer berührt bisher den Kopf wie aus Scham zu Boden senkte. Jetzt erhebt sich die schlanke Gestalt, wie die junge Tanne vom Schneedruck befreit, und ihr dankbarer Blick trifft das Auge – meines Kaisers.
Zur Erweiterung unserer Erfolge hatten wir noch während der Kämpfe in dem bis zur Marne aufspringenden Bogen den rechten Flügel unseres Angriffes nach Westen hin bis zur Oise ausgedehnt. Der Angriff gelang nur unvollständig. Ein Angriff, den wir aus der Linie Montdidier-Noyon am 9. Juni in Richtung Compiègne führten, drang nur bis halbwegs dieser Stadt vor. Auch unsere Versuche in der Richtung auf Villers-Cotterêts gelangten zu keinem größeren Ergebnis. Wir mußten uns davon überzeugen, daß wir in der Gegend von Compiègne-Villers-Cotterêts die Hauptkräfte des feindlichen Widerstandes vor uns hatten, den zu brechen wir die Kräfte nicht besaßen.
Zusammenfassend möchte ich meine Bemerkungen über die Schlacht von Soissons-Reims damit schließen, daß uns die Kämpfe viel weiter geführt hatten, als es ursprünglich beabsichtigt war. Auch hier hatten sich aus unerwarteten Erfolgen neue Hoffnungen und neue Ziele ergeben. Daß diese schließlich nicht voll erreicht wurden, lag in der allmählichen Erschöpfung der eingesetzten Kräfte begründet. Unseren allgemeinen Absichten entsprach es jedoch nicht, noch mehr Divisionen für die Operation in der Marnegegend einzusetzen. Unsere Blicke richteten sich ununterbrochen nach Flandern.
Rückblick und Ausblick Ende Juni 1918
Das von uns in den drei großen Schlachten Erreichte stellte vom kriegerischen Gesichtspunkte aus alles in den Schatten, was seit dem Herbste 1914 im Westen im Angriffskampfe geleistet [pg 334]worden war. Aus dem Geländegewinn, den Beutezahlen, den schweren blutigen Verlusten des Gegners sprach mit aller Deutlichkeit die Größe der deutschen Erfolge. Wir hatten das Gefüge des feindlichen Widerstandes bis in seine Grundfesten erschüttert. Unsere Truppen hatten sich den großen Anforderungen, die wir an sie stellten, voll gewachsen gezeigt. In den wochenlangen Angriffskämpfen hatte der deutsche Soldat bewiesen, daß der alte Geist durch die jahrelangen Verteidigungskämpfe nicht erstickt war, sondern sich unter dem Worte „Vorwärts“ bis zu der Höhe des seelischen Schwunges des Jahres 1914 emporgehoben hatte. Der Sturmdrang unserer Infanterie hatte seine Wirkung auf den Gegner nicht verfehlt: „What an admirable and gallant infanterie you have“, so sprach ein feindlicher Offizier sich gegenüber einem meiner Generalstabsoffiziere aus. Im engsten Anschluß an diese Infanterie hatten ihre Schwesterwaffen in allen Gefechtslagen in vorderster Linie gestanden. Ein mächtiger Einheitszug war durch das Ganze hindurch gegangen, durchgreifend bis zum letzten Mann am hintersten Munitionswagen. Wie hatten sie alle vorwärts gestrebt, um teilzuhaben, mitzuwirken und mitzufühlen an dem großen Geschehen! Wie oft löste sich da ein freudiger Jubel, ein erhebendes Singen, ein lautes dankbares Gebet. Auch ich hatte auf den Schlachtfeldern von jenem Geiste wieder genossen, der mich wie ein Herüberwehen aus meiner längst vergangenen militärischen Jugendzeit anmutete. Ein Menschenalter lag dazwischen, aber das Menschenherz, der deutsche Soldatengeist war unverändert geblieben. So hatten unsere braven Jungens im alten blauen Rock in den Biwaks von Königgrätz und Sedan gesprochen und gesungen, wie die Feldgrauen jetzt wieder sprachen und sangen in den großen Kämpfen um Dasein und Vaterland, für Kaiser und Reich.
Aber all das, was geleistet worden war, hatte bisher nicht ausgereicht, den Gegner militärisch und politisch in das Lebensmark zu treffen. Auf der gegnerischen Seite zeigte sich keine Spur von [pg 335]Nachgiebigkeit. Nach außen hin schien im Gegenteil jede militärische Niederlage den Vernichtungswillen des Feindes nur noch zu verstärken. Dieser Eindruck wurde auch nicht dadurch abgeschwächt, daß ab und zu im gegnerischen Lager Stimmen zur Mäßigung rieten. Der diktatorische Druck der uns feindlichen Staatsgebäude war im großen und ganzen nirgends gelockert. Wie mit eisernen Klammern hielt er den Willen und die Kraft der Völker zusammen und machte in mehr oder minder ausgesprochen gewaltsamer Form alle diejenigen unschädlich, die in andrer Richtung zu denken wagten, als die jetzigen tyrannischen Machthaber. In dem Wirken dieser Gewalten lag für mich etwas sehr Eindrucksvolles. Sie stützten ihre eigenen Hoffnungen und verwiesen ihre Völker in erster Linie auf das allmähliche Ermatten unserer Kraft. Diese mußte sich nach ihrer Anschauung allmählich verbrauchen. Der Hunger in der deutschen Heimat, der Kampf an der Front, das Gift der Propaganda, Bestechungsgelder, Flugschriften, innere staatliche Kämpfe hatten uns bisher nicht zu Fall zu bringen vermocht. Jetzt wurde ein neuer Faktor wirksam: die amerikanische Hilfe. Wir hatten ihre ersten kampfgeschulten Truppen bei Château-Thierry kennen gelernt. Sie traten uns dort entgegen, noch ungelenk aber von kräftigem Willen geführt. Sie wirkten auf unsere schwachen Verbände überraschend durch ihre zahlenmäßige Überlegenheit.
Mit dem Eingreifen der Amerikaner auf dem Schlachtfelde waren die so lange gehegten französischen und englischen Hoffnungen endlich erfüllt. War es da ein Wunder, wenn die feindlichen Staatsmänner jetzt weniger als je an einen friedlichen Ausgleich mit uns dachten? Die Vernichtung unseres staatlichen und wirtschaftlichen Daseins war von ihrer Seite seit langem beschlossen, mochten sie diese Absicht auch hinter fadenscheinigen, milden und sophistischen Redensarten verbergen wollen. Sie wandten solche Phrasen nur an, wenn diese ihren propagandistischen Zwecken entsprachen, sei es, um ihren eigenen Völkern die auferlegte Blutsteuer erträglich [pg 336]erscheinen zu lassen, sei es, um die Kampflust unseres Volkes zu zermürben. So war ein Ende des Krieges für uns nicht abzusehen.