Im Angriff gescheitert

Der Plan zur Schlacht bei Reims

Die Lage im Marnebogen nach dem Abschluß der Junikämpfe machte den Eindruck eines unvollendeten, nicht abgeschlossenen Werkes. So wie wir von Mitte Juni ab in diesem Bogen standen, konnten wir auf die Dauer nicht stehen bleiben. Die Zufuhrverhältnisse in den gewaltigen Halbkreis hinein waren mangelhaft. Sie genügten knapp für den Zustand verhältnismäßiger Kampfruhe, drohten aber für den Fall eines ausbrechenden, länger dauernden Großkampfes bedenklich zu werden. Wir hatten nur eine, noch dazu wenig leistungsfähige Bahnlinie als hauptsächlichste Zufuhrstraße für unsere großen Truppenmassen auf dem im Verhältnis zu deren Stärke engen Raum zur Verfügung. Dazu kam, daß der vorspringende Bogen den Gegner geradezu zu allseitigen Angriffen reizen mußte.

Die gründliche Besserung der Versorgungsverhältnisse sowie der taktischen Lage war nur möglich, wenn wir Reims in unseren Besitz brachten. Die Wegnahme dieser Stadt war im Zusammenhang mit den Mai-Junikämpfen nicht gelungen. Wir hatten damals unser Schwergewicht hauptsächlich in westliche Richtung verlegt. Der Gewinn von Reims mußte jetzt Aufgabe einer besonderen Operation werden. Die dadurch notwendige Schlacht fügte sich aber auch in den Rahmen unserer gesamten Pläne ein.

An früherer Stelle habe ich schon betont, daß es nach Abbruch der Lys-Schlacht unser Ziel blieb, dem Engländer in Flandern nochmals einen entscheidenden Schlag zu versetzen. Unser Angriff bei Soissons hatte diesem Gedanken gedient, indem wir dadurch die gegnerische Oberste Führung veranlassen wollten, den Engländern in Flandern die französischen Stützen wieder zu entziehen.

Die Vorbereitungen für die neue Flandernschlacht waren in der Zwischenzeit fortgesetzt worden. Während der Arbeiten an den zukünftigen Angriffsfronten lagen unsere für die Durchführung bestimmten Divisionen in Belgien und im nördlichen Frankreich zur Erholung und Ausbildung in Unterkunft.

Ich befürchtete von englischer Seite einstweilen keine angriffsweisen Gegenmaßregeln. Hatte auch der größte Teil des englischen Heeres nunmehr seit Monaten Gelegenheit zur Wiederherstellung seiner schwer erschütterten Kampfbrauchbarkeit gehabt, so schien es doch angesichts unserer drohenden Stellung in Flandern nicht wahrscheinlich, daß der Engländer zum Angriff übergehen würde.

Auf Grund unserer bisherigen Erfahrungen hoffte ich, daß wir mit den englischen Hauptkräften in Flandern fertig werden würden, wenn es uns nur gelang, den Franzosen von dem dortigen Schlachtfeld dauernd fernzuhalten. Die Erneuerung unserer Angriffe bei Reims sollte also auch jetzt unserem größeren und weiteren Zwecke, nämlich dem entscheidenden Kampf gegen die Masse des englischen Heeres, dienen.

Die Lage an der französischen Front zeigte Anfang Juli ungefähr folgendes Bild: die Hauptmasse der Reserven des Generals Foch stand in der Gegend Compiègne-Villers-Cotterêts. Sie befanden sich dort in einer strategisch sehr günstigen Aufstellung. Sie waren einerseits bereit, einer Fortsetzung unserer Angriffe in Richtung auf die beiden eben genannten Städte entgegenzutreten, und konnten andrerseits dank der außerordentlich günstigen Bahnverbindungen von ihrem jetzigen Aufstellungsraume rasch an jeden Teil der franzö[pg 341]sischen und englischen Front verschoben werden. Der Übergang Fochs zu einer großen Offensive schien mir vor dem Eintreffen starker amerikanischer Kräfte wenig wahrscheinlich, es sei denn, daß Foch zu einer solchen Offensive durch besonders günstige oder zwingende Verhältnisse veranlaßt wurde.