Mochten Engländer, Amerikaner, Italiener, Franzosen mit allen ihren Hilfsvölkern unserm Infanteristen entgegentreten, kam es nur erst zum Kampfe Mann gegen Mann, dann fühlte und zeigte sich damals noch unser Soldat als Herr des Schlachtfeldes. Auch das Gefühl persönlicher Machtlosigkeit gegenüber den feindlichen Panzerwagen war teilweise überwunden. In tollkühnen Unternehmungen hatte man vielfach versucht, sich dieser lästigen Gegner zu entledigen, kräftigst unterstützt durch die eigene Artillerie. Die schwersten Kampfkrisen brachte über unsere Truppen auch diesmal wieder die französische Artillerie. Den stunden-, ja tagelangen Wirkungen dieser Vernichtungswaffe im freien Felde ausgesetzt, nicht einmal in einem Trichterfelde Deckung findend, wurden die Linien unserer Infanterie zerrissen, ihr Nervenhalt auf die äußerste Probe gestellt. Das Antreten der feindlichen Sturmtruppen ward oft wie eine Erlösung aus einem Drucke wehrloser Zermürbung empfunden.

Die Truppen hatten das äußerste leisten müssen, nicht nur im Kampfe, sondern auch in ruhelosen Bereitschaften, in Märschen und [pg 353]Entbehrungen. Ihr Kräfteverbrauch war groß, ihr Nervenverbrauch noch größer. Ich sprach Soldaten aus diesen letzten Schlachten. Ihre schlichten und einfachen Antworten und Erzählungen redeten deutlicher als ganze Bücher von dem, was sie erlebt hatten, und von dem kraftvoll sittlichen Werte, der in ihnen steckte. Wie sollte man an diesen prächtigen Menschen verzweifeln können! Sie waren freilich müde, bedurften der körperlichen Ruhe und der seelischen Entspannung. Wir waren besten Willens, ihnen all das zu gewähren; es war aber fraglich, ob der Gegner uns die Zeit dafür ließ.

Wenn wir in den Kämpfen im Marnebogen auch dem Verderben, das uns der Gegner zufügen wollte, entgangen waren, so durften wir uns doch über die weitreichende Rückwirkung dieser Schlacht und unseres Rückzuges keiner Täuschung hingeben.

Militärisch war für uns von der größten und folgenschwersten Bedeutung, daß wir die Vorhand an den Gegner verloren hatten, und daß wir zunächst keine Kraft besaßen, sie wieder an uns zu reißen. Wir waren gezwungen gewesen, starke Teile von jenen Kräften zum Kampfe heranzuziehen, die wir zum Angriff in Flandern bereitgestellt hatten. Dafür entfiel für uns die Möglichkeit, den lang geplanten entscheidenden Schlag gegen das englische Heer durchführen zu können. Die gegnerische Führung war dadurch von dem Druck befreit, der durch diese drohende Offensive auf ihre Maßnahmen ausgeübt wurde. Auch Englands Kräfte waren durch die Schlacht in dem Marnebogen aus dem Banne gelöst, in dem wir sie monatelang gehalten hatten. Es war zu erwarten, daß eine tatkräftige gegnerische Führung diesen Umschwung der Lage, der ihr nicht entgehen konnte, ausnutzte, soweit sie irgendwie Kräfte hierfür verfügbar machen konnte. Günstige Aussichten mußten sich hier bieten, da unsere Verteidigungsfronten vielfach nicht stark und nicht mit voll kampfkräftigen Truppen besetzt sein konnten. Zudem hatten diese Fronten seit dem Frühjahr wesentlich an Ausdehnung zugenommen und waren strategisch empfindlicher geworden.

Es war freilich anzunehmen, daß auch der Gegner durch die letzten Kämpfe schwer gelitten hatte. 74 feindliche Divisionen, darunter 60 französische, hatten vom 15. Juli bis 4. August geblutet. Waren hierbei zwar die englischen Kräfte in der Hauptsache seit Monaten geschont geblieben, so mußte doch der andauernde Zustrom amerikanischer Hilfe unter diesen Umständen für den Gegner äußerst wertvoll sein. Mochte diese Hilfe auch in militärischer Beziehung nicht voll auf der Höhe neuzeitlicher Anforderungen stehen, jetzt, wo unsere Verbände so schwer gelitten hatten, wirkte mehr als je die bloße zahlenmäßige Überlegenheit.

Schwerer noch als dies wog nach den ersten Eindrücken die Wirkung unseres Mißgeschickes auf Heimat und Verbündete. Wie viele in den letzten Monaten aufgelebte Hoffnungen brachen vielleicht zusammen! Wie manche Berechnung wurde zerstört!

Konnten wir jedoch wieder Herren der militärischen Lage werden, so war auch die Wiederherstellung des politischen Gleichgewichts mit Bestimmtheit zu erwarten.


[pg 355]

Fünfter Teil