Aus Bulgarien waren unsere letzten Truppen abgerückt. Auch ihnen folgte so manches dankbare Gefühl und ehrliches Gedenken, am lebhaftesten ausgesprochen in einem Briefe, den der ehemalige Führer des bulgarischen Heeres an mich in dieser Zeit richtete. Ich konnte mich des Eindruckes nicht erwehren, als ob aus den Zeilen das sprach, was ich so manchmal in den Äußerungen dieses ehrlichen Offiziers zu fühlen glaubte: „Wäre ich politisch frei gewesen, so hätte ich militärisch anders gehandelt.“ Die Einsicht kam wohl zu spät, bei ihm wie an anderen Stellen.

Österreich-Ungarn löste sich in seinem politischen Bestande wie in seiner Wehrkraft auf. Es gab nicht nur sich selbst, sondern auch unsere Landesgrenzen preis. In Ungarn erhob sich die Revolution im Hasse gegen die Deutschen. Konnte das überraschend wirken? Gehörte dieser Haß nicht zum Stolze des Magyaren? Im Kriege hatte man freilich im Ungarlande anders empfunden, wenn der Russe an die Grenze pochte. Ein wiederholtes gewaltiges Pochen! Mit welchem Jubel waren die deutschen Truppen auch begrüßt, mit welcher Hingebung verpflegt, selbst verwöhnt worden, als es sich darum handelte, Serbien niederzuschlagen. Welch eine Begeisterung empfing uns, als wir zur Wiedereroberung Siebenbürgens erschienen! Dankesbetätigung ist im menschlichen Dasein selten, im staatlichen Leben noch weit seltener.

Dagegen fanden wir in Rumänien mehrfach offenen Dank. Man sah dort ein, daß ohne Zertrümmerung Rußlands ein freies rumänisches Leben sich nicht hätte verwirklichen lassen.

Wenn jetzt in Deutschland einzelne Kreise auf den Haß ehemaliger Bundesgenossen gegen uns hinweisen und darin einen Beweis unserer verfehlten politischen und militärischen Haltung erblicken, so übersehen sie dabei wohl, daß Ausbrüche des Hasses aus Freundesmund auch im feindlichen Lager ertönten. Ballten sich doch Fäuste französischer Soldaten vor unseren Augen unter Schimpfworten gegen den englischen Bundesgenossen. Riefen doch französische Stimmen zu uns herüber: „Heute mit England gegen Euch, morgen mit Euch gegen England!“ Schrie doch ein französischer Soldat im März des Jahres 1918, hinweisend auf die Trümmer des Domes von St. Quentin, seinen englischen mit ihm gefangenen Waffengenossen zornesbebend zu: „Das waret Ihr!“

Ich hoffe, daß die Äußerungen des Mißverstehens zwischen uns und unsern ehemaligen Verbündeten mehr und mehr verstummen werden, wenn die düstern Nebel sich verziehen, die die Wahrheit verhüllen, und die unsern bisherigen Kampfgenossen zur Zeit den [pg 400]freien Blick auf die gemeinsamen Ruhmesfelder nehmen, auf denen das deutsche Leben zur Verwirklichung auch ihrer Pläne und Träume eingesetzt wurde.

Der Zusammenbruch zeigt sich von Ende Oktober ab überall; nur an der Westfront wußten wir ihn immer noch zu verhindern. Schwächer wurde dort der feindliche Andrang, matter aber freilich auch unser Widerstand. Immer kleiner wurde die Zahl der deutschen Truppen, immer größer wurden die freien Lücken in den Verteidigungsstellungen. Nur wenige frische deutsche Divisionen, und Großes hätte geleistet werden können. Vergebliche Wünsche, eitle Hoffnungen! Wir sinken, denn die Heimat sinkt. Sie kann uns kein neues frisches Leben mehr geben, ihre Kraft ist verbraucht!

General Gröner begibt sich am 1. November zur Front. Das Zurücknehmen unserer Verteidigung in die Stellung Antwerpen-Maas ist unsere demnächstige Sorge. Der Entschluß ist einfach, die Ausführung schwer. Kostbarstes Kampfmaterial liegt noch feindwärts in dieser Linie, doch kostbarer als dessen Rettung ist für uns die Zurückführung von 80.000 Verwundeten in den vorwärts befindlichen Lazaretten. So wird die Durchführung des Entschlusses aus Dankesgefühlen, die wir unseren blutenden Kameraden schulden, verzögert. Dauernd kann freilich die jetzige Lage nicht mehr gehalten werden. Dazu sind unsere Kräfte nunmehr zu schwach und zu müde geworden. Dazu ist der Druck zu stark, der von den frischen amerikanischen Massen auf unsere empfindlichste Stelle im Maasgebiet ausgeübt wird. Der Kampf dieser Massen wird aber die Vereinigten Staaten für die Zukunft belehrt haben, daß das Kriegshandwerk nicht in wenigen Monaten zu erlernen ist, daß die Unkenntnis dieses Handwerkes im Ernstfalle Ströme von Blut kostet.

Mit der deutschen Kampflinie hält damals auch noch die Etappe, der Lebensnerv, der zur Heimat führt. Düstere Bilder zeigen sich freilich hier und da, aber in der Gesamtheit ist noch innerer Halt. Lange wird es indessen nicht mehr dauern können. Die Spannung [pg 401]ist auf das äußerste gestiegen. Erfolgt irgend wo eine Erschütterung, sei es in Heimat oder Heer, so ist der Zusammenbruch unvermeidlich.

Das sind meine Eindrücke in den ersten Tagen des November.

Die befürchtete Erschütterung kündigt sich an. In der Heimat regt es sich mit Gewalt. Der Umsturz beginnt. Noch am 5. November eilt General Gröner in die Reichshauptstadt, da er voraussieht, was kommen muß, wenn man jetzt in den letzten Stunden nicht zusammenhält. Er tritt für seinen Kaiser ein und schildert die Folgen, wenn man dem Heere sein Haupt nimmt. Umsonst! Der Umsturz ist schon in unaufhaltsamem Marsche, und nur durch Zufall entgeht der General auf der Rückreise ins Hauptquartier den Händen der Revolutionäre. Das ist am Abend des 6. November.