Nicht einmal den Winter sollten wir in einiger Ruhe verbringen können. Zeigte sich doch bald, daß der Russe an alles eher dachte, als sich stille zu verhalten. Auf unserer ganzen Front, ja weit darüber hinaus nach Süden, war es in und hinter den gegnerischen Linien unruhig, ohne daß man zuerst die Absichten der russischen Führung irgendwie erkennen konnte. Ich hielt die Gegenden von Smorgon, Dünaburg und Riga für besondere Gefahrpunkte vor [pg 136]unseren Stellungen. In diese Gebiete führten die leistungsfähigsten russischen Bahnen. Aber ausgesprochene Anzeichen für einen feindlichen Angriff an den genannten drei Punkten ergaben sich lange Zeit nicht.

Die Tätigkeit im Rückengebiet des Feindes blieb ungemein emsig. Überläufer klagten über die harte Zucht, der die zurückgezogenen Divisionen unterworfen würden, denn mit eiserner Strenge wurden die Truppen gedrillt.

Das Stärkeverhältnis in den einzelnen Abschnitten war schon in den Zeiten der Ruhe für uns außerordentlich ungünstig. Wir mußten damit rechnen, daß durchschnittlich jedem einzelnen unserer Divisionsabschnitte (9 Bataillone) etwa 2–3 russische Divisionen (32–48 Bataillone) gegenüberstanden. Nichts kennzeichnet die ungeheuern Unterschiede in den Anforderungen an die Kräfte unserer Truppen gegenüber den feindlichen mehr als diese Zahlen. Dieser Unterschied spielte naturgemäß nicht nur im Gefecht eine gewaltige Rolle sondern auch in den notwendigen täglichen Arbeitsforderungen. Welch einen Umfang hatten die Arbeitsleistungen bei der großen Ausdehnung der Fronten doch angenommen! Der Stellungs- und Straßenbau, die Errichtung von Barackenlagern sowie unzählige Arbeiten für die Versorgung der Truppen mit Kriegsbedarf, Verpflegung, Baustoffen usw. machten das Wort „Ruhe“ für Offizier und Mann meist zu einem völlig leeren Begriff. Trotzdem waren Stimmung und Gesundheitszustand der Truppen durchaus gut. Würde unser Sanitätsdienst nicht auf der Höhe gestanden haben, auf der er sich tatsächlich befand, so hätten wir schon aus diesem Grunde den Krieg nicht so lange Zeit durchhalten können. Die Leistungen unseres Feldsanitätswesens werden sich dereinst nach wissenschaftlicher Bearbeitung des gesamten vorliegenden Materials als ein besonderes Ruhmesblatt deutscher Geistesarbeit und Hingabe für einen großen Zweck erweisen und dann hoffentlich dem Wohle der gesamten Menschheit dienstbar gemacht werden.

Von Mitte Februar ab begann es in der Gegend des Naroczsees und bei Postawy besonders unruhig zu werden. Immer klarer zeichneten sich aus der Masse der eintreffenden Nachrichten die Angriffsvorbereitungen des Gegners an jenen Stellen ab. Ich hatte anfangs nicht geglaubt, daß der Russe die von seinen leistungsfähigen Bahnverbindungen entlegenen Stellen, die zudem seinen Massen wenig Entfaltungsraum boten und der taktischen Führung infolge der Geländegestaltung nur geringe Armfreiheit ließen, zu einem wirklich großen Schlage auswählen würde. Die kommenden Ereignisse belehrten mich vom Eintritt des Unwahrscheinlichen.

Niemand von uns erkannte im Verlauf der damaligen russischen Vorbereitungen deren gewaltigen Umfang richtig. Wir hätten sonst wohl nicht geglaubt, daß wir mit den von uns allmählich im Gebiete des Naroczsees versammelten etwa 70 Bataillonen der ganzen dort bereitgestellten russischen Macht, gegen 370 Bataillone, standzuhalten vermöchten. Aber diese Gegenüberstellung gibt, wie eine auf unsere Feststellungen gestützte Veröffentlichung ausführt, doch nur ein ungenaues Bild, einmal weil auf beiden Seiten am ersten Tage keineswegs die ganze Masse der Kampftruppen eingesetzt wurde, und dann vor allem, weil die russischen Divisionen nicht etwa gleichmäßig in breiter Front gegen die Deutschen vorstießen, sondern sich in der Hauptsache zu zwei mächtigen Stoßgruppen vor den Flügeln des Korps von Hutier zusammenballten. Die nördliche dieser trieb 7 Infanterie- und 2 Kavalleriedivisionen zwischen Mosheiki und Wileity im Postawy-Abschnitt vor, in dem zunächst nur 4 deutsche Bataillone standen, während die südliche mit 8 Infanteriedivisionen und den Uralkosaken die Sperre zwischen Naroczsee und Wisznewsee einzudrücken suchte, die von unserer 75. Reservedivision und der verstärkten 9. Kavalleriedivision gehalten wurde. Also rund 128 russische gegen 19 deutsche Bataillone!

Am 18. März bricht der russische Angriff los. Nach einer artilleristischen Vorbereitung, wie sie die Ostfront in gleicher Stärke [pg 138]noch nie zu durchleben gehabt hatte, stürmen die feindlichen Massen gleich einer ununterbrochenen Sturzflut auf unsere dünnbesetzten Stellungen. Doch vergeblich treiben russische Batterien und Maschinengewehre die eigene Infanterie gegen die deutschen Linien; umsonst mähen zurückgehaltene feindliche Truppen die eigenen vordersten Linien nieder, wenn diese zu weichen und dem Verderben durch unser Feuer zu entgehen versuchen. Zu förmlichen Hügeln häufen sich die russischen Gefallenen vor unserer Front. Die Anstrengungen für den Verteidiger sind freilich in das Ungeheuere gesteigert. Eingebrochenes Tauwetter füllt die Schützengräben mit Schneewasser, verwandelt die bisher deckenden Brustwehren in zerfließenden Erdbrei und macht aus dem ganzen Kampffeld einen grundlosen Morast. Bis zur teilweisen Bewegungsunfähigkeit schwellen den Grabenbesatzungen die Gliedmaßen in den eisigen Wassern an. Allein es bleibt genug Lebenskraft und Kampfeswille in diesen Körpern, um die feindlichen Anstürme immer wieder zu brechen. So bringt der Russe auch diesmal alle Opfer vergebens, und vom 25. März ab können wir siegessicher auf unsere Heldenscharen am Naroczsee blicken.

Der Deutsche Heeresbericht vom 1. April 1916, der unter unserer Mitwirkung entstand, sprach sich nach Beendigung der Schlacht folgendermaßen aus:

„Welcher größere Zweck mit den Angriffen angestrebt werden sollte, ergibt folgender Befehl des russischen Höchstkommandierenden der Armeen an der Westfront vom 4. (17.) März, Nr. 537:

„Truppen der Westfront!

Ihr habt vor einem halben Jahre, stark geschwächt, mit einer geringeren Anzahl Gewehre und Patronen den Vormarsch des Feindes aufgehalten und, nachdem ihr ihn in dem Bezirk des Durchbruches bei Molodetschno aufgehalten habt, eure jetzigen Stellungen eingenommen.