Ein nicht geringeres Vertrauen brachte ich der Türkei entgegen. Das osmanische Reich war in den Kampf getreten ohne jegliche Bestrebungen nach politischer Machterweiterung. Seine führenden [pg 154]Persönlichkeiten, allen voran Enver Pascha, hatten klar erkannt, daß es für die Türkei in dem ausgebrochenen Kampfe keine Neutralität geben könne. Man kann sich in der Tat nicht vorstellen, daß Rußland und die Westmächte die einschränkenden Bestimmungen über die Benutzung der Meerengen auf die Dauer hätten berücksichtigen können. Die Aufnahme des Kampfes bedeutete für die Türkei eine Frage des Seins oder Nichtseins, ausgesprochener fast wie für uns andere. Unsere Gegner taten uns einen Gefallen damit, dies von Anfang an laut und deutlich zu verkünden.
Die Türkei hatte bei diesem Kampfe bisher eine Stärke entwickelt, die alle in Erstaunen setzte. Ihre aktive Kriegführung überraschte Freunde wie Feinde; sie fesselte starke gegnerische Kräfte auf allen asiatischen Kriegsschauplätzen. Man hat in Deutschland späterhin oftmals den Vorwurf gegen die Oberste Heeresleitung erhoben, daß sie zur Stärkung der Kampfkraft der Türkei ihre eigenen Mittel zersplittert hätte. Man beachtete aber bei diesem Urteil nicht, wie wir durch eben jene Unterstützungen den Bundesgenossen andauernd befähigten, mehrere 100.000 Mann bester gegnerischer Kampftruppen von unseren mitteleuropäischen Kriegsschauplätzen fernzuhalten.
Die deutsche Oberste Kriegsleitung
Die Erfahrungen des Frühjahrs und Sommers 1916 hatten die Notwendigkeit ergeben, eine führende und voll verantwortliche Befehlsstelle für uns und unsere verbündeten Heere einzurichten. Im Benehmen mit den regierenden Staatshäuptern wurde eine Oberste Kriegsleitung geschaffen. Sie wurde Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser übertragen. Der Chef des Generalstabes des deutschen Feldheeres erhielt das Recht „im Auftrage dieser Obersten [pg 155]Kriegsleitung“ Anweisungen herauszugeben und Vereinbarungen mit den verbündeten Heereschefs zu treffen.
Bei dem großen Entgegenkommen und der verständnisvollen Mitarbeit der mir im übrigen gleichgestellten Chefs der verbündeten Heere konnte ich die Anwendung meiner neuen Rechte auf einzelne besonders wichtige kriegerische Entscheidungen beschränken. Die Behandlung gemeinsamer politischer und wirtschaftlicher Fragen fiel nicht in den Bereich dieser Obersten Kriegsleitung.
Meine Aufgabe bestand sonach im wesentlichen darin, den Verbündeten die leitenden Gesichtspunkte für die gesamte Kriegsführung zu geben und ihre Kräfte und Tätigkeit zur Erreichung des gemeinsamen Zieles zusammenzufassen. Unser aller Interessen würde es entsprochen haben, wenn die Oberste Kriegsleitung unter Zurückstellung der einzelnen Sonderinteressen, ja selbst unter Preisgabe einzelner für die Entscheidung nebensächlicher Rücksichten, einen durchschlagenden Erfolg auf einem der Hauptkriegsschauplätze hätte erzwingen können. Im unabänderlichen Wesen des Koalitionskrieges lag es aber, daß unserer Obersten Kriegsleitung durch Rücksichten aller möglichen Art hierin oft Schwierigkeiten bereitet wurden.
Es ist bekannt, daß Deutschland in diesem Krieg seinen Bundesgenossen gegenüber in weit höherem Maße der gebende als der empfangende Teil war. Mit dieser Feststellung soll und kann freilich nicht die Auffassung vertreten werden, als ob Deutschland diesen ungeheuren Kampf ohne Bundesgenossen hätte durchführen können. Auch liegt in der vielfach ausgesprochenen Ansicht, Deutschland habe sich nur auf krüppelhafte Verbündete gestützt, eine arge Verkennung der Wirklichkeit und eine einseitige Übertreibung. Man übersieht dabei, daß auch unsere Verbündeten vielerorts starke feindliche Überlegenheiten auf sich gezogen hatten.
Wenn ich jetzt den Blick auf das Vergangene zurückwende, so habe ich den Eindruck, daß nicht in großen Operationen, sondern in dem Ausgleich verschiedengerichteter Interessen der einzelnen Bundes[pg 156]genossen der schwierigste Teil unserer Aufgaben vom Standpunkt der Obersten Kriegsleitung lag. Ich will es dahin gestellt sein lassen, ob sich in den meisten Fällen politische Verhältnisse dringender geltend machten, als militärische Gründe. Eine ganz besondere Erschwerung lag für unsere Pläne und Entscheidungen in den verschiedenen Werten der verbündeten Heere. Wir mußten nach Übernahme der Obersten Heeresleitung erst allmählich lernen, was wir von den Waffen unserer Verbündeten erwarten und verlangen konnten.
Die österreichisch-ungarische Wehrmacht hatte ich zum erstenmal bei dem Feldzug in Polen in unmittelbarem Zusammenwirken mit unseren Truppen kennen gelernt. Sie entsprach schon damals den Anforderungen, die wir an unsere eigenen Kräfte zu stellen gewohnt waren, nicht mehr vollständig. Der Hauptgrund für den Rückgang des Durchschnittswertes der k. u. k. Truppenteile lag unbestrittenermaßen in der außerordentlichen Erschütterung, die das Heer bei seiner, wie ich mich schon ausdrückte, überkühnen, rein frontalen Operation bei Kriegsbeginn in Galizien und Polen erlitten hatte. Man hat nachträglich behauptet, daß die österreichisch-ungarische Offensive damals das Ergebnis hatte, den Ansturm der russischen Heeresmassen zu brechen. Vielleicht hätte sich aber dieses auf weniger gewagtem Wege und mit erheblich geringeren Opfern erreichen lassen. Jedenfalls erholte sich das russische Heer nach den damals erlittenen Verlusten wieder, das österreichisch-ungarische aber nicht mehr, ja es schlug der kühne Unternehmungsgeist Österreich-Ungarns in eine dauernde Überempfindlichkeit gegenüber den russischen Massen um. Allen Anstrengungen der österreichisch-ungarischen Obersten Heeresleitung, die erlittenen schweren Schäden zu beheben, stellten sich unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen. Diesen im einzelnen nachzugehen, glaube ich mir versagen zu können. Ich möchte nur die Frage aufwerfen: Wie hätte es Menschenkräften gelingen können, einen neuen erhebenden Antrieb einheitlichen, nationalen Kampf[pg 157]willens in das Völkergemisch der Doppelmonarchie hineinzubringen, nachdem die erste Blüte des Willens, der Begeisterung und des Selbstvertrauens geknickt war? Wie sollte besonders das Offizierkorps, das bei dem ersten Vorstürmen so schwer gelitten hatte, einigermaßen wieder auf die alte Höhe gebracht werden? Vergessen wir nicht, daß Österreich-Ungarn keineswegs über die geistigen Kräfte verfügte, aus denen Deutschland so oft und lange zu schöpfen vermochte.