Durch die Stellung, die der deutsche Chef des Generalstabes des Feldheeres nunmehr innerhalb der gesamten Kriegsleitung einnahm, wurden wir auch zur Beschäftigung mit den Vorgängen auf den asiatischen Kriegsschauplätzen veranlaßt. Zur Zeit der Anwesenheit Enver Paschas in unserem Großen Hauptquartier Anfang 1917 glaubten wir die Lage in Asien folgendermaßen beurteilen zu können:

Die russische Offensive in Armenien war nach der Gewinnung der Linie Trapezunt-Erzinghan zum Stillstand gekommen. Die [pg 190]türkische Offensive, die im Sommer dieses Jahres von Süden her aus Richtung Diabekr gegen die linke Flanke dieses russischen Vorgehens angesetzt war, kam infolge der außerordentlichen Geländeschwierigkeiten und der ganz ungenügenden Nachschubmöglichkeiten nicht vorwärts. Es war jedoch zu erwarten, daß die Russen in diesem Jahre mit Rücksicht auf den im armenischen Hochlande früh eintretenden Winter ihre weiteren Angriffe bald endgültig einstellen würden.

Die Gefechtskraft der beiden türkischen Kaukasusarmeen war aufs äußerste zurückgegangen, einzelne Divisionen bestanden nur noch dem Namen nach. Entbehrungen, blutige Verluste, Fahnenflucht hatten verheerend auf die Truppenbestände gewirkt. Mit schweren Sorgen sah Enver Pascha dem kommenden Winter entgegen. Es fehlte seinen Truppen die notwendigste Bekleidung; dazu bot die Ernährung der Armeen in diesen armen, großenteils entvölkerten und verwüsteten Gebieten außerordentliche Schwierigkeiten. Bei dem Mangel an Zug- und Tragtieren mußten den osmanischen Soldaten in dem öden, wegarmen Gebirgslande die Kampf- und Lebensbedürfnisse durch Trägerkolonnen in vielen Tagemärschen zugeführt werden. Weiber und Kinder fanden dabei einen mageren Verdienst, aber auch oft den Tod.

Besser waren die Verhältnisse zu dieser Zeit im Irak. Dort war der Engländer augenblicklich in dem Ausbau seiner rückwärtigen Verbindungen noch nicht so weit vorgeschritten, um schon jetzt zur Rache für Kut-el-Amara schreiten zu können. Daß er eine solche nehmen würde, war für uns zweifellos. Ob alsdann die türkische Macht im Irak hinreichte, um dem englischen Angriff erfolgreich zu widerstehen, vermochten wir nicht zu beurteilen. Trotz der sehr optimistischen Anschauungen der osmanischen Obersten Heeresleitung ermahnten wir zu Verstärkung der dortigen Truppen. Leider ließ sich aber die Türkei aus politischen und panislamitischen Gründen verführen, ein ganzes Armeekorps nach Persien hineinzuschicken.

Der dritte asiatische Kriegsschauplatz, nämlich derjenige in Südpalästina, gab Veranlassung zu unmittelbarer Sorge. Die zweite gegen den Suez-Kanal gerichtete türkische Unternehmung war Anfang August 1916 in der Mitte des nördlichen Teiles der Sinai-Halbinsel gescheitert. Daraufhin waren die türkischen Truppen allmählich aus diesem Gebiete hinausgedrängt worden und standen jetzt im südlichen Teile Palästinas in der Gegend von Gaza. Die Frage, ob und wann sie auch hier angegriffen würden, schien lediglich von dem Zeitpunkt abzuhängen, an dem die Engländer ihre Eisenbahn aus Ägypten bis hinter ihre Truppen ausgebaut hatten.

Der somit drohende Angriff auf Palästina schien für den militärischen und politischen Bestand der Türkei weit gefährlicher als ein solcher auf das fernab liegende Mesopotamien. Man mußte annehmen, daß der Verlust von Jerusalem – ganz abgesehen davon, daß er voraussichtlich den Verlust des ganzen südlichen Arabiens nach sich zog – die jetzige türkische Politik vor eine Belastungsprobe stellen würde, die sie nicht ertragen könnte.

Leider waren die operativen Verhältnisse für die osmanische Kriegführung in Südsyrien nicht wesentlich besser als in Mesopotamien. Hier wie dort litten die Türken, im schärfsten Gegensatz zu ihren Gegnern, unter solch außerordentlichen Schwierigkeiten der rückwärtigen Verbindungen, daß eine wesentliche Verstärkung ihrer Streitkräfte über den jetzigen Stand hinaus den Hunger, ja selbst den Durst für alle bedeutet hätte. Die Verpflegungsverhältnisse waren auch in Syrien zeitweise trostlos. Zu ungünstigen Ernten, ungewolltem und gewolltem Versagen der verantwortlichen Stellen kam die nahezu durchweg feindliche Haltung der arabischen Bevölkerung.

Zahlreiche wohlgemeinte Darlegungen suchten mich im Laufe des Krieges von der Notwendigkeit zu überzeugen, daß Mesopotamien und Syrien mit stärkeren Kräften verteidigt, ja daß hier wie dort zum Angriff übergegangen werden müßte. Das Interesse [pg 192]weiter deutscher Kreise an diesen Kriegsschauplätzen war groß. Augenscheinlich irrten die Gedanken uneingestandenermaßen vielfach über Mesopotamien durch Persien, Afghanistan nach Indien und von Syrien nach Ägypten. Man träumte im stillen an der Hand der Karten, daß wir auf diesen Landwegen an den Lebensnerv der uns so gefährlichen britischen Weltmachtstellung herankämen. Vielleicht lag in solchen Gedanken oft unbewußt das Wiedererwachen früherer napoleonischer Pläne. Zu ihrer Durchführung fehlte uns aber die erste Vorbedingung derartiger weitgreifender Operationen, nämlich genügend leistungsfähige Nachschublinien.

Die Ost- und Westfront bis zum Ende des Jahres 1916