Man gab dieser Art von Kämpfen bei uns den Namen „Materialschlachten“. Man könnte sie vom Standpunkt des Angreifers aus auch als „Taktik eines Rammklotzes“ bezeichnen, denn es fehlte ihrer Führung jeder höhere Schwung. Die mechanischen und materiellen Elemente des Kampfes waren in den Vordergrund geschoben, während die geistige Führung allzusehr in den Hintergrund trat.

Wenn es unseren westlichen Gegnern in den Kämpfen von 1915 bis 1917 nicht gelang, ein entscheidendes Feldzugsergebnis zu erreichen, so lag das im wesentlichen an einer gewissen Einseitigkeit der dortigen Führung. An der nötigen zahlenmäßigen Überlegenheit an Menschen, Kriegsgerät und Schießbedarf fehlte es dem Feinde wahrlich nicht; auch kann man nicht behaupten, daß die Güte der gegnerischen Truppen den Anforderungen einer tätigeren und gedankenreicheren Führung nicht hätte genügen können. Außerdem war für unsere Feinde im Westen bei dem reichentwickelten Eisenbahn- und Straßennetz und den in Massen vorhandenen Beförderungsmitteln jeder Art freieste Entfaltungsmöglichkeit für eine weit größere operative Gelenkigkeit vorhanden. Von alledem machte jedoch die gegnerische Führung nicht vollen Gebrauch. Die lange Dauer unseres Widerstandes war also doch wohl neben anderen Gründen auch auf eine gewisse Unfruchtbarkeit des Bodens zurückzuführen, auf dem die feindlichen Pläne reiften. Ungeheuer blieben aber trotzdem die Anforderungen, die auf den dortigen Schlachtfeldern an unsere Armeeführungen und unsere Truppen gestellt werden mußten.

Anfang September besuchte ich mit meinem Ersten Generalquartiermeister die Westfront. Wir mußten die dortigen Kampfverhältnisse sobald als möglich kennen lernen, um wirklich helfend eingreifen zu können. Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit der Deutsche Kronprinz schloß sich uns unterwegs an und ehrte mich in [pg 197]Montmédy durch Aufstellung einer Sturmkompagnie auf dem Bahnsteige. Dieser Empfang entsprach ganz dem ritterlichen Sinn des hohen Herrn, dem ich fortan öfters begegnen sollte. Sein frisches, offenes Wesen und sein gesundes militärisches Urteil haben mich stets mit Freude und Vertrauen erfüllt. In Cambrai überreichte ich auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers zwei anderen bewährten Heerführern, den Thronfolgern Bayerns und Württembergs, die ihnen verliehenen preußischen Feldmarschallstäbe und hielt dann eine längere Besprechung mit den Generalstabschefs der Westfront ab. Aus deren Darlegungen ging hervor, daß rasches und energisches Handeln dringend not tat, um unsere erschreckende Unterlegenheit an Fliegern, Waffen und Munition einigermaßen auszugleichen. Die eiserne Arbeitskraft des Generals Ludendorff hat diese ernste Krisis überwunden. Zu meiner Freude hörte ich später durch Frontoffiziere, daß sich die Früchte der Besprechung von Cambrai bald bei der Truppe bemerkbar gemacht hätten.

Die Größe der Anforderungen, die an das Westheer gestellt wurden, war mir bei diesem Besuch in Frankreich zum erstenmal so recht plastisch vor die Augen getreten. Ich stehe nicht an, zu bekennen, daß ich damals erst einen vollen Einblick in die bisherigen Leistungen des Westheeres gewann. Wie undankbar war die Aufgabe für Führung und Truppe, da in der aufgezwungenen reinen Verteidigung ein sichtbarer Gewinn immer versagt bleiben mußte! Der Erfolg in der Abwehrschlacht führt den Verteidiger, auch wenn er siegreich ist, nicht aus dem ständig lastenden Druck, ich möchte sagen, aus dem Anblick des Elends des Schlachtfeldes heraus. Der Soldat muß auf den mächtigen seelischen Aufschwung verzichten, den das erfolgreiche Vorwärtsschreiten gewährt, ein Aufschwung von so unsagbarer Gewalt, daß man ihn erlebt haben muß, um ihn in seiner ganzen Größe begreifen zu können. Wie viele unserer braven Soldaten haben dieses reinste Soldatenglück nie empfinden dürfen! Sie sahen kaum etwas anderes als [pg 198]Schützengräben und Geschoßtrichter, in denen und um die sie wochen-, ja monatelang mit dem Gegner rangen. Welch ein Nervenverbrauch und welch geringe Nervennahrung! Welche Stärke des Pflichtgefühls und welche selbstlose Hingabe gehörten dazu, solch einen Zustand jahrelang in stiller Entsagung auf höheres kriegerisches Glück zu ertragen! Ich gestehe offen, daß diese Eindrücke für mich tief ergreifend waren. Ich konnte nun verstehen, wie alle, Offiziere wie Mannschaften, aus solchen Kampfverhältnissen sich heraussehnten, wie sich alle Herzen mit der Hoffnung füllten, daß nun endlich nach diesen erschöpfenden Schlachten ein hoher Angriffszug auch in die Westfront ein frisches kriegerisches Leben bringen würde.

Freilich sollten unsere Führer und Truppen noch lange auf die Erfüllung dieser Sehnsucht warten müssen! Viele unserer besten, sturmbegeisterten Soldaten mußten noch vorher in zertrümmerten Schützengräben ihr Herzblut hingeben!

In dem Kampfgebiet an der Somme wurde es erst stiller, als die einbrechende nasse Jahreszeit den Kampfboden grundlos zu machen begann. Die Millionen von Geschoßtrichtern füllten sich mit Wasser oder wurden zu Friedhöfen. Von Siegesfreude war auf keiner der beiden kämpfenden Parteien die Rede. Über allen lag der furchtbare Druck dieses Schlachtfeldes, das in seiner Öde und seinem Grauen selbst dasjenige vor Verdun zu übertreffen schien.


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Meine Stellung zu politischen Fragen