Die Friedensfrage
Mitten in den Vorbereitungen zum rumänischen Feldzug trat an mich die Friedensfrage heran. Diese war, soweit mir bekannt, durch den österreichisch-ungarischen Außenminister Baron Burian ins Rollen gebracht. Daß ich einem solchen Schritt alle meine menschlichen Zuneigungen entgegenbrachte, bedarf für den Kenner meiner Person und meiner Auffassung vom Kriege wohl keiner weiteren Versicherung. Im übrigen gab es für mich bei der Mitwirkung in dieser Frage nur Rücksichten auf meinen Kaiser und mein Vaterland. Ich hielt es für meine Aufgabe, bei der Behandlung und versuchten Lösung des Friedensgedankens dafür zu sorgen, daß weder Heer noch Heimat irgendwelchen Schaden litten. Die Oberste Heeresleitung hatte bei [pg 211]der Festsetzung des Wortlautes unseres Friedensangebotes mitzuwirken; eine ebenso schwierige als undankbare Aufgabe, bei der der Eindruck der Schwäche im In- und Ausland wie auch alle Schroffheiten des Ausdrucks vermieden werden sollten. Ich war Zeuge, mit welch tiefinnerem Pflichtbewußtsein Gott und den Menschen gegenüber sich mein Allerhöchster Kriegsherr der Lösung dieser Friedensanregung hingab; und glaube nicht, daß er ein völliges Scheitern dieses Schrittes für wahrscheinlich hielt. Mein Vertrauen auf das Gelingen war dagegen von Anfang an recht gering. Unsere Gegner hatten sich förmlich in ihren Begehrlichkeiten überboten, und es schien mir ausgeschlossen, daß eine der feindlichen Regierungen von den Versprechungen, die sie sich gegenseitig und ihren Völkern gemacht hatten, freiwillig zurücktreten könnte und würde. Durch diese Ansicht wurde aber mein ehrlicher Wille zur Mitarbeit an diesem Werke der Menschlichkeit nicht beeinträchtigt.
Am 12. Dezember wurde der uns feindlichen Welt unsere Bereitschaft zum Frieden verkündet. Wir fanden in der gegnerischen Propaganda wie in den gegnerischen Regierungslagern als Antwort nur Hohn und Abweisung.
Unserem eigenen Friedensschritte folgte eine gleichgerichtete Bemühung des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika auf dem Fuße. Die Oberste Heeresleitung wurde vom Reichskanzler über die Anregungen, die er durch unseren Botschafter in den Vereinigten Staaten hatte ergehen lassen, unterrichtet. Ich selbst hielt den Präsidenten Wilson nicht geeignet für eine parteilose Vermittelung, konnte mich vielmehr des Gefühles nicht erwehren, daß der Präsident eine starke Hinneigung zu unseren Gegnern, und zwar in erster Linie zu England, hatte. Das war wohl die ganz natürliche Folgeerscheinung seiner angelsächsischen Herkunft. Ebenso wie Millionen meiner Landsleute konnte ich das bisherige Verhalten Wilsons nicht für parteilos halten, wenn es vielleicht auch dem Wortlaut der Neutralitätsbestimmungen nicht widersprach. In allen Fragen der Ver[pg 212]letzung des Völkerrechtes ging der Präsident gegen England mit allen möglichen Rücksichten vor. Er ließ sich hierbei die schroffsten Abweisungen gefallen. In der Frage des Unterseebootkrieges dagegen, die doch nur unsere Gegenwirkung gegen die englischen Willküren war, zeigte Wilson die größte Empfindlichkeit und verstieg sich sofort zu Kriegsdrohungen. Deutschland gab seine Zustimmung zu dem Grundgedanken der Wilsonschen Anregung. Die Gegner äußerten sich Wilson gegenüber über Einzelheiten ihrer Forderungen, die im wesentlichen auf eine dauernde wirtschaftliche und politische Lähmung Deutschlands, auf eine Zertrümmerung Österreich-Ungarns und auf eine Vernichtung des osmanischen Staatswesens hinausliefen. Jedem, der die damalige Kriegslage ruhig würdigte, mußte sich der Gedanke aufdrängen, daß die gegnerischen Kriegsziele nur bei einem völlig Unterlegenen Aussicht auf Annahme finden konnten, daß wir aber keine Veranlassung hatten, uns als die Unterlegenen zu erklären. Jedenfalls würde ich es nach dem damaligen Stande der Dinge für ein Verbrechen an meinem Vaterlande und einen Verrat an unseren Bundesgenossen erachtet haben, wenn ich mich derartigen feindlichen Anforderungen gegenüber anders als völlig ablehnend verhalten hätte. Ich konnte bei der damaligen Kriegslage meiner Überzeugung und meinem Gewissen nach keinen anderen Frieden gut heißen als einen solchen, der unsere zukünftige Stellung in der Welt derartig festigte, daß wir gegen gleiche politische Vergewaltigungen, wie sie dem jetzigen Kriege zugrunde lagen, geschützt blieben, und daß wir auch unseren Bundesgenossen eine dauernd starke Stütze gegen jedwede Gefahr bieten konnten. Auf welchen politischen und geographischen Grundlagen dieses Ziel erreicht wurde, war für mich als Soldat eine Frage zweiter Linie; die Hauptsache war, daß es erreicht wurde. Ich glaubte mich auch keinem Zweifel darüber hingeben zu brauchen, daß das deutsche Volk und seine Verbündeten die Kraft besitzen würden, die unerhörten feindlichen Forderungen, koste es was es wolle, mit den Waffen in der [pg 213]Hand abzuweisen. In der Tat war die Haltung unserer Heimat gegenüber den feindlichen Ansprüchen durchaus ablehnend. Auch kam weder von türkischer noch bulgarischer Seite zu dieser Zeit irgendeine Mahnung zur Nachgiebigkeit. Die Schwächeanwandlungen Österreich-Ungarns hielt ich für überwindbar. Hauptsache war, daß man sich dort andauernd das Schicksal vor Augen hielt, dem die Donaumonarchie bei diesen feindlichen Anforderungen entgegenging, und daß man sich von dem Wahne freihielt, als ob mit dem Feinde vorderhand auf einer gerechteren Grundlage zu verhandeln sei. Wir hatten mit Österreich-Ungarn schon wiederholt die Erfahrung gemacht, daß es zu weit höheren Leistungen fähig war, als es selbst von sich glaubte. Die dortige Staatsleitung mußte sich nur einem unbedingten Zwange gegenübergestellt sehen, um dann auch größeres leisten zu können. Aus diesen Gründen war es meiner Ansicht nach verfehlt, Österreich-Ungarn gegenüber mit Trostsprüchen zu arbeiten. Solche stärken nicht und heben nicht das Vertrauen und die Entschlußkraft. Das gilt Politikern ebenso wie Soldaten gegenüber. Alles zu seiner Zeit, aber wo es hart auf hart geht, da reißen starke Forderungen gepaart mit starkem Eigenwillen des Fordernden die Schwachwerdenden mehr und schärfer empor, als es Worte des Trostes und Hinweises auf kommende bessere Zeiten zu tun vermögen.
Im Gegensatz zu unserer Auffassung sah eine Botschaft des Präsidenten Wilson an den amerikanischen Senat vom 22. Januar in der auf die ablehnende Antwort der Entente vom 30. Dezember folgenden Erklärung der Kriegsziele unserer Feinde vom 12. Januar eine geeignetere Grundlage für Friedensbemühungen als in unsrer diplomatischen Note, die sich lediglich auf die grundsätzliche Zustimmung zur Fortsetzung seiner Friedensschritte beschränkte. Dieses Verhalten des Präsidenten erschütterte mein Vertrauen auf seine Unparteilichkeit noch weiter. Ich suchte in seiner an schönen Worten reichen Botschaft vergebens die Zurückweisung des Versuches unserer Gegner, uns als [pg 214]Menschen zweiter Kategorie zu erklären. Auch der Satz über die Herstellung eines einigen, unabhängigen und selbständigen Polens erregte meine Bedenken. Er schien mir unmittelbar gegen Österreich und gegen uns gerichtet, stellte die Donaumonarchie vor einen Verzicht auf Galizien und deutete Gebietsverluste oder Verluste an Hoheitsrechten auch für Deutschland an. Wie konnte da noch von einer Unparteilichkeit des Vermittlers Wilson gegen die Mittelmächte die Rede sein? Die Botschaft war für uns mehr eine Kriegserklärung als ein Friedensschritt. Vertrauten wir uns erst einmal der Politik des Präsidenten an, so mußten wir auf eine abschüssige Bahn geraten, die uns schließlich zu einem Frieden des Verzichtes auf unsere ganze politische, wirtschaftliche und militärische Stellung zu führen drohte. Es schien mir nicht ausgeschlossen, daß wir nach dem ersten zustimmenden Schritt allmählich politisch immer weiter in die Tiefe gedrückt und dann schließlich zur militärischen Kapitulation gezwungen würden.
Durch Veröffentlichungen im Oktober 1918 ist mir bekannt geworden, daß Präsident Wilson unmittelbar nach Verkündigung der Senatsbotschaft vom 22. Januar 1917 dem deutschen Botschafter in Washington seine Bereitwilligkeit zur Einleitung einer offiziellen Friedensvermittelung überreichen ließ. Die Mitteilung hiervon war am 28. Januar in Berlin eingetroffen. Ich hatte von diesem uns anscheinend sehr weit entgegenkommenden Schritt Wilsons bis zum Herbste 1918 nichts gehört. Ob Irrtümer oder Verkettung von widrigen Verhältnissen Schuld daran waren, weiß ich heute noch nicht. Meines Erachtens war der Krieg mit Amerika Ende Januar 1917 nicht mehr zu verhindern. Wilson befand sich zu jener Zeit in Kenntnis unserer Absicht, am 1. Februar den uneingeschränkten Unterseebootkrieg zu beginnen. Es kann keinen Zweifeln unterliegen, daß der Präsident hierüber durch Auffangen und Entzifferung unserer diesbezüglichen Telegramme an den deutschen Botschafter in Washington von seiten Englands ebenso unterrichtet war, wie von dem [pg 215]Inhalt unserer übrigen Depeschen. Die Senatsbotschaft vom 22. Januar und das daran anknüpfende Angebot der Friedensvermittelung wird hierdurch ohne weiteres gekennzeichnet. Das Unheil war im Rollen. Es wurde daher auch nicht mehr aufgehalten durch unsere Erklärung vom 29. Januar, in der wir bereit waren, den Unterseebootkrieg sofort abzubrechen, wenn es den Bemühungen des Präsidenten gelingen würde, eine Grundlage für Friedensverhandlungen zu sichern.
Die Ereignisse von 1918 und 1919 scheinen mir eine volle Bestätigung meiner damaligen Anschauungen zu sein, die auch von meinem Ersten Generalquartiermeister in jeder Beziehung geteilt wurden.
Innere Politik
Den Tagesfragen der inneren Politik hatte ich als aktiver Soldat ferner gestanden. Auch nach meinem Übertritt in den Ruhestand beschäftigten sie mich nur in dem Rahmen eines stillen Beobachters. Ich vermochte nicht zu verstehen, daß hier und da das Gesamtwohl des Vaterlandes oft recht kleinlichen Parteiinteressen gegenüber zurücktreten sollte, und fühlte mich in meiner politischen Überzeugung am wohlsten in dem Schatten des Baumes, der in dem ethisch-politischen Boden der Epoche unseres großen greisen Kaisers festwurzelte. Diese Zeit mit ihrer für mich wunderbaren Größe hatte ich voll und ganz in mich aufgenommen und hielt an ihren Gedanken und Richtlinien fest. Die Erlebnisse während des jetzigen Krieges waren nicht geeignet, mich für die Änderungen einer neueren Zeit besonders zu erwärmen. Ein kraftvoll in sich geschlossener Staat im Sinne Bismarcks war die Welt, in der ich mich in Gedanken am liebsten bewegte. Zucht und Arbeit innerhalb des Vaterlandes standen für mich höher als kosmopolitische Phantasien. Auch erkannte ich kein Recht für einen Staatsbürger an, dem nicht eine gleichwertige Pflicht gegenüberzustellen wäre.