Auch an unserer Westfront mußten wir damit rechnen, daß die Gegner im kommenden Frühjahr trotz ihrer zweifellos schweren Verluste des vergangenen Jahres mit voller Kraft wieder auf dem Kampfplatz erscheinen würden. Ich möchte den Ausdruck „volle Kraft“ natürlich bedingt aufgefaßt wissen, denn die verlorene alte Kraft ersetzt sich im Verlauf weniger Monate wohl zahlenmäßig, aber nicht ihrem inneren Werte nach voll und ganz. Der Feind unterlag in dieser Richtung den gleichen harten Gesetzen wie auch wir.
Das taktische Bild an den wichtigsten Teilen dieser Front war folgendes: Der Gegner hatte im zähesten, fünfmonatigen Ringen an der Somme unsere Linien in 40 km Breite und etwa 10 km Tiefe zurückgeworfen. Vergessen wir diese Zahlen für spätere Vergleiche nicht!
Dieser Erfolg, der mit hunderttausenden von blutigen Opfern bezahlt war, war bei der Größe unserer Gesamtfront eigentlich gering. Die Einbiegung unserer Linien drückte aber auf unsere nach Nord und Süd anschließenden Nebenfronten. Die Lage forderte gebieterisch eine Verbesserung; wir liefen sonst Gefahr, aus diesem Bogen heraus durch erneute feindliche Angriffe, verbunden mit nördlich und südlich davon angesetzten Nebenangriffen, umfaßt zu werden. Ein eigener, umfassender Angriff gegen den eingebrochenen Feind war die nächstliegende, angesichts unserer Gesamtlage aber auch die bedenklichste Lösung. Durften wir es wagen, alle unsere Kraft zu einem großen [pg 223]Angriff in der mit feindlichen Truppen angefüllten Gegend an der Somme einzusetzen, während wir vielleicht an anderer Stelle der Westfront oder an der Ostfront einen Zusammenbruch erlebten? Es zeigte sich hier wieder einmal, daß unsere Kriegführung, wenn sie mit großen Plänen nach der einen Seite blickte, die Augen nach der anderen nicht verschließen durfte. Das Jahr 1916 redete in dieser Beziehung eine Sprache, die sich Gehör verschaffen mußte.
Wenn wir nun die durch die Sommeschlacht entstandene Frontgestaltung durch einen Angriff nicht verbessern konnten, so mußten wir die Folgerungen daraus ziehen und unsere Linien zurücknehmen. Wir entschieden uns daher auch zu dieser Maßnahme und verlegten unsere Stellung, die bis Peronne eingedrückt war und andrerseits noch bis westlich Bapaume, Roye und Noyon vorsprang, in die Sehnenlinie Arras-St. Quentin-Soissons zurück. Diese neue Linie ist unter dem Namen Siegfriedstellung bekannt.
Also Rückzug an der Westfront statt Angriff! Kein leichter Entschluß. Schwere Enttäuschung für das Westheer, vielleicht eine noch schwerere für die Heimat, die schwerste, wie zu befürchten, bei unseren Verbündeten. Heller Jubel bei unsern Gegnern! Kann man sich auch einen geeigneteren Stoff für Propaganda vorstellen? Glänzender, wenn auch spät sichtbarer Erfolg der blutigen Sommeschlacht, zusammengebrochener deutscher Widerstand, heftige unaufhörliche Verfolgungen mit großen Beutezahlen, Schauergeschichten über unsere Kriegführung. Man konnte das ganze Register, das aufgezogen werden würde, schon vorher hören. Welch ein Hagel propagandistischer Literatur wird nunmehr auf und hinter unseren Linien niederfallen!
Unsere große Rückwärtsbewegung begann am 16. März 1917. Der Gegner folgte ihr ins freie Gelände zumeist mit gemessener Vorsicht. Wo diese Vorsicht sich zu größerem Drängen steigern wollte, verstanden es unsere Deckungstruppen, abkühlend auf den feindlichen Eifer zu wirken.
Mit der getroffenen Maßnahme schufen wir uns nicht nur günstigere örtliche Kampfbedingungen an der Westfront sondern verbesserten auch unsere gesamte Kriegslage. Gab uns doch die Verkürzung der Verteidigungslinie im Westen die Möglichkeit zur Schaffung starker Reserven. Verlockend war der Plan, wenigstens einen Teil derselben auf den Feind zu werfen, wenn dieser unserem Rückzug in die Siegfriedstellung über das freie Gelände folgen würde, in dem wir uns ihm unbedingt überlegen fühlten. Wir verzichteten jedoch hierauf und hielten unser Pulver für die Zukunft trocken.
Man kann die Lage, wie wir sie uns bis zum Frühjahr des Jahres 1917 geschaffen hatten, vielleicht als eine große strategische Bereitstellung bezeichnen, in der wir dem Gegner einstweilen die Vorhand überließen, aus der heraus wir aber jederzeit imstande waren, gegen feindliche Schwächepunkte zum Angriff zu schreiten. Geschichtliche Vergleiche aus früheren Kriegen können bei der ungeheuer gesteigerten Größe aller Verhältnisse nicht gezogen werden.
Im Zusammenhang mit diesen Ausführungen muß ich zwei Pläne besprechen, mit denen wir uns im Winter 1916/17 zu beschäftigen hatten. Es waren Vorschläge für einen Angriff sowohl in Italien als auch in Mazedonien. Die Anregung in der erstgenannten Richtung ging noch im Winter 1916/17 vom Generaloberst von Conrad aus. Er versprach sich von einem großen Erfolge gegen Italien eine weitgehende Einwirkung auf unsere gesamte kriegerische und politische Lage. Dieser Anschauung konnte ich mich nicht anschließen. Wie ich schon früher ausführte, vertrat ich dauernd die Anschauung, daß Italien viel zu sehr unter dem wirtschaftlichen und damit auch unter dem politischen Druck Englands stünde, als daß dieses Land, selbst durch eine große Niederlage, zu einem Sonderfrieden zu zwingen wäre. Generaloberst von Conrad dachte bei seinem Vorschlage wohl in erster Linie an die günstige Rückwirkung eines sieg[pg 225]reichen Feldzuges gegen Italien auf die Stimmung in den österreichisch-ungarischen Ländern. Er hoffte auf die große militärische Entlastung, die mit einem solchen Erfolge für Österreich-Ungarn eintreten mußte. Diese Gesichtspunkte konnte ich ihm als wohlberechtigt durchaus nachempfinden. Allein ohne starke deutsche Unterstützung – es handelte sich um etwa 12 deutsche Divisionen – glaubte Generaloberst von Conrad nicht nochmals einen Angriff auf die Italiener aus Südtirol heraus unternehmen zu können. Demgegenüber glaubte ich es jedoch nicht verantworten zu können, so viele deutsche Truppen auf nicht absehbare Zeit in einem Unternehmen festzulegen, das nach meiner Anschauung zu weit von unseren allerwichtigsten und gefährlichsten Fronten in Ost und West ablag.
Ähnlich verhielt es sich mit der Frage eines Angriffes auf die Ententetruppen in Mazedonien. Bulgarien liebäugelte mit diesem Plane, und von seinem Standpunkte aus natürlich mit vollster Berechtigung. Ein entscheidender Erfolg unsererseits hätte die Entente zur Räumung dieses Landes zwingen können. Bulgarien wäre dadurch militärisch und politisch nahezu völlig entlastet worden. Das Unternehmen hätte auch den lebhaften Wünschen des Landes und seiner Regierung entsprochen. Richtete man doch bulgarischerseits fortgesetzt begehrliche Augen auf den viel umstrittenen, schönen Hafen von Saloniki. Letzterer Gesichtspunkt machte freilich bei mir keinen Eindruck. Auch die militärische Entlastung Bulgariens hätte nach meiner damaligen Ansicht keinen Nutzen für unsere Gesamtlage bedeutet. Hätten wir die Ententekräfte zum Abzug aus Mazedonien gezwungen, so würden wir sie an unserer Westfront auf den Hals bekommen haben. Ob wir dagegen die dadurch frei werdenden bulgarischen Truppen irgendwo außerhalb des Balkans hätten einsetzen können, erschien mir mindestens fraglich. Hatte doch schon die Verwendung bulgarischer Divisionen außerhalb des unmittelbarsten bulgarischen Interessengebietes während des rumänischen Feldzuges nördlich der Donau zu nicht sehr erfreulichen [pg 226]Reibungen mit diesen Verbänden geführt. Nach meiner Anschauung verwertete sich also die bulgarische Kampfeskraft im gesamten Rahmen unserer Kriegführung am besten, wenn wir sie mit dem Festhalten der Ententetruppen in Mazedonien beschäftigten. Das schloß natürlich nicht aus, daß ich einen selbständigen Angriff der Bulgaren in Mazedonien jederzeit freudig begrüßt hätte. Das Ziel eines solchen hätte dann aber wohl wesentlich begrenzter gefaßt werden müssen, als es die Vertreibung der Entente aus dem Balkan oder die Eroberung von Saloniki bedeutete. An irgendwelche Angriffsunternehmungen glaubte indessen Bulgarien ohne sehr wesentliche deutsche Hilfe, allermindestens 6 Divisionen, nicht herangehen zu können, und wohl mit Recht.