Heimat und Heer wenden sich mit solchen und ähnlichen Ausführungen an ihre Führer, nicht erst seit dem 29. August 1916, sondern schon lange vorher. Der Wille, die ganze Schärfe des Unterseebootkrieges anzuwenden, um die Leiden der Heimat abzukürzen und das Heer in seinem ungeheueren Ringen zu entlasten, war schon vor meiner Übernahme der Obersten Heeresleitung vorhanden. In diesem mitleidlosen Kampfe gegen unsere wehrlose Heimat gilt nur „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Alles andere erscheint Erbarmungslosigkeit gegen das eigene Blut.
Wenn wir aber auch die Waffe und den Willen hatten, sie einzusetzen, so durften doch nicht Folgen außer acht gelassen werden, die aus der rücksichtslosen Anwendung dieses vernichtenden Kampfmittels entspringen konnten. Werden Rücksichten gegen den kaltherzigen Feind verneint, so gibt es doch Rücksichten gegen bisher neutrale seefahrende Nationen. Die Heimat darf durch Anwendung der Waffe nicht in größere Gefahren und Sorgen gebracht werden, als die sind, aus denen man sie befreien will. Es schwankt also der Entschluß, ein begreifliches Schwanken, bei dem auch menschliche Gefühle mitreden!
So finde ich die Lage bei meinem Erscheinen im Großen Hauptquartier. Vereint mit den schweren Krisen zu Lande eine schwere bedeutungsvolle Frage zu See. Nach dem ersten Anschein liegt die Entscheidung darüber bei der Reichsleitung und beim Admiralstabe; doch ist auch die Oberste Heeresleitung stark davon berührt. Ist es doch klar, daß wir aus allgemein militärischen Gründen die Führung des Unterseebootkrieges wünschen müssen. Die Vorteile, die wir hieraus für unsere Landkriegführung erwarten können, sind mit den Händen zu greifen. Schon dann, wenn auf gegnerischer Seite [pg 230]die Fertigung von Kriegsbedürfnissen oder deren Beförderung über See wesentlich eingeschränkt werden müßte, wäre das für uns eine große Erleichterung. Das gleiche gilt, wenn es gelänge, die gegnerischen überseeischen Operationen wenigstens teilweise zu unterbinden. Welch große Entlastung würde das nicht bloß für Bulgarien und die Türkei, sondern auch für uns bedeuten, ohne daß wir hierfür deutsches Blut opferten! In weiterer Ferne steht auch die Möglichkeit, den Ententeländern die Versorgung mit Rohprodukten und Lebensmitteln bis zu einem unerträglichen Maße zu erschweren oder wenigstens England vor die sein Geschick entscheidende Frage zu stellen: entweder uns die versöhnende Hand zu reichen oder seine Stellung in der Weltwirtschaft zu verlieren. So schien der Unterseebootkrieg geeignet, bestimmend auf den Gang des Krieges einzuwirken, ja er war am Beginn des Jahres 1917 das einzige Mittel, das wir noch für eine siegreiche Beendigung des Krieges neu einsetzen konnten, nachdem wir zum Weiterkämpfen gezwungen waren.
In welchen Zusammenhang wir die Führung des Unterseebootkrieges zu der gesamten kriegerischen und politischen Lage brachten, ergibt sich aus einer Zuschrift vom Ende September 1916 unsererseits an die Reichsleitung. Diese Zuschrift sollte als Grundlage für eine Anweisung an unseren Botschafter in Washington dienen und lautete:
„Dem Grafen Bernstorff wird zu seiner persönlichen Unterweisung mitgeteilt, daß die Absicht der Entente, die Ost- und Westfront zu durchbrechen, bisher nicht gelungen ist und nicht gelingen wird, ebensowenig wie ihre Offensivoperationen von Saloniki her und in der Dobrudscha. Dagegen nehmen die Operationen der Mittelmächte gegen Rumänien erfreulichen Fortgang. Ob es hier aber gelingen wird, schon in diesem Jahre einen den Krieg beendenden Erfolg zu erringen, ist noch zweifelhaft. Daher muß vorläufig mit längerer Kriegsdauer gerechnet werden.
Demgegenüber verspricht sich die Kaiserliche Marine durch den rücksichtslosen Einsatz der vermehrten Unterseeboote angesichts der wirtschaftlichen Lage Englands einen schnellen Erfolg, der den Hauptfeind, England, in wenigen Monaten dem Friedensgedanken geneigt machen würde. Deshalb muß die Deutsche Oberste Heeresleitung den rücksichtslosen Unterseebootkrieg in ihre Maßnahmen einbeziehen, unter anderem auch, um die Lage an der Sommefront durch Verminderung der Munitionszufuhr zu entlasten und der Entente das Vergebliche ihrer Anstrengungen an dieser Stelle vor Augen zu führen. Schließlich können wir nicht ruhig zusehen, wie England in der Erkenntnis der vielen Schwierigkeiten, mit denen es zu rechnen hat, mit allen Mitteln die neutralen Mächte bearbeitet, um seine militärische und wirtschaftliche Lage zu unseren Ungunsten zu verbessern. Aus allen diesen Punkten müssen wir die Freiheit unserer Handlungen, die wir in der Note vom 4. Mai uns vorbehielten, wiedergewinnen.
Die Gesamtlage würde sich aber vollständig ändern, falls Präsident Wilson, seinen angedeuteten Absichten folgend, den Mächten einen Friedensvermittlungsantrag macht. Dieser müßte allerdings ohne bestimmte Vorschläge territorialer Art gehalten sein, da diese Fragen Gegenstand der Friedensverhandlungen seien. Eine diesbezügliche Aktion müsse aber bald erfolgen. Wolle Wilson bis nach seiner Wahl oder bis kurz vor derselben warten, so würde er zu einem solchen Schritte kaum mehr Gelegenheit finden. Auch dürften die Verhandlungen nicht erst auf Abschluß eines Waffenstillstandes abzielen, sondern müßten lediglich unter den Kriegsparteien geführt werden und innerhalb kurzer Frist unmittelbar den Präliminarfrieden bringen. Ein längeres Hinausziehen würde die militärische Lage Deutschlands verschlechtern und auch weitere Vorbereitungen der Mächte zur Fortsetzung des Krieges bis in das nächste Jahr zur Folge haben, sodaß an einen Frieden in absehbarer Zeit dann nicht mehr zu denken wäre.
Graf Bernstorff soll die Angelegenheit mit Colonel House – dem Mittelsmann, durch welchen er mit dem Präsidenten verhandelt – besprechen und die Absichten des Mr. Wilson in Erfahrung bringen. Eine Friedensaktion des Präsidenten, die nach außen hin am besten spontan erscheinen würde, würde bei uns ernsthaft in Erwägung gezogen werden, und diese würde ja auch für die Wahlkampagne Wilsons schon einen Erfolg bedeuten.“
Die schwierigste Frage ist und bleibt: „Innerhalb welcher Zeitspanne wird der Erfolg des Unterseebootkrieges erreicht werden können?“ Der Admiralstab kann hierfür natürlich nur unbestimmte Angaben machen. Aber selbst seine, wie er sagt, auf vorsichtigster Berechnung aufgestellten Schätzungen sind so günstig für uns, daß ich grundsätzlich die Gefahr in den Kauf nehmen zu können glaube, uns mit der Anwendung des neuen Kampfmittels einen oder den anderen neuen Gegner auf den Hals zu ziehen.
Mochte die Marine auch noch so sehr drängen, so verlangten doch politische und militärische Rücksichten eine Verzögerung des Beginns des uneingeschränkten Unterseebootkrieges über den Herbst 1916 hinaus. Wir durften in der damals so hochgespannten Kriegslage keine neuen Gegner auf uns ziehen. Wir mußten jedenfalls warten, bis wir einen günstigen Abschluß des rumänischen Feldzuges überblicken konnten. Gelang ein solcher, so verfügten wir über genügend Kräfte, um angrenzende neutrale Staaten von einem Eintritt in die Reihen unserer Gegner abhalten zu können, mochte England auch deren wirtschaftliche Bedrückung noch weiter steigern.