General von Falkenhayn gewann den Eindruck, daß die Operation durchführbar sei. Wir entsprachen daher den von ihm an uns gestellten Anforderungen. Wir gaben der Türkei alle ihre Kampftruppen zurück, die wir noch zur Verwendung auf dem europäischen Kriegsschauplatz stehen hatten. Das osmanische Korps in Galizien scheidet aus einem deutschen Armeeverbande aus, als eben Kerenskis Truppen vor unserem Gegenstoß nach Osten weichen. Es kehrt in seine Heimat zurück, begleitet von unserem wärmsten Dank. Die Osmanen hatten ihren alten Kriegsruhm in unseren Reihen nochmals bewährt und sich als ein durchaus brauchbares Kampfinstrument in unserer Hand erwiesen. Ich muß dabei freilich hervorheben, daß Enver Pascha uns die besten seiner verfügbaren Truppen für die Ostfront und Rumänien abgegeben hatte. Die Beschaffenheit dieser Korps durfte also nicht als Maßstab für die Güte und Verwendbarkeit des gesamten türkischen Heeres genommen werden. Die hingebende Arbeit, mit der sich unser Armee-Oberkommando in Galizien der Erziehung und Ausbildung, ganz besonders aber auch der Verpflegung und der gesundheitlichen Fürsorge seiner osmanischen Truppen widmete, hatte ihre reichsten Früchte getragen. Wie viele dieser rauhen Naturkinder [pg 274]fanden Kameradschaft und Nächstenliebe zum ersten und wohl auch zum letzten Male unter unserer Obhut.

Ich hatte gehofft, daß die heimkehrenden türkischen Verbände einen besonders wertvollen Bestandteil der Expeditionsarmee gegen Bagdad bilden würden. Leider ging diese Erwartung nicht in Erfüllung. Die Truppen waren kaum unserem Einfluß entrückt, als sie auch schon wieder zerfielen, ein Zeichen dafür, wie wenig tiefgreifend unser Beispiel auf die türkischen Offiziere gewirkt hat. Nur einzelne unter diesen machten der großen Masse mangelhaft geschulter und wenig brauchbarer Elemente gegenüber eine besondere, manchmal allerdings überraschend glänzende Ausnahme. Das osmanische Heer hätte eines völligen Neubaues bedurft, um wirklich zu Leistungen befähigt zu sein, die den großen Opfern des Landes entsprachen. Der Nachteil der jetzigen Zustände zeigte sich besonders in einem ungeheuren Menschenverbrauch. Es war die gleiche Erscheinung, wie sie bei jeder für den Krieg ungenügend vorbereiteten und mangelhaft erzogenen Armee eintritt. Eine gründliche kriegerische Vorbildung des Heeres spart dem Vaterlande im Ernstfall Menschenkräfte. Welch einen ungeheueren Umfang der Verbrauch an solchen in der Türkei im Verlauf des Krieges angenommen hatte, dürfte aus einer mir zugekommenen Nachricht hervorgehen, wonach in einzelnen Bezirken von Anatolien die Dörfer von jeder männlichen Einwohnerschaft zwischen dem Knaben- und dem Greisenalter entblößt waren. Das wird begreiflich, wenn man hört, daß die Verteidigung der Dardanellen den Türken etwa 200.000 Menschenleben gekostet hatte. Wieviel hiervon dem Hunger und den Krankheiten erlagen, ist nicht bekannt geworden.

Die deutsche Unterstützung für das Bagdadunternehmen bestand, abgesehen von einer Anzahl Offizieren für besondere Verwendung, aus dem sogenannten Asienkorps. Man hat sich darüber in unserem Vaterlande aufregen zu müssen geglaubt, daß wir den Türken ein ganzes Korps für so fernliegende Zwecke zur Verfügung stellten, [pg 275]anstatt diese kostbaren Kräfte in Mitteleuropa zu verwerten. Das Korps bestand aber nur aus drei Infanteriebataillonen und etlichen Batterien. Die Bezeichnung war zur Täuschung des Gegners gewählt; ob diese Täuschung wirklich gelang, ist uns nicht sicher bekannt geworden. Bei solchen Unterstützungen handelte es sich weit weniger um zahlenmäßige Verstärkungen unserer Bundesgenossen, wie darum, ihnen sittliche und geistige Kräfte, das heißt Willen und Wissen zuzuführen. Der eigentliche Sinn unserer Hilfe wird treffend gekennzeichnet durch ein Wort des Zaren Ferdinand, als er uns noch vor den Herbstkämpfen des Jahres 1916 in Mazedonien vor dem Wegziehen aller deutschen Truppen aus der bulgarischen Front warnte: „Meine Bulgaren wollen Pickelhauben sehen, dieser Anblick gibt ihnen Vertrauen und Rückhalt. Alles andere haben sie selbst.“ Auch hier wurde also die Erfahrung bestätigt, die Scharnhorst einmal in die Worte faßte, daß der stärkere Wille des Gebildeten unendlich wichtiger für das Ganze sei, als die rohe Kraft.

Die Operation gegen Bagdad kam nicht zur Durchführung. Schon in den letzten Sommermonaten zeigte sich, daß der Engländer alle Vorbereitungen zu Ende geführt hatte, um die türkische Armee bei Gaza noch vor Eintritt der nassen Jahreszeit anzugreifen. General von Falkenhayn, der dauernd im Orient weilte, gewann immer mehr den Eindruck, daß die syrische Front diesem englischen Ansturm, der mit zweifellos großer Überlegenheit geführt werden würde, nicht gewachsen sei. Türkische Divisionen, die zur Unternehmung gegen Bagdad bestimmt waren, mußten nach Süden abgezweigt werden. Damit entfiel die Möglichkeit einer erfolgreichen Operation in Richtung Mesopotamien. Im Einvernehmen mit Enver Pascha gab ich daher meine Zustimmung, daß alle verfügbaren Kräfte nach Syrien geführt würden, damit wir dort selbst womöglich noch vor den Engländern zum Angriff übergehen könnten. Die deutsche Führung hoffte den bestehenden Bahnbetrieb und die Verwaltung in den türkischen Gebieten so sehr verbessern [pg 276]zu können, daß eine wesentlich erhöhte Truppenzahl auf diesem Kriegsschauplatz ernährt und mit allem notwendigen Kriegsbedarf versehen werden könnte.

Infolge von Reibungen politischer wie militärischer Art gingen für General von Falkenhayn kostbare Wochen verloren. Es gelang dem Engländer Anfang November, den Türken im Angriff bei Berseba und Gaza zuvorzukommen. Die osmanischen Armeen wurden nach Norden geworfen; Jerusalem ging Anfang Dezember verloren. Erst von Mitte dieses Monats ab kam wieder mehr Halt in die türkischen Linien nördlich Jaffa-Jerusalem-Jericho.

Wenn wir befürchtet hatten, daß diese türkischen Niederlagen, ganz besonders aber der Verlust von Jerusalem, bedenkliche politische Wirkungen auf die Stellung der jetzigen Machthaber in Konstantinopel ausüben würden, so trat hiervon, wenigstens äußerlich, nichts in die Erscheinung; eine merkwürdige Gleichgültigkeit zeigte sich an Stelle der gefürchteten Erregung.

Für mich bestand kein Zweifel, daß die Türkei niemals wieder in den Besitz von Jerusalem und der dortigen heiligen Stätten kommen könnte. Auch am Goldenen Horn teilte man stillschweigend diese Ansicht. Stärker als vorher wandte sich nunmehr die osmanische Sehnsucht, Entschädigung für die verlorenen Reichsteile suchend, anderen Gebieten Asiens zu. Vom militärischen Gesichtspunkte aus leider zu frühzeitig!

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Ein Blick auf die inneren Zustände von Staaten und Völkern Ende 1917

Man befürchte nicht, daß ich mich nunmehr, meine Abneigung gegen Politik bezwingend, in den Strudel des Parteistreites hineinstürze. Ich kann aber die folgenden Ausführungen, wenn ich das Bild, das ich geben möchte, nicht allzu lückenhaft lassen will, nicht entbehren. Freilich, wer wird die Zeit, von der ich schreibe, jemals lückenlos darzustellen vermögen? Es werden immer wieder neue Fragen nach dem „Warum?“ und nach dem „Wie?“ auftauchen. Lücken werden bleiben, da so mancher Mund, den man jetzt schon zur Auskunft dringend benötigte, für immer still geworden ist. Ich kann auch nicht ein in sich abgeschlossenes Bild, sondern nur Striche hier und Striche dort geben, mehr für eine Charakterzeichnung als für ein vollendetes Gemälde. Scheinbar willkürlich setze ich an, wenn ich mich zunächst dem Orient zuwende.