Did. Die Zeit wird mich rechtfertigen!
Edu. Da nimm diesen Ring! Trag ihn zu meinem Angedenken! Besuch meinen Hof, und ich will dir und den Deinigen wohl gewogen seyn. Diesen Beutel schenk ich deinen Brüdern und Schwestern. Lebt wohl! —— Ein wunderbares Volk! Die artige Sibylla!
Moralische Erzählung.
Voll Verdruß über die Welt legte sich Isidor in das duftende Gras unter dem Schatten wohlthätiger Eichen. Komm süsser Schlaf, rief er, du einziger Freund der Armen, laß mich die Erde und ihre Narren vergessen! —— Izt hört er im nahen Gebüsche ein Geräusch; er horcht, und sieht seinen Neffen mit einer Pistole sich nähern. Der Jüngling sprach mit sich selbst; seine verstöhrte Miene, die gebrochenen Seufzer, die Thränen im Auge, die wilden Geberden machten den alten Edelmann aufmerksam. Rosalia wird mir geraubt! Ich muß sterben! So schluchzte der junge Lindor, es ist für mich kein Trost mehr; von einem Landmanne verachtet, mißhandelt zu seyn; das thut weh! Da bin ich Auswürfling des Schicksals! Wo soll ich als Bettler Hülfe suchen? Selbst meine edle Geburt wird mir zum Fluch! Ich will sterben! —— Lebwohl Rosalia! —— Halt ein! Rief hastig sein Onkel, indem er aufsprang, und sich der Pistole bemächtigte, die er in die Luft schoß. Thor, was willst du thun? sterben, wegen einer verliebten Grille sterben? —— Faß Muth Junge! Wenn oft die Noth am äussersten ist, lächelt uns Hülfe. Man muß nie verzweifeln; sieh mich an! —— Ich bin ein alter Schildknappe, mich hat das Schicksal durch die Spießruthen des Elendes gejaget; mein Herz ist morsch von den Streichen des Jammers! —— Setze dich zu mir in das Gras, erzähle mir deine Umstände, vielleicht kann ich dir helfen.
Sie setzten sich, und Lindor begann. Ach! mein theurer Onkel, ich bin sehr unglücklich! Soll ein Bettler wie ich ein zärtliches Herz haben? —— Und doch habe ich es wider meinen Willen. Ich liebe Rosalia die Tochter des reichen Jonas. Sie liebt mich wieder. Ich kann ohne sie nicht leben. Wir hielten lange Zeit unsere zärtliche Liebe geheim, allein der alte Bauer beschlich uns; ich warf mich zu seinen Füssen, ich beschwur ihn bey allem, was heilig ist; aber ich sprach zu einem Felsen. Jüngling, du bist ein Bettler, ein Taugenichts ohne Aussicht! Und was noch mehr ist, ein Edelmann! —— Meine Tochter soll einen wackern Landmann heurathen, der Brod verdienen kann, und hiemit ist der Handel entschieden! Ein Mann wie ich spricht nur zwey Worte. Meine Tochter ist schon verheissen. Geh Junge, such Kriegsdienste, wo man Edelleute braucht; auf meinen Feldern arbeiten fleißige Landburschen. So rief Jonas trotzig, nahm seine zitternde Tochter zörnend bey der Hand, und ließ mich wie eine Bildsäule stehen. Wäre er nicht Rosaliens Vater, bey Gott! —— Aber eine sanfte Thräne von ihr, ein bittlicher Blick schmelzt meine Rache nieder! —— O mein Onkel, für mich ist kein Trost!
Der Onkel sprang auf. Ich will für dich etwas wagen, was ich für mich selbst nicht thun würde. Wir sind arm, es ist wahr; aber wir haben alte gerechte Ansprüche bey Hofe. Mein Vetter hat dem Könige wichtige Summen vorgeschossen; ich habe die Schuldbriefe; ich will dem Könige die billige Foderung erlassen, um für Dich einen Dienst zu erhalten. Dann wollen wir sehen, was der stolze Bauer an Dir zu tadeln findet. Laß nur mich gehn, ich bin ein Kerl, der Gehirne im Kopfe hat! Sey ruhig, bis ich wieder komme! Willst du? —— Küß mich guter Neffe, du sollst glücklich seyn! —— Wein nicht, leb für Rosalien! —— Meine zitternde Hand schreibt sehr unleserlich, Bursche, du schreibst schön, ich will dir die Bittschrift an den König in die Feder sagen. Sie soll kurz; aber kräftig seyn! —— Eure Majestät, sollst Du schreiben, ich bin Isidor, ein alter Invalide, ich habe dreyßig Jahre als ein ehrlicher treuer Soldat gedient! —— Das mußt du groß schreiben! —— Ich habe einen Neffen, der gut gewachsen ist, der Mutterwitz besitzt, und den ich erzogen habe, weil sein Vater ein tapferer Biedermann auf dem Bette der Ehre gestorben ist; —— Ich bitte Eure Majestät für diesen hofnungsvollen Burschen um ein Aemtchen, damit er ein hübsches Mädchen heurathen kann, das er liebt, und das ihn wieder liebt. —— Ich erlasse Eurer Majestät aus Erkenntlichkeit die alte Foderung von zweymalhunderttausend Gulden —— (Ein hübsches Geld!) die mein reicher Vetter dem Staat in bedrängten Zeiten vorstreckte; —— Ich, wünsche Eurer Majestät tausend Segen! —— Das schreib Junge, und du bist ein gemachter Mann! —— Gelt soviel Verstand hast du in diesem alten Schedel nicht gesucht? Ich bin ein Teufelskerl; für andere kann ich alles; aber für mich selbst bin ich stumm wie ein Stock! —— Ich weiß nicht, ich bin gleich ein anderer Kerl, wenn ich für meinen Nächsten arbeite. Geschwind Neffe, die Schrift, und dann nach Hofe!
Der alte Edelmann mit seiner Schrift und mit tausend Hofnungen beladen eilte in die Residenz. Die Städter gafften ihn überall an, und lachten über den Schnitt seines Kleides. Die Jungen liefen ihm nach. Er gieng kaltblütig seinen Schritt weiter, und näherte endlich den königlichen Gemächern. Niemand hört den alten Haudegen; die Wachen verspotten ihn. So sind die Menschen, seufzt er. Mein Herr ich wünschte —— Ha, wie der Kerl lauft! —— Aber sie mein Herr —— Eure Gnaden! —— Nur ein Wort —— Bin ich denn eine Meerkatze? —— Blitz und Donner! Die stolzen Buben! Das sind ja keine Menschen, das sind ächte Waldteufel! —— So murmelte er unter den Zähnen, als ein Jagdhund durch die Gemächer lief, und sich ihm freundlich näherte. Komm her du liebes Thier! Du beschämest die Menschen, du würdigest einen armen Fremdling deines Blickes! —— Er streichelt den Hund, dieser wird dreister, er beriecht die Säcke, die vermuthlich mit einem kalten Braten beschwert waren, er hascht spielend im Hut die Bittschrift, und eilt wie der Blitz davon. Der Edelmann folgt hastig mit bangem Geschrey; aber die Wachen stossen ihn zurück.
Die Bittschrift ist beym Henker! Rief der Edelmann; so gar die Hunde bey Hofe sind Spitzbuben! Was werde ich meinem armen Neffen sagen? Wer schreibt mir hier eine so kräftige Bittschrift? Verdammt! Ich muß wieder in das Dorf zurück. Auf dem Wege will ich einen Vorwand ersinnen.
Indeß eilte der Hund mit seinem Papiere gerade in das Kabinet des Königs, und legte es nach seiner Gewohnheit vor seine Füsse, denn Eduard beliebte oft mit ihm wegen seiner besondern Artigkeit zu scherzen. Eduard nimmt das Papier von der Erde, will es zusammenballen, beschaut es neugierig, und liest. Er schüttelt den Kopf über das seltne Begehren, und fragt die nächsten Höflinge um den Verfasser. Diese schweigen, und gestehen ihre Unwissenheit. Eine so ausserordentliche Bittschrift läßt mich ausserordentliche Menschen muthmassen, ruft der König, ich muß sie sehen! Der Ort und die Namen sind hier verzeichnet, wir machen einen Spatzierritt auf das Dorf!
Der Edelmann schlenderte noch griesgramend über den Zufall auf der Heerstrasse fort, und verwünschte sein Unglück, als der König nur von einem Höfling begleitet im gemeinsten Reutkleide sich ihm näherte, und um den nächsten Weg fragte, der zum Dorfe führte.