Die Mutter erwiderte nichts auf die ungewöhnlich harten Worte des Vaters, der sich mißmutig auf den Stuhl warf. Sie strich Juppchen über das feuchte Braunhaar und über die schmalen, sommersprossigen Backen.
Juppchen wollte der Mutter die Freude, daß er ganz unerwartet zu den Pferden gekommen war, jubelnd mitteilen. Aber vor dem Vater wagte er es nicht auszusprechen. Durch seinen Kopf rauschten die frischen Eindrücke wirr durcheinander. Er schwankte zwischen Wollen und Nichtwollen eine lange Weile. Dann legte sich das Fieber.
Nach und nach verschwand auch die Müdigkeit in den Gliedern, wenn er von der Grube kam. Ganz heimisch war er dort unten schon geworden und stand mit den sechs Pferden, die er zu besorgen hatte, auf Du und Du. Den einäugigen Schimmel hatte er besonders lieb. Diese Liebe ging mit der Zeit so weit, daß er die Haferration der anderen Pferde beschnitt und das Ergatterte dem Schimmel zuführte.
Das merkte das so bevorzugte Pferd sehr bald, und es entspann sich eine innige Freundschaft zwischen den Beiden. Jeden Abend, wenn Juppchen den Stall verließ, drehte sich der Schimmel um, wippte mit dem Kopf und stieß ein helles Gewieher aus. Und sobald am nächsten Morgen der Förderkorb in die Sicherung schlug, vernahm Juppchen schon aus dem betäubenden Geräusch den leise gewieherten Frühgruß.
Immer, wenn er das Tier für die Wagenfahrt zurecht machte, erzählte er ihm alle Pläne, die er mit ihm noch vorhatte. Er würde sich Geld sparen. Jede Löhnung eine Mark. Und wenn dann ein schönes Sümmchen zusammen war, würde er den Schimmel dem Direktor abkaufen und mit ihm die Grube verlassen auf Nimmerwiedersehen. Oben konnte man vielleicht billig einen Wagen erstehen und für die Bahn Fuhrdienste tun. In der Sonne müßte es dem Schimmel doch viel besser gefallen. Da gab es frischen Klee und langes, weiches Gras. Und ein blankes Ledergeschirr mit Schellen am Joch sollte der Schimmel haben. Eine weiße, gebogene Peitsche mit einem goldenen Griff würde er auch kaufen. Aber nicht um den Schimmel zu schlagen. O nein, das tun nur die rohen Sandkärrer, die ihre Tiere im Regen stehen lassen, derweil sie im Wirtshaus sitzen und stundenlang Karten spielen.
Manchmal flocht Juppchen seinem Schimmel ein buntes Wollband, das er der Mutter abgeluxt hatte, in die Mähne. Und den Fahrer bat er, nicht so rauh mit dem Tiere umzugehen.
Doch der verlachte ihn und riß das bunte Band immer wieder aus der Mähne heraus.
Eines Tages sagte Juppchen zum Schimmel: „Weißt Du, zwanzig Mark habe ich schon zusammen. Das wird bald langen zum Kauf. Dem Vater will ich es nicht eher sagen, bis es soweit ist. Dann räume ich den Kaninchenstall aus und bau Dir eine Krippe hin. Daraus sollst Du ganz allein fressen. Das wird viel schöner sein als mit den vielen zusammen. Und an den Wagen spanne ich Dich auch allein. Kein anderer soll Dich führen.“
Der Schimmel senkte den Kopf und schnupperte mit den weiten Nüstern über Juppchens Gesicht.
Während dieses Auftritts war der Inspektor mit dem Stallwärter in den Verschlag getreten und machte sich an dem Schimmel zu schaffen. Juppchen hätte aufweinen mögen, so rauh fuhr der Mann dem Tier über Rücken und Gelenke.