Die Birke schloß die Augen. Ihre smaragdnen Behänge kuschelten sich zusammen, und die Dämmerung breitete die schweren Schlafdecken darüber.
Ein böser Traum erschütterte das Herz der Birke.
Wie mit wachen Augen sah sie das Kommen wildfremder Dinge und konnte sich nicht wehren. Der Alp lastete mit Zentnergewichten und schlug alle Anstrengungen des Wachwerdenwollens in Fesseln. Droben auf der Halde aber rauschten die Flammenkessel. Signalposaunen bliesen. Transmissionen kreischten und wildbärtige Sturmkolonnen rüsteten sich zum Angriff auf die arme, frierende Birke. Dampfmaschinen fuhren auf wie Kanonen. Männer mit furchtbar entstellten Gesichtern hoben lodernde Blöcke auf kleine Kippwagen. Dumpf rollte der Niedersturz. Und dann dröhnten die Lavablöcke mit höllischem Gepolter den Abhang hinunter. Weiße Dunstwolken mit orangenen Helmen jauchzten hinterdrein. Donnernd schlug die ehern glühende Masse unten auf. Ein Funkenregen spritzte bis in die Kolonie. Die Birke stand in einem blutroten Nebel. Sie erbebte bis in die feinsten Faserwurzeln. Und konnte sich doch nicht rühren. Immer neue Geschosse flogen hinab. Die Splitter schwirrten wie ein Gewitterregen. Sturzbäche schwollen zu Tal.
Die Birke stand bis zu den Armen in der brodelnden Flut. Immer unermeßlicher rauschte das Funkenmeer. Der rote Nebel blähte sich wie eine Retorte. Minutenlang war die Birke darin verschwunden.
Und als sich die letzten Schwaden verzogen hatten, die straffen Gurten der Funken gelockert, wehte nur das zerzauste Haar des Baumes herauf. Stamm und Arme krümmten sich unten in dem qualmenden Schlackenmorast und starben brüchig ab.
Lange nachdem der Feind vor den Pfeilen der Morgenschauer geflüchtet war, erwachte die Birke mit fieberndem Kopf. Ihr Herz ging in langsamen Schlägen, und in den Schläfen hämmerte der Brand.
Erst gegen den Nachmittag zu, als die Sonne ihr das Haar wieder geglättet hatte, und ein frischer Wind, der vom Fluß heraufkam, kühlen Tau mitbrachte, begann das böse Fieber zu weichen.
Die Birke sah mit kranken Augen in die Kolonie hinunter. Da polterten die schwarzen Wagen über das Pflaster, als wäre nichts geschehen. Halberwachsene Mädchen spazierten langsam mit den Kindern: zottelige, ungewaschene Brüder und Schwestern in allen Altersstufen. Der Obersteiger trug seine Würde behäbig in die Fliederlaube, wo der Kaffeetisch gedeckt stand, umbrämt von einem schäbig blauen Rideaux. Die Frau Kuscinsky stritt sich mit der Frau des Maschinisten Klöwer um einen neuen Hut, den sie beide nicht besaßen. Hinter dem Kaninchenstall lag der Invalide Wladislaw und war wieder einmal selig besoffen. Die magern Schweine grunsten. Hühner warfen den Staub auf den Höfen wirr durcheinander. Spatzen hüpften umher. Dünne Glocken schnarrten die langweiligen Viertelstunden mit Bravour herunter.
Die Birke versuchte zu lächeln über so viel Lebensbunterlei, das nutzlos in den Tag hineinlebte.
Aber die Brust. O, wenn nur die Brust nicht so geschmerzt hätte! Das Wetter war bedeckt und der Wind — es war ein anderer — hob alle die entsetzlichen Gerüche von dem Zechenhof und versprengte sie wie durch eine Brause.