Fluchend vorgeschoben verließ Nervil Munta den Wagen und zwängte sich durch das Portal.
Auf der Straße blieb er stehen. Sah sich nach allen Seiten lauernd um wie einer, der zum ersten Mal in dieses Gesichtsfeld rückt. Klopfte an den Kleidern herum, schob die Mütze zurecht und trabte der Vorstadt zu.
Gasometer und Hochöfen winkten mit klobigen Fäusten. Rauch zog in gelben, grauen und weißen Klumpen wie ein Riesengeschwader über die zermürbten Lehmhäuser. Dunst von verbranntem Erz und ranzigen Ölen machte die Luft schwer und feucht.
Nervil Munta aber blähte die Nasenflügel weit, spreizte die Finger und schmeichelte sich ein Leuchten in die Augen. Federnd schnellten seine Beine über das schlechte Pflaster, und wie ein Verfolgter griff er die Klinke einer Tür, die in das letzte Haus diesseits der Straße führte.
Mit der Mutter, die ihren schwarzen Tuchrock angezogen hatte und ein reines Häubchen aufgestülpt, machte er nicht viel Umstände. Als sie freudeweinend auffuhr, küßte er sie sauber ab und drückte sie wieder in den Stuhl zurück.
Der weiße Kopf neigte sich seitwärts, und ganz leise sagte sie: „Wie bist du gewachsen, mein Sohn! Und wie stark siehst du aus. O, alles ist besser geworden, als ich meinte. Und wie ich mich gegrämt habe, mein Sohn! Sieben Vaterunser habe ich für dich gebetet. Und die heilige Jungfrau beschworen. Und du, du mein Sohn . . .?“
Nervil Munta hob den Kopf und tastete die Wand ab. Blieb vor dem Muttergottesbilde stehen und reckte die Arme. Ging in die Kammer, wühlte in seinen Sachen herum und ging wieder ans Fenster und sah lange auf die Straße, wo die Kinder sich jagten und schrieen.
Zum Mittag hatte ihm die Mutter eine Fleischsuppe gekocht. Er wagte erst nicht, die würzige Brühe zu berühren. Dann aber, als ihm die Kostprobe auf der prüfenden Zunge zergangen war, schlürfte er den Teller in einem Zuge leer und schnalzte wie ein an der Brust gestilltes Kind. Erzählte der Frau mit dem weißen Scheitel von den harten Erbsen und trockenen Brotrinden im Kerker und geriet dabei in einen hellen Zorn. Obwohl er sich in der Zelle vorgenommen hatte, niemandem etwas von den schweren Tagen zu erzählen, erfuhr die Mutter alles, was ihm noch im Gedächtnis geblieben war. Und er kam sich wie ein Held vor, als er die Erzählung beendet hatte.
Zum Abend ging er ins Wirtshaus und vertrank mit den Freunden, die ihn schon erwartet hatten, das ganze Geld, welches man ihm für geleistete Arbeit im Zuchthaus gezahlt hatte. Nichts sollte mehr von den Tagen in seinem Besitz bleiben.
Und alle, die er freigehalten hatte, wollten sich bemühen, für ihn zu sprechen beim Steiger, Inspektor und Direktor. Und der Wirt sagte gewichtig: „Wenn alles reißt, Nervil Munta, kannst du bei mir im Hause schaffen. Bekommst dein schönes Essen und guten Lohn.“