»Doctor Holsteins Name auf dem Theaterzettel rief mir eine Begebenheit, einen kleinen Roman, eigentlich nur den Anfang eines solchen, in's Gedächtniss zurück. – Meine Freundin, – meine beste Freundin erlebte ihn vor einem Menschenalter, es sind gewiss sieben Jahre her.« Rudolf richtete sich erwartungsvoll auf.
»Ich kann mit einigen Aenderungen die Eingangszeilen unseres besten deutschen Romans wiederholen: Westerode ist eine Stadt mit etlichen tausend Einwohnern, einem Gymnasium – und einer Heilquelle. Die etlichen Einwohner und das Gymnasium besitzt sie schon seit längerer Zeit, die Heilquelle wurde erst vor einem Jahrzehnt entdeckt.« Sie unterbrach sich, denn er machte eine Bewegung.
»Sie sprechen von meiner Vaterstadt,« sagte er, »ich bitte mit aufgehobenen Händen, verfahren Sie glimpflich mit ihrem Curort-Ehrgeiz.«
»Ihre Vaterstadt? Dann ist die Freundschaft zwischen Ihnen und dem Doctor wohl schon auf den Schulbänken geschlossen worden?«
Rudolf verbeugte sich bestätigend. Immer sein bedeutender Freund! Er ist ihm so anhänglich wie – er weiss selber keinen passenderen Vergleich – wie ein treuer, oft geprügelter Pudel, aber selbst ein solcher kennt Augenblicke, in welchen sein Herz ins Spiel kommt und er bei dem weissgelockten Gegenstand seiner Neigung etwas für sich selber vorstellen möchte.
»Ich habe Sie von Ihrer Erzählung durch meinen unzeitigen Einwurf abgelenkt,« murmelte er.
»O, ganz recht. Die Heilquelle trotzte zwar bisher standhaft jedem Analysirungsversuch, – so viel darf ich doch sagen, ohne ihr heimathliches Weltbad zu beleidigen? – dennoch wirkte sie Wunder in Reclamen und ärztlichen Anpreisungen. Meine Freundin, damals ein Backfisch mit etwas blässlichen Wangen, sollte, begleitet von einer ältlichen, unverheiratheten und etwas verschrobenen Erzieherin, das Wunderwasser trinken.«
Ihr Zuhörer sah auf, als schiesse ihm eine Erinnerung – aber keine sonderlich freudige – durch den Sinn.
»Es schmeckte abscheulich. So oft es unbemerkt geschehen konnte, goss sie es aus. Dessenungeachtet wirkte die Cur. Entweder war die Quelle so heilkräftig, dass man schon durch die Betrachtung des Geländers, das sie umgab, Farbe und Rundung der Wangen bekam, oder waren es die prächtigen Buchenwälder, die förmlich zum Thore der Stadt hereinwuchsen. Meine Freundin mochte das Letztere glauben und lief den grössten Theil des Tages auf den weltbadmässig gebahnten, mit Bänken besäeten Waldpfaden herum. Es war eine so schöne Abwechselung nach der vielstündigen Marter vor dem Piano und den Schulbüchern, die bisher ihre Tage ausgefüllt. Niemand störte sie; es stand ihr frei, sich als unumschränkte Besitzerin all' der Herrlichkeit zu betrachten, die, steil aufsteigend, das Städtchen umschliesst. Das übrige Curpublikum sammt der Ureinwohnerschaft steckte träge in Hausgärten oder auf Veranden, ihre Gouvernante im verdunkelten Zimmer, denn die gute Antoniette besass eine Leidenschaft, mit welcher ihre Pflichttreue einen aussichtslosen Kampf führte, sie dehnte ihr Mittagsschläfchen bis zum Abend aus, wenn Niemand sie weckte; und meiner Freundin war der Schlaf heiliger als Macbeth. Dreist erstreckte sie in drückender Nachmittagshitze ihre Spaziergänge immer tiefer in den Wald hinein. Da begegnete ihr einmal das Verhängniss in Gestalt eines jungen, hübschen Menschen mit flatternden Locken und blitzenden Augen. Er sass auf einer Bank, ein Notizbuch auf den Knieen, die Rechte schrieb eifrig, die Linke scandirte auf der Holzlehne. Bei dem plötzlichen Auftauchen meiner Freundin fuhr er in die Höhe, starrte sie an und lief spornstreichs den Berg hinab. Sie folgte ihm mit den Blicken. Wie er, musste, ihrer Ansicht nach, der junge Goethe in Frankfurt ausgesehen haben, nur blieb es freilich fraglich, ob er auch die scharlachrothe Burschenmütze sorgfältig mit einem schwarzen Ueberzug bedeckt hätte, bevor er in die Strassen der Stadt einbog, wie es der junge Mann that.«
»Unser Director,« warf ihr Zuhörer erklärend ein, »verfolgte das Burschenspielen im Gymnasium mit draconischer Strenge. Und Engelbert musste sich besonders hüten, dass Missfallen unseres Schulmonarchen zu erregen.«