»Meine Freundin traf ihn nun fast täglich im Walde, aber ihr fünfzehnjähriges Gewissen bohrte und nagte. Sie weckte Fräulein Antoniette am hellen Nachmittage. Die gute Seele schleppte sich keuchend die Waldhügel hinauf, bis zur ersten Bank, von welcher man gerade auf den Marktplatz hinuntersah. Dann empfahl sie ihren Geist dem Herrn, sank auf den Hochsitz und entschlief. Meine Freundin las im »Ekkehard«. Da, als sie zufällig aufblickt, steht, kaum zwanzig Schritte von ihr entfernt, ihr junger Goethe im vollen Glanz der unbezogenen Burschenkappe, einen Strauss poetischer Waldblümelein in den Händen und einen gewissen Was-frage-ich-um-die-Welt-Ausdruck im Gesicht, der ihr anzeigte, dass es heute mit gegenseitigem Anstarren, Rothwerden und Grüssen nicht sein Bewenden haben werde. Statt ihre regelmässig und laut athmende Begleiterin – ruchlose Menschen hätten behauptet, sie schnarche – zu wecken, that sie das Unvernünftigste, was sie begehen konnte, sie lief davon. In einigen Secunden hatte er sie eingeholt, ihr die Blumen überreicht und einen Strom sehr lauter, aber dennoch unverständlicher Bitten und Beschwörungen über sie ergossen. Bei ruhiger Rückerinnerung würdigt dies meine Freundin als den Ausfluss grünster Jugendlichkeit, damals jedoch erschien es ihr hochbedeutsam, erschütternd, sie bis zu den Regionen der langen Kleider und vollbeschriebenen Tanzkarten emportragend. Er drückte ihre Hände, dass sich die Stengel des Strausses ihren Handflächen einpressten und sie eher ein schmerzliches, denn ein beseligtes Gesicht zog. Plötzlich stürzte Antoniette, zum Bewusstsein und zu ihrer Verantwortlichkeit erweckt, herbei, riss das unflügge Nestkücken aus dem Griff des Falken, und wenn Worte und Blicke die Wirkung der Blitze hätten, so wäre er ohne Zweifel todt zu Boden gestreckt worden. In den Augen des alten Fräuleins schwoll die Kinderei zu einem ungeheuren Frevel, zu einem Vergehen gegen die Moral an; sie drohte mit Gericht und Polizei. Aber lag es an ihrem fragwürdigen Deutsch oder an den von Schlaf und Bestürzung übermässig gerötheten Zügen und den rollenden Augen, – ihr Zögling biss sich krampfhaft auf die Lippen, der junge Goethe, weniger vorsichtig, lachte ihr helllaut in's Gesicht, wodurch sich ihr Grimm selbstverständlich nicht verringerte. Nach einem Blick auf das junge Mädchen, der einen ganzen Band lyrischer Gedichte ersetzte, drehte er sich um und ging. Die Nachblickenden sahen ihn im Hause des Kaufmanns auf dem Markte verschwinden. Es war ihre letzte persönliche Begegnung, denn Fräulein Antoinette bewachte ihren Schützling wie ein geschwänzter Schatzhüter der Sage. Nur ein glühendes Gedicht von ansehnlicher Ausdehnung, Engelbert Holstein unterzeichnet, gelangte durch einen Liebesboten, dessen Hauptkennzeichen Wasserscheu, durchstossene Ellbogen und vorwitzig in die Sonne hinausguckende Zehen waren, in die Hände meiner Freundin. Sie verwahrte es sorgfältig, Fräulein Antoinette hat nie etwas davon erfahren. Kaum eine Woche später verliessen sie das Weltbad. – Sie können sich vorstellen, wie überrascht und stolz meine Freundin war, als ihr jugendlicher Bewunderer sich plötzlich als Mann von Bedeutung entpuppte, von dem alle Welt spricht, dem man eine glänzende Zukunft vorhersagt.«

Das Gesicht des jungen Mannes trug einen sonderbaren Ausdruck.

»Wollen Sie mir erlauben, Ihrer rührenden Historie einen ganz unerwarteten Schluss anzufügen?« fragte er lachend, »Ueberraschungen sollen zwar den Werth eines literarischen Kunstwerkes nicht erhöhen, aber – arme Leute kochen mit Wasser.«

Else Friedjung blickte ihn verwundert an.

»Fräulein Antoinette klagte die erlittene Insulte der Badeverwaltung, den städtischen Behörden, dem Schulmonarchen und der Himmel weiss wem noch. Sie hatte den Frevler im Kaufmannshaus verschwinden gesehen. Hier hebt das tragische Verhängniss an, das Factum, das dem griechischen Trauerspiel zu so hoher Wirkung verhalf und vom modernen Fürwitz sammt den Göttern aus der Flugmaschine in die dramatische Rumpelkammer verwiesen wird: das Kaufmannshaus beherbergte ständig nur einen Gymnasiasten mit je nach den Verhältnissen scharlachfarbener oder schwarzbezogener Mütze. Freund Engelbert stellte sich nur strichweise ein; an jenem denkwürdigen Nachmittage kam er, um mir etwas Immenses von seiner Leidenschaft, von Drachen und lieblichen Waldfräulein zu berichten. Ich lauschte mit offenem Munde, nicht ahnend, was die Götter über mein schuldloses Haupt verhängt: Ein gewaltiger Aufruhr erhob sich. Ich hatte nicht nur den untadelhaften Ruf unseres Gymnasiums durch eine sittenlose Ausschreitung befleckt, ich schädigte auch den aufstrebenden Curort, wie der Mehlthau die grünen Bäume. »Wenn junge Galgenvögel die Curgäste im Walde straflos überfallen dürfen – denn bis zum Überfall war man, Dank Fräulein Antoinettens Beleuchtung des Ereignisses, gediehen, – dann werden sie der Heilquelle den Rücken kehren, und Westerode bleibt bis an's Ende aller Dinge eine Stadt mit etlichen Einwohnern und einem Gymnasium.« Als die Wogen sich legten, fand ich mich auf den Strand geworfen: Unter einem beträchtlichen Aufwand von Jüngsten-Gerichtposaunen war ich aus dem Gymnasium gestossen worden, damit nahm meine etwaige gelehrte Laufbahn ein vorzeitiges Ende. Wenn Sie ahnten, mein Fräulein, was für ein grosser Mann in der Knospe geknickt ward! Meine Mutter behauptete es, und sie musste es wissen, denn Niemand kannte mich genauer als sie. Ich erzeugte in meiner Dachkammer Schwefelwasserstoff und ähnliche Parfüms in einem Alter, wo andere Knaben einander die Stirnen voll Beulen schlagen. Wehe Liebig! prophezeite meine Mutter. Ich verwendete den Spiritus aus ihrem Schnellsieder und ihre Einmachgläser für alle Arten von Reptilien, fing Schmetterlinge, lief in der ärgsten Sonnenhitze mit einer grünen Blechbüchse herum, um Pflanzen mit Wurzeln und Erdreich auszureissen; nur Uebelwollende konnten leugnen, dass in mir die Keime zum Naturforscher lagen. Ich sammelte rostige Messer, grünspanbezogene Kupfermünzen, auf meiner Dachkammer fand eine zerschlagene Ofenfigur, der unvermeidliche Knabe mit dem Muschelkorbe, einen geehrten Platz, der künftige Archäologe war fertig. Und als ich in wilder Knabenzeit die Ruchlosigkeit beging, einer Katze den Schwanz abzuschneiden, erklärte meine Mutter, dies sei die liebste Beschäftigung aller grossen Chirurgen in ihrer Kindheit gewesen. Und nun sollte ich, ein so vielerlei versprechender Jüngling, lange Zahlenreihen addiren und meines Vaters Kunden Schnupftabak und Rosinen verkaufen. Es war herzbrechend.«

Das wohlwollend-überlegene Lächeln, mit dem Else gleich allen jungen Damen seiner Bekanntschaft ihm gegenübergesessen, war schon seit einer Weile von ihren Lippen gewichen. Sie blickte ihn an, als hätte ein geschickter Taschenspieler die dunkle, unscheinbare Gestalt verschwinden lassen und an ihrer Statt einen anderen Rudolf Müller in bengalischer Beleuchtung, mit ganz ungeahnten Tugenden und Vorzügen ausgerüstet, auf die Handbreit Raum zwischen Palmen und Azaleen hingestellt.

»Und wo blieb Ihr Freund?« fragte sie mit zusammengezogenen Brauen, eine rothe Zornwelle im reizenden Gesicht. »Wie konnte er Sie, den Unschuldigen, die Last tragen lassen! Es ist abscheulich! Ich hatte eine hohe Meinung von ihm, aber jetzt verachte ich ihn. Sobald ich nach Hause komme, verbrenne ich sein Gedicht!«

Rudolf blickte sie betreten an. Auf diese Wendung war er nicht gefasst gewesen. Dass man an einen bedeutenden Menschen denselben Massstab legen könnte, wie an gewöhnliche Muttersöhne, war ihm nicht eingefallen. »Judas Ischarioth!« flüsterte er sich zu. »Verurtheilen Sie ihn nicht!« bat er und setzte sich in seiner Rathlosigkeit zu ihr auf das Bänkchen, das wirklich nur für zwei schlanke Menschen Raum bot. »Seine Laufbahn stand auf dem Spiel, und bei ihm handelte es sich um mehr, als bei solch einem Dutzendmenschen, wie ich bin. An seinen Schöpfungen werden sich noch Tausende erfreuen, wenn von mir längst keine Spur mehr vorhanden sein wird.«

»Ich glaube nicht mehr an seine Zukunft,« versetzte Else mit der Energie einer bekehrten Heidin, die soeben ihren Thongötzen in Stücke zerschlagen hat, »ein charakterloser, schwacher Mann wird nie ein grosser Mann. Auch ist mir unverständlich, wie die Ungnade einer kleinen Stadt und selbst die Ausschliessung aus ihrer Schule seine Laufbahn zu zerstören vermocht hätte.«

»Wenn Sie sein Gemüth, das jede Widerwärtigkeit niederdrückt, und seine Verhältnisse kennten, dann würden Sie begreifen, dass es sich wirklich um seine Zukunft handelte,« erwiderte Rudolf, Angstschweiss auf der Stirn. »Weitläufige Verwandte hatten murrend und widerwillig die Schnüre ihres Beutels geöffnet, um ihn studieren zu lassen. Der Skandal, der seine Ausschliessung begleitet hätte, wäre ihnen ein willkommener Anlass gewesen, ihm ihre Unterstützung zu entziehen. Mit dieser schlossen sich vor ihm die Thore der Universität, die Grundlagen wissenschaftlicher Schulung, ohne welche sein Schaffen dilettantisch bleiben musste.«