Aber Else, statt sich zu der Höhe seiner Auffassung aufzuschwingen, hielt eigensinnig an ihrer Meinung fest.

»Selbstsüchtig Ihre Zukunftspläne zu zerstören, o, es war feige, es war schlecht!«

»Mein theueres Fräulein,« rief der junge Mann und rückte so nahe an sie heran, dass die Blattpflanzen, die sich als spanische Wand zwischen ihnen und dem Nebenzimmer erhoben, als Segen der Vorsehung erschienen. »Sie fassen die Geschichte viel zu tragisch auf. Das Unglück für Menschheit, Vaterland und mich selber ist wahrlich zu ertragen, wenn statt eines mässig begabten Doctors ein an Erfolgen nicht ganz armer Kaufmann in der Welt herumläuft.«

»Davon spreche ich nicht. Glauben Sie etwa, dass ich Ihren Beruf gering schätze?« vertheidigte sich Else eifrig, »mein Papa war auch Kaufmann und lehrte mich, seinen Stand hochhalten. Vielleicht schlug Antoinettens Bosheit – ich werde ihr nächstens meine Meinung sagen! – Ihnen sogar zum Glück aus; aber das entschuldigt ihren Freund nicht. Sie müssen in ihrem heimathlichen Neste – verzeihen Sie, im Weltbad Westerode – wie der verlorene Sohn angesehen worden sein.«

»Was schadete mir das? Ich hörte Predigten von unerlaubter Länge, sah wolkenverhängte Gesichter, bekam etliche Wochen Zimmerarrest; es hat mir, wie Sie sehen, den Humor nicht verdorben.«

»Es war im Sommer, und der Wald so nahe,« sagte Else bedauernd.

»Vergessen Sie nicht, dass auf meine Dachstube erhabene Gefühle zu Besuch kamen: Ich schützte meinen Freund, siehe die Bürgschaft; ich erlitt unverschuldetes Uebel, siehe die christlichen Märtyrer; ich fiel als Opfer für das Gedeihen meiner Vaterstadt, ein – allerdings etwas passiver – Curtius. – Ihr Antheil ist mir unendlich werthvoll, werthvoller als Sie denken, doch nein, Sie wissen ohne Zweifel, dass Sie mir die Verkörperung alles Schönen, Liebenswürdigen, Begehrenswerthen sind – allen Mädchen sagt es ihr Seherblick, wenn sie sich ein Männerherz unterjochten –, aber so glücklich mich Ihre Theilnahme auch macht, meine kleinen Leiden von damals verdienen sie nicht.« Er stockte; mit leiser Stimme hub er wieder an. »Der Gedanke, dass ich das Herrlichste, was mir das Leben gewähren könnte, Ihre Freundschaft, dem Ausnützen einer von mir selbst geschaffenen Gelegenheit, einer Indiscretion verdanken sollte, wäre mir unerträglich.«

Sie sah ihn mit seltsam schimmernden Augen an.

»Es ist zwar gegen alle Lehren Antoinettens, aber zuweilen überfällt mich ein förmlich krankhafter Drang, die Wahrheit herauszusagen und so mögen Sie denn nur wissen« – sie erhob sich schnell, der Walzer war längst zu Ende, ihre Tänzer traten suchend in die Thüre des Spielzimmers. Zurückgewendet sprach sie hastig, über und über erglühend, »mir ist es nicht viel anders gegangen als dem glücklichen Sohne des Kiss, ich bin ausgezogen, um Kunde von einem bedeutenden Mann zu hören, und fand einen echten Mann. Ich bin ein Sonntagskind, wissen Sie das?«

Damit war sie entschlüpft; er blickte ihr nach und machte das närrisch beseligte Gesicht, das jeder Sterbliche nur einmal im Leben zieht.