Das Zwiegespräch unter Palmen hatte selbst für ein Tête-à-tête mit dem Freunde eines bedeutenden Mannes zu lange gedauert, um nicht Anlass zu verschiedenartigen Randbemerkungen über den Fächer hinüber zu geben. Aber die Gesellschaft gewöhnte sich durch zahlreiche Wiederholungen daran, Herrn Rudolf Müller mit Fräulein Else Friedjung in allerhand Ecken und Winkeln der Ballsäle erschöpfende, tiefe und für Fernstehende nicht allzu interessante Gespräche führen zu sehen. Man wollte bemerken, dass er dem abnehmenden Monde glich, wenn sie nicht da war und dass sich eine Wolke der Verstimmung auf ihre Stirn lagerte, wenn er fehlte. Zuletzt verschwanden sie wochenlang spurlos aus ihrem Bekanntenkreise, und als die Lösung in Gestalt weisser Kärtchen erschien, bildete sie nicht einmal das bekannte Neuntagswunder. – Rudolf verdankt seine Braut eigentlich doch nur seinem bedeutenden Freunde. Als dieser dem schönen Mädchen vorgestellt wurde, erkannte er in ihr seine »unvergessliche« Jugendliebe, über deren Verlust ihn alle später besungenen Vertreterinnen edler Weiblichkeit nur scheinbar getröstet hatten. Sie war das Weib seiner Träume, das Rudolf ihm geraubt. Selbstverständlich kann ihm Niemand die Ueberzeugung nehmen, dass er eine Schlange an seinem Busen gehegt habe, schnöde missbraucht und verrathen worden sei. Rudolf Müller mag nur zusehen, wie er mit der Nachwelt, die Engelberts Tagebücher lesen wird, zurecht kommt! Ich gebe seine Sache verloren!
KEIN SCHWAN.
»Was hilft vortreffliches Beispiel, tadellose Erziehung, wenn der angeborene Hang den Menschen in den Schlamm hinabzieht!« schrie Fräulein Möller, die Vorsteherin des berühmten Damenpensionats in Dresden, roth vor Zorn, aber selbst im höchsten Affect die Gewohnheit, in Sentenzen zu sprechen, beibehaltend. »Ein hässliches Mädchen zu hüten, ist schwerer, als alle Herkulesarbeiten zusammen«, (Fräulein Müller hat übrigens noch keine probirt), »denn die Stummen wollen am meisten sprechen, und die Tauben machen die lauteste Musik.«
Das war ein Strafgericht! Der bewusste Feuerregen, der sich über Sodom und Gomorrha ergoss, muss dagegen ein angenehmes Nachmittagsvergnügen gewesen sein.
Die Mädchen aus der obersten Klasse blickten schaudernd auf einen schwarzen Punkt.
Der schwarze Punkt war ich!
Ich habe niemals besondere Lust gehabt, der Urkraft (von der Professor Henkel so dunkel und gelehrt zu reden wusste, dass uns nach jedem Vortrag in der Naturkunde eine Hammerschmiede in den Köpfen arbeitete) in ihre Töpfe zu gucken, aber was sie eigentlich im Sinne gehabt, welchen Zweck sie verfolgt, als sie den erwähnten schwarzen Punkt in der obersten Klasse des Pensionats geschaffen, das möchte ich gar zu gern wissen. Sie muss keinen Zierrath beabsichtigt haben, sonst hätte sie mich mit irgend einer Eigenschaft ausgerüstet, die den Augen des Beschauers wohlgefällig erscheint, keine Säule an ihrem Bau, sonst hätte ich nicht seit meiner frühesten Kindheit das Bewusstsein vollständiger Ueberflüssigkeit mit mir herumgetragen. Wenn ich heute die Augen schloss, dann wurde keine Wimper nass, keine stecknadelkopfgrosse Lücke entstand, nein, ich war zu keiner stützenden Säule bestimmt, denn ich war keinem Menschen auf Erden unentbehrlich. Halt, doch Einem! Und das bringt mich wieder in meine Klasse und in das Strafgericht zurück.
Hätte ich zärtliche Eltern gehabt, wie die anderen Mädchen, oder wäre ich hübsch und liebenswürdig gewesen, dann hätte Fräulein Möller mir eine Privatvorlesung im Allerheiligsten ihres Arbeitskabinets gehalten, und die ganze Klasse hätte sich nicht an den Weisheitssprüchen erbauen dürfen. Das Pensionat war zwar ob seiner Tugend und Sittenstrenge berühmt, aber durch die Thürritzen hatte der Klatsch doch die Kunde von Lieutenantsbriefen und darauf folgenden Thränen und Sentenzen in Fräulein Möller's Privatgemach getragen. Aber zwischen Julie von Minkwitz und mir war ein kleiner Unterschied. Als sie in die Schule eintrat, bat man um Nachsicht und Güte für das liebe Mädchen, während meine Mama nur von vulgären Neigungen sprach, die mir angeboren und streng im Zaum zu halten seien.
Meine Pflegeeltern haben viel für mich gethan, sie liessen mir eine Erziehung geben, als wäre ich wirklich eine der ihrigen und bestimmt, mit anmuthigem Flügelschlag durch ihre vornehmen Gesellschaftskreise zu schweben. Aber als ich in das berühmte Pensionat kam, hatte ich, damals noch ein halbes Kind, die Ueberzeugung, ich werde aus dem Hause entfernt, damit Robert und Lili nicht von meinen vulgären Neigungen angesteckt würden. Da diese mir angeboren waren, liessen sie sich nicht ausrotten, trotz der heilsamen Strenge, die angewendet ward. Dafür waren aber auch der ehemalige Kutscher und die ehemalige Kammerjungfer von Papa und Mama mein Vater und meine Mutter. Sie starben beide während einer Epidemie; ich kann mich ihrer kaum erinnern, denn ich zählte erst vier Jahre, als mich das unersetzliche Unglück traf. Unersetzlich – wiewohl Papa und Mama, die in kinderloser Ehe lebten und längst daran gedacht hatten, eine Waise an Kindesstatt anzunehmen, mich in ihr leeres grosses Haus nahmen. Auch an ihr Herz? Vielleicht. Ich habe nur dunkle Erinnerungen an die ersten Jahre im Hause meiner Pflegeeltern. Aber mir schwebt vor, als habe Mama mit ihren eigenen weissen, feinen Händen mich zuweilen in schöne gestickte Kleidchen gehüllt und sei am Abend, wenn sie keine Gesellschaft hatte, an mein Bett getreten, um mich ein kurzes Kindergebet zu lehren. Und Papa hob mich im Sommer, den wir stets auf seiner Besitzung an der Elbe verlebten, in die Zweige der Kirschbäume empor, damit ich mir mit meinen Kinderhänden – sie waren leider immer von ansehnlicher Grösse – die rothen Herzkirschen pflücke. Ich vermuthe, dass ich mich damals von anderen Kindern wenig unterschied. Vielleicht hatten die häufigen Lobsprüche, die ich erhielt, ein gewisses kindliches Pharisäerthum in mir grossgezogen. Mit ausgesprochenem Grauen betrachtete ich den schmutzigen wilden Burschen des Pächters. Der Knabe war nur etwa fünf Jahre älter als ich und kam täglich mit zerrissenen Kleidern und zerschlagenem Gesicht nach Hause, so dass seine Mutter kläglich prophezeite: »Wenn der Junge erwachsen ist, läuft er ohne Nase in der Welt umher.«
Meine angeborenen Neigungen schlummerten noch unentdeckt in meiner Brust. Sie haben sich erst später entwickelt. Und ich kann mit Bestimmtheit angeben, wenn das geschah.