Papa und Mama waren überselig. Der Erbe, den sie nicht mehr erhofft, lag schreiend in seiner Wiege. Das ganze Haus ging auf den Zehenspitzen. Die Dienstleute hatten anderes zu thun, als sich um mich zu kümmern, die sie wohl stets im Stillen als in die Gesindestube gehörig betrachtet hatten. Es war im Sommer. Hinter Papas Schlösschen zog sich der grosse Park, von einer alten Steinmauer umschlossen, hin. Daran stiess die Pächterwohnung mit den Wirthschaftsgebäuden. Im Park war es langweilig. Ich reckte mich auf den Zehen empor und klinkte ein Seitenpförtchen auf, um auf Entdeckungen auszuziehen. Ich brauchte nicht in die Ferne zu schweifen, das Gute in Gestalt eines Ententümpels lag vor mir, und Balthasar (er heisst wirklich Balthasar, möglicherweise verschärft dies sein Vergehen in Fräulein Möllers Augen) warf Steine in das grünlich schmutzige Wasser. Vor einigen Wochen hätte ich vermuthlich mein weisses Kleidchen zusammengenommen und wäre mit dem stillen Gedanken: »wohl mir, dass ich nicht bin wie dieser,« aus der vulgären Welt, in der Hühner scharrten, Gänse gackerten und Enten auf schmutzigem Tümpel schwammen, in die vornehme Abgeschlossenheit des Parks zurückgewichen; aber man liess mich nun viel allein, und ich langweilte mich. Und so trat ich näher und sagte:
»Du, das kann ich auch.«
Der schmutzige Bursche starrte mich verdutzt an, aber ich imponirte ihm nicht lange, denn als ich den ersten Stein warf und er mit einem Plumps versank, ohne wie die Wurfgeschosse Balthasars über das Wasser Kreise ziehend, hinzutanzen, lachte er mich aus. Doch zeigte er mir gleich darauf die Handgriffe. Das Wasser spritzte nach jedem Wurf hoch auf, und als mich nach geraumer Zeit der Gärtner entdeckte und das verirrte Schäflein heimgeleitete, triefte ich von Nässe. Die Folge davon war ein heftiger Schnupfen, der mir die Augen thränen, die Nase aufschwellen, das ganze Gesicht, wie Papa (leise zu Mama aber von mir dennoch gehört) bemerkte, dem seines ehemaligen Kutschers ähnlich machte. Mama gerieth in Todesangst, ich könnte meine Erkältung dem »Kinde« mittheilen und so blieb ich aus ihrer und Roberts Nähe wochenlang streng verbannt. Ich müsste lügen, wenn ich behauptete, ich hätte meine Acht besonders schwer empfunden; denn in diese Zeit fielen meine Herumstreifereien mit meinem neuen Freunde, der mich zu Haselbüschen führte und mir zeigte, wie man die Nüsse mit den Zähnen aufbiss. Seit damals war ich vulgär. Je grösser Robert wurde, desto schlimmer trat meine Erbsünde zu Tage. Ich steckte beständig mit Balthasar zusammen und wurde einmal im Kuhstall ertappt, das anderemal aus den höchsten Zweigen eines Birnbaumes herabgeholt. Balthasar war ein rührend treuer Kamerad. Das prächtige Obst, das er in Papas Garten gemaust, theilte er gewissenhaft mit mir, und (wer zweifelt noch, dass ich das vernichtende Urtheil meiner Pflegeeltern verdiente!) es schmeckte hundertmal besser in einem Winkel der Scheune, als von den Krystallschalen an der Tafel.
Mama und Papa, die meinen unpassenden Verkehr missbilligend bemerkten, hofften, der Winter werde ihm ein Ende bereiten. Unterbrochen wurde die Freundschaft, aber jedes Frühjahr knüpfte sie fester. Damals wusste ich mir keine Rechenschaft darüber zu geben, was mich zu Balthasar und seinen braven, tüchtigen Eltern hinzog, aber heute ist mir's klar, dass es nicht bloss die ererbte Vorliebe für vulgäre Gesellschaft war, sondern die Thatsache, dass ich jenseits der Gartenmauer etwas galt und gut gelitten war, während ich dieseits kalt übersehen oder getadelt wurde. Allerdings als zwei Jahre nach Robert die kleine zarte Lilli zur Welt kam, besserte man nicht mehr an mir herum und liess mich treiben, was mir gefiel, bis ich alle Grenzen des Erlaubten überstieg. Ich zählte vierzehn Jahre und sollte bei Lilli's Gouvernante die Lücken in meiner Bildung ausfüllen. Statt dessen lief ich tagaus tagein zur Pächtersfrau hinüber. Sie war einsam; ihr Abgott Balthasar befand sich auf einer landwirthschaftlichen Schule. Ich ging ihr in Küche und Maierei zur Hand, butterte, streute dem Geflügel das Futter, knetete und buck ordinäres schwarzes Brod. Wurde ich entdeckt, dann sah ich ein, dass mein Vergehen zum Himmel schrie. Ueberhaupt war ich in Gegenwart von Papa, Mama, Robert und Lilli meist in so bussfertiger, zerknirschter Armensündenstimmung, dass es mich gar nicht Wunder nahm, wenn mich alle für feige, unaufrichtig, lakaienhaft hielten. Die geringschätzigen Bemerkungen, die kalten Blicke daheim drückten mein Selbstgefühl herab, ich begann, mich für einen dunkeln Flecken auf dem sonnigen Familienbilde zu halten, für eine Art von Schlagschatten, der die Vortrefflichkeit und feine Ausführung der anderen Schöpfungswerke gebührend hervorhob, sich aber nichtsdestoweniger ziemlich überflüssig dünkte. Die Andern mochten dasselbe finden; ich wurde Fräulein Möller ausgeliefert. Sie sollte den letzten Versuch machen, mein ererbtes Uebel zu kuriren. Seit zwei Jahren bin ich nicht einmal in den Ferien nach Hause gekommen. In der ersten Sommervacanz, während ich mit meinem baumlangen Kameraden Pflanzen und Steine suchte, kam Miss Burton, Lilli's Gouvernante, auf die Idee, ein geheimes Einverständniss bestehe zwischen mir und dem lieben, langen, unbeholfenen Jungen. Und so erfloss das Verbot meiner Heimkehr, und während die anderen Mädchen in die Berge, an die See in den Sonnenschein hinauszogen, sass ich wie ein Sträfling hinter den Mauern des verstaubten Pensionsgartens. Nächstes Jahr durfte ich wohl Papa und Mama besuchen, denn (ich konnte meine Thränen nicht zurückhalten, wiewohl die ganze Klasse mich spöttisch betrachtete) Balthasar sollte nicht mehr als Schlange im Paradies lauern. Der Bruder seiner Mutter war kinderlos verstorben und hatte ihm ein hübsches Gut in Pommern hinterlassen. Er hatte es mir geschrieben und mich gefragt, wann er mich sehen könne. Mama und Papa, welchen er einen Abschiedsbesuch gemacht, hätten ihm die Bitte, mir vor seiner Abreise die Hand drücken zu dürfen, rundweg abgeschlagen. Ich dürfe meine Studien nicht unterbrechen. Du lieber Gott, als ob nicht Hopfen und Malz an meiner Wasserfarbenmalerei, meinen Chopin'schen Nocturno's und Stickereien in Seide und Chenille verloren wären.
Dieser Brief, der erste heimliche Brief in meinem achtzehnjährigen Leben, fiel einer Aufseherin in die Hände, und ich hörte Sentenzen vor der ganzen Klasse über mein unpassendes Benehmen. Zuletzt wurde mir verboten, das Haus zu verlassen. Wie ein Häuflein Unglück sass ich in meinem Zimmer und bekam zu meiner übrigen Schönheit vom Weinen rothe geschwollene Augen.
Vermuthlich verdankte ich es meiner vulgären Neigung, dass ich unter all den Gewerbsleuten der Schule warme Freunde hatte.
Meine Antwort an Balthasar hatte die Bäckerstochter bestellt, und nun wartete er ohne Zweifel in dem windschiefen Gartenhäuschen an der Mauer, in welches er sich, dank seinen früh erworbenen Kletterkünsten, leicht genug hinaufzuschwingen vermochte. Ich aber war gefangen, und wenn auch nicht in Banden, so doch durch eine gut und sicher verschlossene Thüre von der Aussenwelt getrennt, denn zu diesem äussersten Mittel hatte Fräulein Möller gegriffen, da ich mich nicht dazu verstehen wollte, meinen Verzicht auf eine Zusammenkunft mit meinem Jugendfreunde zu versprechen.
Mein Zimmer lag eine Treppe hoch, aber das Haus war niedrig, und unter meinem Fenster befanden sich ein paar kümmerliche Blumenbeete. Ich würde weich fallen. Natürlich würden die zerdrückten Blumen meinen Frevel morgen aller Welt verkünden, aber ich war in einer Stimmung, so verzweifelt und aufgeregt, dass mich keine Bedenken abhielten. Mit Balthasar ging meine glückliche Kinderzeit von mir. Ohne Abschied liess ich den einzigen Menschen, der mich an's Herz geschlossen, nicht von dannen ziehen.
In minder verlockender Gestalt ist wohl noch nie eine junge Dame bei einer heimlichen Zusammenkunft erschienen. Die weiche, von Regen getränkte Erde des Gartens hatte sich in rührender Anhänglichkeit meinem Kleide mitgetheilt, ich hinkte, denn ich hatte mir bei dem Sprung den Fuss verstaucht, und zum Ueberfluss fing ich noch laut zu weinen an, als bei dem Schein einer Laterne, die in dem Gässchen hinter dem Gartenzaun brannte, mein Jugendfreund in dem windschiefen Gartenhäuschen vor mir auftauchte.
Er hatte mit seiner grossen, ehrlichen Rechten meine Hand gefasst und begann mir mit der Linken unbeholfen das Haar zu glätten. Und da ich dadurch nicht beruhigt ward, wollte er mich an sich ziehen. Aber ich machte mich los.