»Helene, ich bin durchaus nicht vernünftig,« betheuerte ich mit Ueberzeugung. »Ich glaube, seit den Tagen von Hero und Leander hat kein verliebter Narr so ungeduldig die salzige Fluth durchmessen und so erleichtert das Gestade berührt, wie ich.«

Eine Steinfigur wäre gerührt worden. Meine theuere Braut jedoch rief spöttisch an mir vorüber in die Luft hinaus:

»Der Unglückliche! Bittere Noth zwang ihn, seiner Heimath den Rücken zu kehren und das harte Brot – den Schiffszwieback – der Fremde zu essen.«

Wenn mich etwas aufregen kann, so ist es dieses Sprechen zu einem abwesenden Dritten. Ich würde es als einen Scheidungsgrund ansehen, sollte meine Frau ihre Gardinenpredigten in diesem Stile halten. Allein diesmal blieb ich gelassen, denn es galt mein Schifflein durch eine etwas gefährliche Stromschnelle hindurchzurudern.

»Bedenke, Kind, man hat doch auch Pflichten gegen das Allgemeine. Wenn ich meinen verehrten Mitbürgern keine Veranlassung zu einem Bankett gebe, dann erkranken sie möglicherweise am verhaltenen Jubelfieber, und meine Unterlassungssünde endet in einem Massenmorde.«

»Bilde dir nicht ein, sie haben auf dich gewartet,« entgegnete Helene; ihr Ton klang geringschätzig, aber sie wandte sich direct an mich, und das war ein Fortschritt. »Hätten dich die Wilden mit dem Holzbeile erschlagen, dann wäre vielleicht das Erlöschen der Pest vor 400 Jahren gefeiert worden, oder der Westfälische Friede, oder sonst eine erfreuliche, wenn auch schon etwas angejahrte Begebenheit. Ich kenne unsere würdigen Stadtpapas; wenn ein guter Jahrgang im Rathskeller lagert, dann begehen sie Jubiläen bei dem geringfügigsten Anlass.«

Und dieses Wesen, das meine Bedeutung für das Gemeinwohl also abzuschwächen, ja ganz zu vernichten suchte, sollte das Weib meines Busens werden! Ich hoffe, dass mir Jedermann die Berechtigung zugestehen wird, entrüstet zu sein.

»Helenchen, äussere deine Ketzerei nicht vor fremden Ohren. Männlein und Weiblein in unserer Stadt stimmen darin überein, dass meine Sammlungen ungeheuer werthvoll sind und meine Tagebücher der Wissenschaft ausserordentliche Dienste leisten werden. Man soll sein Urtheil freilich nicht nach dem der Menge bilden, aber es trüge dir doch einen etwas unerwünschten Ruf der Originalität ein, wenn du, meine Braut, die Einzige wärest, die meiner Forschungsreise nicht die geringste Wichtigkeit beimissest.«

Sie blickte anklagend zur Zimmerdecke empor.

»Ich messe ihr keine Wichtigkeit bei, ich, die ich ihr die trostlosesten, unerquicklichsten Jahre meines Lebens verdanke!«