»Lass ihn kommen, Kind, wir wollen doch sehen, ob wir ihn mit unseren warmen Herzen nicht überwinden. Wir wollen unseren Frühling dankbar feiern, obschon er uns spät im Jahre gekommen.«

Er schloss sie in seine Arme und küsste sie auf den Mund.

BRENNENDE LIEBE.

Vielleicht halten Sie mich für unbescheiden, aber wahrhaftig, ich half einem tiefgefühlten Bedürfniss ab, als ich geboren wurde, aufwuchs und zum Ruhm meiner Vaterstadt unter die Kannibalen ging. Natürlich nicht, um bei ihnen zu bleiben, sondern um mit 85 Kisten voll staubiger Merkwürdigkeiten, Schädeln, Amuletten, Pflanzenwurzeln, Pfeilen, Bogen, Lanzen und ferner mit einem Vorrathe an Notizen und Tagebüchern heimzukehren, der das Herz jedes Händlers in Makulatur mit den frohesten Erwartungen erfüllt hätte.

Meine Vaterstadt hatte sich schon seit längerer Zeit sehnsüchtig nach einem grossen Sohne umgethan, zu dessen Ehren man wieder einmal in dem altberühmten Rathskeller ein ansehnliches Festessen unter Pauken- und Drommetenschall abhalten konnte. Leider war in der ehemaligen Reichsunmittelbaren eine gewisse Dürre eingetreten, sie hatte alle ihre grossen Söhne unter prachtvollen Denkmälern begraben, und der Nachwuchs zeigte das richtige Militärmass nicht mehr. Da trat ich denn aufopfernd in die Bresche. Der Wahrheit die Ehre! Das Essen war unübertrefflich, und der Wein liess nichts zu wünschen übrig. Rechts und links schlugen mir »der opferwillige, selbstlose Diener der Wissenschaft«, »der erleuchtete Erforscher dunkler Erdtheile«, der »hervorragendste jetztlebende Sohn« und so weiter an die Ohren, und als sich nach leiser Zwiesprache mit mir der Oberbürgermeister erhob und den Anwesenden verkündete, ich hätte meine 85 Kisten der geliebten Vaterstadt zum Geschenk gemacht (selbstverständlich unter den bescheidenen Bedingungen, dass sie für ewige Zeiten ungetheilt blieben, in den hellsten Sälen des neuen Museums aufgestellt würden und als Karl-Wittmann-Stiftung auf die Nachwelt übergingen), da stieg die Begeisterung auf den Siedepunkt, und ich genoss fortan die süssen Früchte der Popularität, die darin bestehen, dass jener Theil der hoffnungsvollen Jugend, der den Gebrauch der Taschentücher standhaft verschmäht, auf der Strasse mit den Fingern auf mich deutete, und die jungen Damen der Stadt, sobald sie meiner ansichtig wurden, angelegentlich die Auslagen studirten, um, wenn ich vorübergegangen war, sich umzudrehen und mir nachzublicken. Aber die Götter sind neidisch. Sie vergassen nicht, einen Tropfen Gift in meinen Freudenbecher zu mischen. Und was für einen Tropfen! Er war ausgiebig genug, um ein ganzes Fass süssen Weines in eitel Wermuth und Galle zu verwandeln. Es lebte eine Person in der Stadt, die meine Verdienste um Mit- und Nachwelt gering schätzte, die meinen Ruhm nicht anerkannte und trotz meiner allgemeinen Beliebtheit kalt wie ein Eiszapfen blieb, und diese Person war meine Braut; denn ich habe eine Braut und zwar eine sogenannte Familienbraut.

Aus Spielgefährten und Jugendfreunden wurden wir, Dank unseren vortrefflichen Mamas, im Handumdrehen Braut und Bräutigam ohne die geringste Ungewissheit, den leisesten Zweifel, ohne irgend ein Hangen und Bangen in schwebender Pein. Meine junge Weisheit beschloss, die stehenden Gewässer unserer Neigung durch eine längere Entfernung aufzurühren, damit etwas von dem Idealzustande der Liebe, ein Bischen Sehnsucht und Leidenschaft auch auf unser Theil komme. Auch führte ich den auf mich entfallenden Part des Programms gewissenhaft durch. Einmal von Helene getrennt, zog ich jeden Augenblick ihre Photographie heraus und machte ihr die süssesten Augen, zweimal im Tage setzte ich mich hin, um gefühlvolle Episteln an sie zu richten (leider dürften sie dieselbe nicht erreicht haben, denn ich bin ein schlechter Briefschreiber, und aus den acht Seiten langen Liebesbotschaften wurden meist kleine Zettelchen, die ihr die erfreuliche Kunde meines Wohlbefindens zutrugen), und als den »bekannten Naturforscher« bei seinem Landen in Hamburg eine kleine Festlichkeit erwartete, riss er sich mitten in der Nacht und mit ziemlich schwerem Kopf aus dem Kreise seiner Verehrer los, um am nächsten Morgen in seiner Vaterstadt und bei Helene einzutreffen.

Ich hätte ruhig im Hotel schlafen können. Zur Begrüssung streckte mir meine Braut ein paar Fingerspitzen entgegen, als ich voll Wiedersehensfreude auf sie zueilte.

»Sehr erfreut, den Herrn Doctor bei uns zu sehen,« sagte sie und verbeugte sich tief und spöttisch. Wir waren allein, nichts hinderte uns, die lang aufgespeicherte Sehnsucht von Lippe zu Lippe ausströmen zu lassen. Und nun dieser Empfang! Die Arme sanken mir herab, mein Gesicht verlängerte sich.

»Das Willkommen für deinen Verlobten leidet jedenfalls nicht an Ueberschwänglichkeit,« sagte ich trocken, nachdem ich meine Enttäuschung, so gut es ging, niedergekämpft.

»Wer das nicht hoch genug zu schätzende Glück hat, einen so vernünftigen Bräutigam sein eigen zu nennen, darf sich nicht durch Sentimentalität lächerlich machen,« versetzte sie.