»Das glaube ich,« versetzte Grosspapa, »an Bedenken scheint die junge Dame überhaupt nicht zu kränken.«
Und »Ivo ihr Liebling,« rief höhnisch seine bessere Hälfte, »solche berechnende Geschöpfe haben für Niemand eine Neigung als für sich selbst.«
Dem jungen Mann schwoll die Zornader auf der Stirn, aber er hielt an sich.
»Möchtet Ihr nicht, wenn schon nicht aus Rücksicht für mich, so doch Euer graues Haar bedenkend, etwas weniger gehässig von einem Wesen sprechen, das unserem Kinde bisher nichts als die selbstloseste Freundlichkeit erwiesen? Nein, spottet nicht,« – kam er, als sie sprechen wollten, ihnen zuvor, »Ihr werdet mich sonst dadurch zu einen Schritt veranlassen, vor dem Ihr mich bewahren wollt!«
So hatte er noch nie gesprochen. Wenn sie ihn auch verdächtigten, er habe ihre todte Marie bereits vergessen, so hatte er bisher doch jeden Gedanken, ihr eine Nachfolgerin zu geben, kurz von der Hand gewiesen, bestürzt zogen sich die Verschworenen in die Wohnstube zurück, den Vater bei dem Kinde lassend. Er hätte, wenn er horchen gewollt, sie murren und grollen und Pläne schmieden hören können, aber jedenfalls flösste ihm Ivo's Geplauder, in welchem das junge, blasse Mädchen von drüben beständig wiederkehrte, theils wegen des Gegenstandes, theils wegen des Sprechers mehr Interesse ein. Am nächsten Morgen hielt er das widerspenstige Kind durch das Versprechen, heute werde die Tante gewiss kommen und sich freuen, ihn so folgsam zu sehen, im Bettchen fest. Bevor er das Haus verliess, theilte er den Alten mit, er wolle die Nachbarin herüberbitten. »Ich brauche Euch wohl nicht zu erinnern, dass ich meines Sohnes beste Freundin in meinem Hause mit aller Rücksicht behandelt sehen will,« sagte er beim Abschied. Die Grossmama nickte mit dem Kopf, aber nicht wie zur Bestätigung seiner Rede, sondern zu einer, die sie sich selber hielt. In gemeinverständliches Deutsch übersetzt, mochte es bedeuten: »O warte nur, Du sollst sehen, wie ich mich vor Deinen lächerlichen Drohungen fürchte!« Und Grosspapa goss nach seiner lieblichen Gewohnheit Oel in's Feuer. »Geh doch in die Küche, Kuchen backen für den seltenen Gast! Und vergiss die guten Tassen nicht, die Marie zur Hochzeit bekam. Unsere glatten, weissen sind nicht vornehm genug für die Nähmamsell!«
Sie sahen noch, wie Franz über die Strasse ging, drüben die Klingel zog und in das Haus trat. Grossmama hatte Furcht, er werde das Geschäft versäumen, aber so verhängnissvoll war der Einfluss von »der drüben« doch noch nicht geworden; nach ein paar Minuten trat er wieder auf die Strasse hinaus, allerdings mehr aus dem Grunde, weil er das junge Mädchen vor ganzen Bergen von Arbeit überrascht, als weil ihn sein geschäftliches Gewissen aus ihrer Nähe vertrieben. Sie wollte die erste freie Minute benutzen, um nach dem kranken Ivo zu sehen. Sie hatte so besorgt nach ihm gefragt und wirklich erleichtert aufgeathmet, als sie erfuhr, seine Krankheit sei unbedenklich; ob wohl Grossmama auch darin Zeichen von Berechnung zu entdecken vermöchte, fragte sich der junge Mann lächelnd.
Mit einem Freudengeschrei, das ihm gleich darauf einen tüchtigen Hustenanfall zuzog, begrüsste der Knabe seinen Gast. Bei seinem Entzücken übersah sie zuerst den kühlen Empfang, den ihr die beiden Alten zukommen liessen. Auch als sie sich über das geringe Vergnügen, das ihr Kommen in ihnen erregte, nicht länger täuschen konnte, war sie billig genug, einzusehen, dass Ivo, der um ihretwillen die Grosseltern in der letzten Zeit ziemlich vernachlässigt, ein wenig Eifersucht begreiflich machte. Unbehaglich wurde ihr nur zu Muthe, als wirklich die bemalten Tassen zum Vorschein kamen und die beiden Alten sich mit säuerlichen Gesichtern zu dem an Ivo's Bett gerückten Tisch niedersetzten. O, es entstanden keine solchen Pausen, wie bei dem ersten Besuch, den Franz ihr gemacht! Grossmama sprach unaufhörlich auf den Gast ein, und wenn sie, um Athem zu schöpfen, innehielt, dann fiel der alte Mann mit seiner krächzenden Stimme ein und machte irgend eine Bemerkung, die sich wie mit Widerhaken in Johannas Seele verfing. Ein ausgezeichnetes, ein exemplarisches Paar! Wovon konnte sie die Fremde unterhalten, wenn nicht von ihrer todten Tochter, die solch ein Musterbild aller Tugenden gewesen: »ganz anders als die Mädchen, die man jetzt sieht, und die nur für den Putz und das Geldhinauswerfen geschaffen sind«, schnarrte der Alte mit einem Blick auf Johannas neumodischen, in Feierabendstunden mühselig zusammengeschneiderten Anzug dazwischen, dann wieder Grossmama: »Was war Marie für eine Hausfrau, wie behaglich, wie angenehm wusste sie es ihrem Manne zu machen, und wie hingen die Beiden auch aneinander!« So ging es in einem Zug fort. Die Geschichte von Franzens Glück, die sie einmal aus seinem Mund vernommen, musste sie nun noch einmal hören, aber von den Lippen der Alten klang sie schier wie ein Vorwurf gegen ihn. Wie durfte er sich unterfangen, noch einmal lachen und fröhlich sein zu wollen. Grossmama erliess ihr nichts; sie musste auch die ganze Krankheit und das Ende Maries mitmachen, Franzens Verzweiflung und das Versprechen, das er, wenn auch nicht gerade in Worten, geleistet, ihr nie eine Nachfolgerin zu geben. Warum erzählte sie ihr dies, warum warf der tückische Greis höhnisch darein: »Und an dieser Thatsache werden alle mannstollen Glücksjägerinnen nichts ändern!« Ihr zog sich das Herz zusammen. Ein ungeheures Mitleid mit Franz, dessen Hausgenossen, dessen einziger Verkehr mit der Welt sie waren, überkam sie. Die beiden Alten erinnerten sie, wenn sie sich so gegenübersassen mit den nickenden boshaften Köpfen, an zwei chinesische Götzen. Sie wäre um Ivo's Willen noch gern geblieben, aber das Pärchen ward ihr unheimlich, und sie erhob sich. Doch so leichten Kaufes liessen die Alten sie nicht los. Sie musste sich noch all die Opfer erzählen lassen, die sie für den Enkel gebracht, sie musste sich noch in kaum nichtzuverstehender Weise andeuten lassen, dass man die Motive ihrer Freundlichkeit gegen das Kind, und warum sie es den Grosseltern so häufig entziehe, ganz wohl verstehe. Kein Wort wurde gesagt, dass sie als offenkundige Beschuldigung oder Unhöflichkeit deuten konnte. Nun ja, solch ein Kind lernt bei jungen Leuten leicht die alten vergessen: oder mit der biedersten Miene von der Welt »der kleine Ivo muss es entgelten, dass sein Papa eine gute Partie ist, was schleppt er nicht an Bändern und Süssigkeiten in's Haus!«
Johanna hatte ihm wiederholt erlaubt, sich die glänzenden Flitter, die ihm gefielen und die keinen Werth mehr hatten, nach Hause zu nehmen, auch einen und den andern Leckerbissen liess sie dem kleinen Naschmäulchen zukommen. Kaum konnte sie ihre Thränen zurückhalten, aber als sie auf ihre Stube gelangte, weinte sie lange und schmerzlich. Die Alten hatten in einer Hinsicht Recht; Franz war ihr nicht gleichgültig geblieben; wie wäre dies auch möglich gewesen, da er der Erste war, der dem alleinstehenden, verlassenen Mädchen mit menschlichem Antheil entgegen gekommen! Auch das Kind hatte sich ihr in's Herz gestohlen. Kaum wusste sie, ob sie den Vater um des Kindes willen, oder das Kind wegen seines Vaters liebe. Aber eigennützige Berechnung, ja selbst der Gedanke, er könne sie einmal als seine Frau, als Mutter seines Kindes in das verwaiste Haus führen, waren ihr fremd geblieben. Was half ihr aber ihr reines Bewusstsein, wenn die bösen Alten, ja wenn vielleicht er selbst sie für eine selbstsüchtige Männerjägerin hielten. Sie hatte ihre Thränen kaum getrocknet, als ihre vierschrötige Hauswirthin an die Thüre klopfte, um sich über die Unordnung zu beklagen, welche die herumfliegenden Fädchen und Läppchen von Johannas Schneiderei im Hause verursachten. Sie kam ihr eben recht. Fort aus der Strasse, fort aus dem Hause, wo sie eine solche Verdächtigung, so bitteres Leid erfahren! Das war das Einzige, was ihr nach den Hornissenstichen des würdigen Paares übrig blieb. Sie kündigte.
Kaum hatte die Hauswirthin das Zimmer verlassen, fing sie ihre Sachen zu packen an. Mit höhnischem Winken und Deuten sahen sie die Alten drüben bei dem Geschäft; aber es wurde ihnen etwas weniger behaglich zu Muthe, als Franz, auch heute früher als gewöhnlich heimkehrend, gleichfalls den offenen Koffer und das geschäftig hin- und hereilende Mädchen sah. Ivo hatte sich beklagt, die Tante sei so schnell fortgegangen, er habe ihr nicht einmal einen Kuss geben können. Und Franz wusste, dass die Alten irgend eine Miene gegraben. Er nahm seinen Hut und eilte, ohne ein Wort zu sprechen, hinüber. Johanna hatte die Herbstblätter, die sie mit Wachs überzogen, und in eine Vase gestellt, von dem Kaminsims herabgenommen. Sie wollte sie wegwerfen; aber das Kind hatte ihr eine Freude machen wollen; es konnte nichts dafür, dass sie ihr vergiftet worden war. Sie wollte sie in den Koffer legen zum Andenken, dass sie glücklich gewesen und zwei Menschen von Herzen lieb gehabt. Da hörte sie Tritte auf der Treppe, die ihr das Blut in's Gesicht jagten, ein Pochen an der Thür, das ihr »Herein« zittern, kaum vernehmlich klingen liess. Franz trat ein. Mit einem Blick hatte er die Sachlage erfasst.
»Ich habe von drüben recht gesehen,« sagte er traurig, »Sie wollen uns entfliehen, meinem armen Knaben und mir?« – Sie wollte etwas antworten, aber da hatte er schon ihre Hand gefasst, und der wortkarge Mensch wurde förmlich beredsam: