»Gehen Sie nicht von uns, Johanna! Sie haben mich wieder das Leben schätzen, meinen Knaben die vorsorglich lenkende Mutterhand kennen gelehrt. Bleiben Sie bei uns!«

Sie stand fassungslos.

»Ivo's Grosseltern haben mir die Deutung gegeben, wie die Welt von meinem harmlosen Verkehr mit Ihnen und Ihrem Kinde denkt,« sagte sie bitter. Sie wies auf die zusammengerollten Blätter. »Sehen Sie, so ist mein Inneres. Vor einer Stunde war noch alles frisch und grün, aber nun hat die Welt einen Herbstschleier angelegt, und ich fürchte, ich könnte nicht mehr unbefangen mit Ihnen sprechen, es ist zu Vieles in mir welk und dürr geworden.«

»Vergessen Sie, dass die alten Leute Sie beleidigt; sie sind grämlich, durch den Tod ihres einzigen Kindes verbittert. Aber sie werden meiner Frau die Achtung nicht versagen, und mit der Zeit, Johanna, gewinnst Du auch ihre Zuneigung. Ich war nicht besser als sie, da ich Dich kennen lernte, und bin durch Dich verwandelt worden. So wird es, so muss es ihnen auch ergehen.« Er fasste ihre Hand mit den Herbstblättern, die raschelnd, dürr zu Boden fielen, sie selber sank, erglühend wie eine Mairose, an seine Brust.

SCHWIEGERMÜTTERCHEN.

Mama Hellmer hatte nur eine Sorge in ihrem sonst recht angenehmen und behaglichen Leben (freilich eine Sorge, so gewaltig und alles verschlingend wie der Leviathan); sie fürchtete, ihr grosser gutmüthiger Junge mit dem Pudelkopf, ihr grösster Stolz und ihre einzige Freude, werde sich die Finger oder auch die ganze Hand verbrennen, wenn er an's Freien ging.

Zu ihrer Entschuldigung sei hier bemerkt, dass sie sehr unglücklich verheirathet gewesen war, dass ihr Mann, ein ganz auserlesener Taugenichts, ihr alles erdenkliche Herzeleid zugefügt hatte.

Das lag nun weit hinter ihr; sie hatte manches Jahr vom frühen Morgen bis in die dunkle Nacht hinein unermüdlich gearbeitet, genäht, gestrickt, in allen erdenklichen Künsten und Wissenschaften unterrichtet und sich mit ihrem Jungen tapfer durch's Leben geschlagen. Ja, durch eine Kette unendlicher Opfer hatte sie es sogar vermocht, ihm eine Erziehung geben zu können, wie sie selbst manchem Sohn aus wohlhabendem Hause versagt blieb. Nun hatte er ihr schon seit manchem Jahr alle Mühe und Plage abgenommen und sie in eine behagliche, sauber und zierlich wie ein Puppenheim ausgestattete Wohnung hineingesetzt. Was er ihr verdankte, wusste er genau; er wusste, dass er ohne ihre Entschlossenheit und Aufopferung vermuthlich ein zerlumpter, schmutziger kleiner Vagabund, ein ungebildeter, vielleicht verkommener Bursche geworden wäre, und ein innigeres Verhältniss als zwischen diesem Sohn und dieser Mutter konnte man sich kaum vorstellen. Den weiblichen Nachbarn – besonders den verheiratheten – traten Thränen der Rührung in die Augen, wenn sie jeden Nachmittag bei hübschem Wetter Mama Hellmer am Arme ihres stattlichen Sohnes spazieren gehen sahen. Die Bank, in welcher Eduard Hellmer eine Vertrauensstellung einnahm, schloss frühzeitig, aber er hätte vielleicht eher seine vortheilhafte Stelle aufgegeben, als Mama die ihr vom Arzte verordnete Bewegung in der frischen Luft allein machen lassen. In Papierdüten trug er ihr Blumen und Obst nach Hause, als wäre sie, wie die unverheiratheten Nachbarinnen, den Mund ein wenig verziehend, bemerkten, eine junge Dame, der er sein Herz zu Füssen gelegt. – Und wie sorgsam er den Shawl um ihre Schultern legte, wenn ein rauhes Lüftchen sie anblies, wie beflissen er den Kopf zu ihrem Munde hinabneigte, damit ihm im Strassenlärm kein Wörtchen, das sie sprach, verloren ging. Ja, Frau Hellmer war eine beneidenswerthe glückliche Mutter, trotz der grossen Sorge, die der Sohn ihr, freilich ohne es zu wissen und zu wollen, verursachte. Eduard besass zu seinen übrigen Tugenden leider auch noch ein leichtempfängliches Herz. Es klopfte hie und da ganz vernehmlich für irgend ein anmuthiges Mädchenbild, das ihm in seinem Gesangsverein oder in Mama's Bekanntenkreise begegnete, und er wäre vermuthlich blindlings in das Unglück seines ganzen Lebens hineingerannt, wenn Mama nicht die bestconstruirte Dampffeuerspritze in den Schatten zu stellen und die aufflackernde Gluth durch einen mit voller Kraft geschleuderten kalten Wasserstrahl zu dämpfen gewusst hätte.

Edith Bogart? O gewiss, sie ist ein schönes Mädchen; Mama könnte sich nicht beifallen lassen, dies zu bestreiten; sie ist witzig, lebhaft, mit nicht gewöhnlichem Geist begabt; Frau Hellmer kann es beurtheilen, denn sie war ja einmal des Kindes Lehrerin gewesen. Himmel! welch' ein jähzorniges, heimtückisches Temperament die Kleine besass! Erinnerte sich Eduard nicht mehr, wie Mama einmal ihr bestes Kleid von einer Scheere kreuz und quer zerschnitten heimgebracht hatte? Es war Edith's boshafter Racheakt für eine ihr ertheilte Strafe. »Und Du weisst, Eduard, was die Anschaffung eines neuen Kleides damals für mich bedeutete,« setzte Frau Hellmer hinzu. Natürlich wusste er es und küsste ihr gerührt die Hand. Lili Felder? Das Bild eines deutschen Gretchens? Ja gewiss, aber nur die schwache Copie eines solchen. Mit dem Wesen des ächten Gretchen könnte man es nicht recht in Einklang bringen, dass sie die schwache, kränkliche Mutter sich mit dem Haushalt, den jüngeren Kindern und Fräulein Lili's weit über ihre Verhältnisse glänzenden Putz abquälen liess und mit einem neuen Roman den Tag verbrachte. Die unverheiratheten Nachbarinnen fingen an, die Thränen der Rührung dem Sohne allein zu widmen, der in unverminderter Ehrerbietung die alte Frau am Arme führte, wiewohl sie – das lag ja klar zu Tage – ihm das Glück seines Lebens zerstörte. Alle Welt fing an, der besorgten Mutter masslose Herrschsucht unterzuschieben; sie wolle die erste Stelle im Hause um keinen Preis einer Anderen abtreten, sie wolle unumschränkt im Herzen des Sohnes herrschen. Vielleicht lauerten, ihr unbewusst, derartige Motive in ihrer Seele, aber ihr Hauptgrund war doch nur die geradezu abergläubische Besorgniss, ihr Eduard werde, ebenso wie sie einst, unglücklich in der Ehe sein. Der Spruch vom Hammer und Amboss schien ihr, Dank ihren trüben Erfahrungen, auf verheirathete Menschenpaare besonders zu passen. Dass Eduard zum Hammer nicht die mindeste Anlage besass, stand fest, folglich hiess es durch Anwendung von sehr viel kaltem Wasser ihn vor dem Ambossschicksal so lange als möglich zu bewahren. Die Feuerspritze arbeitete mit vollem Erfolge, so lange es sich bei Eduard nur um leicht vergängliche Eindrücke handelte, aber als sein Stündlein wirklich schlug, da machte Mama betrübende Erfahrungen. Das Schlimmste war, dass sie sich selber nicht von aller Schuld freisprechen konnte, denn sie hatte die allerliebste kleine Zündbüchse in die Nähe der Pulverkammer getragen. Als Hannchen Stubenhofer, mit deren Mutter sie in einer Provinzstadt zur Schule gegangen, in die Residenz kam, ohne vorerst zu wissen, wohin sie den kleinen Kopf sammt der dazu gehörigen reichen blonden Zopfkrone legen solle, lud Frau Hellmer sie zu sich ins Haus; und als nach einigen Wochen das flinke geschickte Ding Arbeit gefunden und seine eigene Wohnung aufnahm (an der Thüre die verlockende Tafel »Erster Klasse Toiletten« tragend), da bestand die alte Dame darauf, dass sie die Sonntage vom Morgen bis zum Abend bei ihren Landsleuten, mit welchen sie auch noch eine entfernte Verwandtschaft verband, zubringe.

Das Hannchen war ein sehr merkwürdiges Stück Menschheit; es ging nie, sondern tanzte, sprach nie einen Satz, ohne ihn mit einem sehr angenehm klingenden Gelächter einzuleiten und abzuschliessen. Mama Hellmer musste mehr als einmal den Kopf dabei schütteln. Wenn man es recht bedachte, hatte Fräulein Hannchen nicht viel mehr Ursache lustig zu sein, als sie selber einst gehabt. Auch sie stand in jungen Jahren schutzlos und auf sich selbst angewiesen da, nachdem sie Kindheit und erste Jugend in behaglichen Verhältnissen verbracht. Hannchen war eine elternlose Waise, schon dieses hätte sie nach Frau Hellmer's Ansicht bestimmen müssen, in Sack und Asche einherzugehen, sie musste sich allein durch's Leben schlagen, was sie wie einen ganz hübschen Zeitvertreib zu betrachten schien. Allerdings glückte ihr Alles, sie hatte die Finger einer Fee. Wenn Frau Hellmer sie ernsthaft an die Thatsache erinnerte, dass sie arm sei, warf sie den blonden Kopf zurück, lachte und meinte: »Was thut das? ich werde mir heute oder morgen ein Vermögen erwerben.« – Und Mama, die es nicht verstand, wie man widrige Verhältnisse mit so vergnügtem, sorglosem Gesicht bekämpfen könne, hiess sie im Stillen leichtsinnig und begann, sich ernstlichen Besorgnissen um ihre Zukunft hinzugeben. Sie glaubte es der entfernten Basenschaft schuldig zu sein, wenn sie die Augen über Hannchen »offen hielt«, was sie um so leichter thun konnte, als diese gerade über der Strasse bei einem kinderlosen Ehepaar ein Zimmer gemiethet hatte. Frau Hellmer kannte jede Kundin, die drüben aus- und einging, sie führte Buch über die Besuche, die Hannchen in ihrer freien Zeit erhielt und wusste genau anzugeben, wann und mit wem sie das Haus verlassen hatte. Aber zur Erwerbung so nützlicher Kenntnisse braucht man Zeit, viel Zeit, und Mama war genöthigt, ihren Eduard und seine etwaigen Herzensverstrickungen ausser Acht zu lassen. Und als ihr endlich die Augen aufgingen, da war es beinahe zu spät. Er fing bereits an, nachzusinnen, ob das Puppenheim für eine junge Frau geräumig genug sei; sein Gesicht war in eitel Glückseligkeit getaucht, wenn der Sonntag kam und Hannchen die Base besuchte; er schritt hinter ihr her, wenn sie in ihrer lebhaften Weise durch die ganze Wohnung lief, – einen ziemlich lächerlichen Eindruck gewährend, da er ebenso verliebt wie unbeholfen erschien –; wenn sie sang, dann horchte er begeistert und applaudirte, als gälte es der Patti, und wenn sie etwas Lustiges sagte, lachte er, bis sein Gesicht bläulich wurde. Und was das Schlimmste war, er schien vollständig mit Taubheit geschlagen, als Mama wie absichtslos bemerkte, es sei zu arg, dass Hannchen statt für ihre alten Tage, für Krankheit oder andere Unglücksfälle zu sparen, was sie verdiente, auf sich hing. Er nahm seinen Hut und ging zu Hannchen hinüber, als diese durch die plötzliche Unfreundlichkeit ihrer sonst so gütigen Freundin abgeschreckt, am nächsten Sonntag zu Hause blieb. Und von ihrer Sternwarte aus konnte Mama beobachten, wie die zwei drüben in vergnügtester Stimmung nebeneinandersassen, Mama und die ganze übrige Welt auch nicht mit der Spur einer Erinnerung bedenkend. Da galt es, rasch und entschieden einzugreifen. Nie vorher war Frau Hellmer so überzeugt von der Heilsamkeit der Abschreckungstheorie gewesen, wie diesmal. War nicht auch bei ihrem verstorbenen Gatten der Hauptfehler, aus dem alle übrigen riesengross herauswuchsen, ein gedankenloser Leichtsinn, eine Vergnügungssucht, die nach den Mitteln der Befriedigung nicht fragte, gewesen? Sollte ihr trübseliges Loos sich an dem Sohne wiederholen? Nicht, solange sie es abzuwenden vermochte. Glücklicherweise gab ihr das unbesonnene Hannchen selber die Mittel zur Vernichtung in die Hand. Mama hatte, trotzdem die frühere wohlwollende Gesinnung gegen das Mädchen ziemlich feindseligen Gefühlen Platz gemacht, ihren Beobachtungsposten nicht verlassen; freilich war ein kleiner Unterschied gegen ehemals zu bemerken. Bisher hatte sie Hannchen überwacht, jetzt – so ungern wir das Wort gebrauchen, es muss heraus, – jetzt belauerte sie dieselbe. Natürlich Alles in der besten Absicht, wie sie sich wiederholt versicherte, aus einem Pflichtgefühl, das selbst der Mutter der Gracchen Achtung abgenöthigt hätte. Bald hatte sie genug erspäht.