»Wer war der junge Mensch, mit dem Du vorgestern Abend ausgingst, und in dessen Gesellschaft Du erst nach Mitternacht, lachend und schwatzend, dass die ganze Strasse aus dem Schlaf auffuhr, heimkamst?« fragte sie, als Hannchen mit einem Gesicht, dessen sich alle drei Höllenrichter zusammen nicht zu schämen gehabt hatten. Das Mädchen machte heute wieder seinen Sonntagsbesuch bei der ersten Freundin, die sie in der Fremde gefunden, vermuthlich durch Eduards Versicherungen überzeugt, dass der eisige Empfang auf irgend welchem häuslichen Aerger beruht und durchaus nichts mit ihr zu schaffen gehabt hatte. Mamas kühle Begrüssung in ihrer eigenen Wärme übersehend, hatte sie mit dem Haussohn sogleich ein lustiges Scharmützel angefangen. Wie eine Bombe rollte die Frage dazwischen, und vor Schrecken – Mama erklärte ihrem Sohne nachher aus Schuldbewusstsein – wurde sie roth und verlegen.

»Haben wir Dich aufgeweckt, Tante?« sagte sie bedauernd, nachdem sie sich gefasst. Frau Hellmer hatte zu erwähnen vergessen, dass sie gar nicht geschlafen, sondern beobachtend am Fenster die Zeit verbracht hatte; und so war es begreiflich, dass Hannchen versicherte: »es thut mir aufrichtig leid; aber Karl Sohmer ist solch ein drolliger Kauz, dass man lachen muss, sobald er zu sprechen anfängt, und wenn die Todesstrafe darauf stünde.«

»Karl Sohmer? ich habe diesen Namen nie gehört.«

»Ich auch nicht, bis vor, lass sehen, vor sechs Tagen. Letzten Dienstag kam er meinem Hauswirth, dessen Neffe er ist, wie vom Himmel herabgeweht in's Haus; er lebt in Texas und hält sich nur zu Besuch hier auf.«

»Erlaube mir!« rief Frau Hellmer mit um so ausgesprochenerem Entsetzen, als sie bemerkte, das Gesicht ihres Sohnes habe sich bedenklich in die Länge gezogen, »nach so kurzer Bekanntschaft gehst Du mit diesem Texaner aus! Ich verstehe die heutige Jugend nicht.«

»Er lud mich in die Oper ein, und ich konnte wohl nicht nein sagen, es hätte meine Hauswirthe verletzt,« erklärte Hannchen ziemlich gedrückt, aber während des Sprechens lachte sie wieder und rief eifrig, »ich bin auch übrigens froh, dass ich die Einladung annahm, denn ich habe mich köstlich unterhalten und zehre an der Erinnerung, während ich über meiner Arbeit gebückt sitze.«

»Du hörst es,« sagte Mama's Miene ihrem Abgott, der sehr blass und sehr ärgerlich dasass. Er war verliebt genug und seines Erfolges bei Hannchen nicht sicher genug, um gewaltig eifersüchtig zu sein. Uebrigens hatte Mama noch lange nicht ihr ganzes Pulver verschossen.

»Der junge Mann scheint aus Deiner liebenswürdigen Bereitwilligkeit die Ueberzeugung geschöpft zu haben, dass seine Gesellschaft Dir sehr angenehm ist, was mich auch gar nicht Wunder nimmt. – So oft ich an's Fenster trete und zu Dir hinüberblicke, was ich aus Antheil an Dir häufig thue, sehe ich ihn in Deinem Arbeitszimmer, schwatzend wie eine Elster.«

»Er ist solch ein drolliger Kauz!« meinte lachend und erröthend das Hannchen, »er möchte mir weismachen, dass gerade so ein wichtiges Persönchen, wie ich, dem Staate Texas zu seiner Vollkommenheit fehle.«

»Der junge Mann ist sehr dreist,« brauste Eduard auf.