»O, wer denkt daran, Karl Sohmer ernst zu nehmen!« versetzte sie, »er ist ein sehr unterhaltender Gesellschafter, und ich freue mich auf den Ball morgen Abend, zu dem er mich geladen. Ich gehe mit der Hauswirthin.«

Sie kam nicht weiter. Das war Wasser auf Mama Hellmers Mühle; und die würdige Dame übertraf sich selber. Die Posaune des jüngsten Gerichtes kann unmöglich strafender und drohender klingen, als ihre Stimme, während sie über gedankenlose Coquetterie und Vergnügungssucht loszog, die ganze Existenzen zerpflückt, Menschen für ihre Lebensdauer elend macht. Hannchen, die vor der alten würdigen Frau einen ungeheuren Respekt hatte, war Anfangs zerknirscht wie eine wirkliche Sünderin; sie warf Eduard einen hilfesuchenden Blick zu, aber er hatte eine Bemerkung Mamas, sie würde nie einwilligen, mit dem Leichtsinn unter einem Dach zu wohnen, dahin aufgefasst, dass sie ihn vor die Wahl zwischen sich und dass Mädchen stelle, und so blieb er stumm, die Stirn gerunzelt, seinen Bart kauend, sitzen, und vermied es, die Missethäterin anzusehen. Zuletzt erwachte auch in ihr der Trotz: Sie habe Niemandem Rechenschaft abzulegen; sie werde ihr junges Leben geniessen und den Ball morgen Abend erst recht besuchen, erklärte sie. Als man sich an diesem Tage trennte, sah Mama erhitzt, aber sehr befriedigt, ihr Sohn gleichfalls erhitzt, aber sehr niedergeschlagen aus; was Hannchen betrifft, so hatte sie verweinte Augen, aber einen sehr entschiedenen Zug im Gesichte, der auch aus ihrer Erklärung sprach, dass sie das Haus nie wieder betreten werde. Am nächsten Abend sahen Mutter und Sohn sie mit dem Fremden zu Balle gehen, und Mama beglückwünschte sich zu ihrer Entschiedenheit. Dann aber verliess sie das Haus nicht mehr; aber als der Monat zu Ende ging, verschwand sie ganz und gar aus der Strasse. Durch Bekannte, für welche sie arbeitete, erfuhr Frau Hellmer, dass der junge Texaner allein abgereist sei und Hannchen eine Wohnung in einer entfernten Strasse gemiethet hatte. Es war klar, sie wollte ihnen nicht mehr begegnen. Mama athmete auf, sie hatte ihren kostbaren Sohn wieder zum ausschliesslichen Besitz. Aber es war nicht mehr der alte, leichtvergnügte Sohn; ein wortkarger, stiller Mann, dessen Züge sich täglicher fester ausprägten; ein Mann, der ass und trank und schlief und seinen Geschäften nachging, ohne an etwas Vergnügen zu finden, ging er neben ihr her. Er sah aus, als wäre ihm der Schmelz von den Flügeln gewischt worden. Er wusste, dass Mama dem Mädchen bitter Unrecht gethan; er wusste, dass er ohne sie nicht glücklich werden konnte. Aber war es möglich, sich mit einer solchen Mutter wegen seines eigenen Glücks zu entzweien? Alle Opfer, die sie für ihn gebracht, standen deutlich vor seinem Geist; und so liess er, ohne einen Versuch zur Versöhnung zu machen, Hannchen aus seinem Gesichtskreis verschwinden.

Mama war Anfangs zornig darüber, dass er den Verlust so schwer empfand. Sie, die sonst eifersüchtig jede Annäherung zwischen ihm und den jungen Damen der Nachbarschaft vereitelt, lud selber nun oft Gesellschaft zu sich. Aber so oft Eduard es vermochte, entzog er sich dem Vergnügen durch die Flucht, und liess er sich einmal durch Ueberredung ins Besuchszimmer locken, dann sass er stumm und unbehaglich da und schien aufzuathmen, wenn die Gäste sich entfernten. Frau Hellmer war sehr stolz gewesen, dass sie ihn wieder einmal vor dem Elend seines Lebens bewahrt, aber nachgerade fing sie an der Weisheit und dem Erfolg ihrer That zu zweifeln an. Was half es, wenn sie für die Möglichkeit seines Unglücks, das eine leichtsinnige, vergnügungstolle Frau auf ihn herabbeschworen hätte, die Gewissheit desselben eintauschte. Er klagte nie und machte ihr keine Vorwürfe, aber dass er unglücklich war, konnte ihr jeder Blick und sein blasses, ernstes Gesicht sagen. Und da fasste sie nach langem hartem Kampf einen heldenmüthigen Entschluss. Der nächste Tag sah sie neben Hannchen Stubenhofer in deren Zimmer sitzen, (auch nicht mehr das Hannchen von ehemals, denn es fing keinen Satz mit Lachen mehr an und endete ihn auch nicht damit). Im Ganzen sah sie wie das richtige Gegenstück zu Herrn Eduard Hellmer aus. Da wurde es Mama viel leichter, zu sagen, weshalb sie gekommen. Aber Hannchen schüttelte den Kopf:

»Ich habe auch meinen Stolz, wenn ich auch nur ein armes Mädchen bin. Ich bin in Ihrem Hause beleidigt worden, nun setze ich keinen Fuss mehr hinein.«

Mama war enttäuscht; sie hatte sich es schön ausgemalt, wie sie ihrem Sohn mittheilen wolle, es sei ein seltener Gast da; wie sie sodann die Thüre des Besuchszimmers öffnen, ihn allein eintreten lassen und erst nach einer gut gemessenen Viertelstunde mit zum Segnen erhobenen Händen nachfolgen werde. Hannchens Eigensinn verdarb den feinen Plan.

Da steckte sich Mama denn hinter eine ältliche Landsmännin und Busenfreundin, in deren Hause das Mädchen in der nächsten Zeit beschäftigt war. Hannchen nahm, um alter Freundschaft willen, eine Ausnahmsstellung in dem Hause ein; nach der Arbeit verbrachte sie gewöhnlich den Abend als gleichberechtigtes Glied im Kreise der Familie. Allerdings fiel es ihr auf, dass man nach dem Abendessen sich in die Stube begab, von der sonst der Spruch galt: »Ziehe deine Schuhe ab, denn die Stelle ist heilig.« Doch hatte sie kaum Zeit gefunden, sich zu verwundern, da klingelte es, und herein rauschte Mama Hellmer, gefolgt von ihrem, durch die feinsten diplomatischen Künste zum Mitkommen veranlassten Sohn. Frau Hellmer, die sehr anregend sprechen konnte, wenn sie sich die Mühe dazu nahm, fesselte nicht nur die Freundin, sondern auch noch deren Töchter und den Hausherrn. Hannchen hörte nicht zu, und Eduard wusste vermuthlich von früher her, um was es sich handelte. Er stand ziemlich linkisch vor dem jungen Mädchen, das bei seinem Erscheinen Miene gemacht, zu entweichen; doch las sie in seinen Augen eine so herzliche Bitte und hörte aus seinem Munde so viele gute, versöhnende Worte, dass sie den Fluchtplan aufgab. Den ganzen Abend sah man die zwei sehr eifrige Gespräche führen, doch vernahm Niemand etwas davon, denn sie klangen sehr leise und schienen nur für das nachbarliche Ohr berechnet.

Mama Hellmer hat vor Kurzem die Schlüssel, das Abzeichen ihrer absoluten Herrschermacht, sowie die Oberhoheit über die sehr unbotmässige Vasallin, welche die Kochtöpfe zu überwachen und den Besen zu schwingen hat, der jungen Herrin des Hauses abgetreten. Wollte ich behaupten, dass die unerfahrene Frau Hellmer das Regiment zur vollen Zufriedenheit der alten, weisen, unfehlbaren Frau Hellmer führt, so würde man mich beschuldigen, dass ich die Grenzen poetischer Freiheit übersteige und Unwahrscheinliches berichte. Aber Hannchen hat solch einen eingewurzelten Respekt vor Mama, fragt sie so häufig um Rath und, was mehr ist, befolgt denselben auch, dass Schwiegermütterchen, von dem die ganze Nachbarschaft vermuthete, es werde aus langer Herrschergewohnheit den Frieden des jungen Haushalts gefährden, ein viel angenehmeres, zufriedeneres und leichter zu behandelndes Schwiegermütterchen geworden ist, als man es sonst von ihren Schwestern behauptet.

DAS PFLEGETÖCHTERCHEN.

Die Leute haben nie begreifen können, was mich zu dem Alten hinzog, nachdem sie ihn Alle als unverbesserlich aufgegeben. Sie meinten, ich hätte mich noch entschiedener, als die ganze Welt von ihm lossagen sollen, denn sein Einfluss hatte es verschuldet, dass ich in meinen Jünglingsjahren auf Abwege gerieth, das heisst den bequemen Drehstuhl in meines Vaters Comptoir aufgab und Farben zu verschmieren anfing. Als ich mit Conrad Stürmer bekannt wurde, hatte er längst aufgehört, seine Kunst, in der er einst Bedeutendes geleistet, auszuüben; er bildete Schüler heran, oder wie die nachsichtigen Mitmenschen behaupteten, er lockte thörichte Jungen aus ihrer gesicherten Lebensbahn, unter der Vorspiegelung, Talent in ihnen entdeckt zu haben, um sie auszubeuten. Ich wusste, dass man ihm mit diesem Verdacht Unrecht that; er war ein Enthusiast, ungemein leicht begeistert und in jedem Pfennig-Kerzlein einen künftigen leuchtenden Stern sehend. Allerdings hat er ziemlich viel Unglück angestiftet, aber böse Absicht lag ihm fern. Ich hatte ihn liebgewonnen, und blieb ihm anhänglich, auch nachdem ich erkannt, dass er sich und mich getäuscht, als er in meinen dilettantischen Versuchen den künftigen Meister sah. Mit dieser Erkenntniss war für mich, der von einer ganzen Ahnen-Reihe ehrsamer Kaufleute eine gewisse nüchterne Besonnenheit geerbt (vielleicht war es gerade diese, die Stürmers entzückte Prophezeiungen kläglich vereitelt), der Weg klar vorgezeichnet, den ich einzuschlagen hatte. Die Motte wartete nicht, bis sie vollständig verbrannte; mit nur leicht angesengten Flügeln kehrte sie reuig zurück. Aber daheim schlachtete man kein gemästetes Kalb für den verlorenen Sohn; mein Vater grollte, weil ich dem Paradies des Drehstuhls eigenmächtig den Rücken gekehrt, und nachdem ich dieses unsühnbare Verbrechen begangen, nicht als gefeierter Künstler heimgekommen war; mein jüngerer Bruder, der mittlerweile meine Stelle eingenommen, konnte nicht einsehn, warum er mir dieselbe nun wieder einräumen sollte, die ganze ungeheure Edlinger'sche Basen- und Vetterschaft sah mich mit mitleidiger Geringschätzung an, als sei ich vor der Zeit zur Ruine geworden, und – was mir zumeist an's Herz griff – meine gute Mutter, deren Liebling ich war, litt darunter, mich von der stolzen, für mich erträumten Höhe so kläglich herabgestürzt zu sehen. Da fasste ich denn eines Tages einen kühnen Entschluss und, die Brücken hinter mir verbrennend, wanderte ich aus, nun erst recht ein verlorener Sohn, der nur dann auf Vergebung und freundliche Aufnahme im Vaterhause rechnen konnte, wenn er, ein Mann des Erfolges, zurückkehrte.

Ich hatte ungewöhnliches Glück gehabt; schon nach zwei Jahren konnte ich nach Hause schreiben, dass ich mein sicheres Auskommen gefunden, nach vier Jahren, dass ich mich selbständig gemacht, und wieder nach einiger Zeit, dass das Haus Edlinger in der neuen Welt Aussicht habe, auf eine gleiche Stufe mit dem in der alten zu gelangen. So verstrichen zwölf Jahre in harter aber erfolgreicher Arbeit. Ich durfte mir einen Feiertag und die Genugthuung vergönnen, als Sieger auf dem Schauplatz meiner Niederlage einzuziehen. Ich packte meinen Koffer und fuhr zu Besuch in die alte Heimath.