Mein Empfang im Vaterhause liess nichts zu wünschen übrig. Mein Mütterchen erschien förmlich verjüngt in ihrer Wiedersehensfreude, Papa nahm mich mit offenen Armen auf, einen dicken Strich durch meine alten Sünden ziehend; ja ich glaubte, er rechnete mir sie nun als Verdienst an, denn sie verschafften ihm die Genugthuung, sagen zu können »ein Edlinger dringt durch, auch wenn er ohne Beschützer und Mittel seine Laufbahn beginnt.« Hans, mein Bruder, fühlte Respekt vor dem »selfmade man«, Vettern und Basen waren stolz auf die überseeische Rarität. Und in meiner Glorie durfte ich es mir erlauben, nach meinem alten Freunde auszuspähen, ohne dass mein Beginnen mehr als ein Kopfschütteln der Verwunderung erregt hätte.

Es war ein trauriges Wiedersehn. Der alte Mann mit dem Kinderherzen war furchtbar gealtert. Ich hatte ihn nie in behaglichen Verhältnissen gekannt, jetzt aber schien er bettelarm; denn selbst die letzte spärliche Quelle seines Einkommens, die ihm von seinen langhaarigen Jüngern geflossen, war versiegt; Konrad Stürmer war krank und gebrochen, er vermochte keinem noch so eiteln jungen Burschen mehr das Vertrauen einzuflössen, dass er ihn zu einem Lenbach oder Defregger machen werde. Für die kleinen Unterstützungen, die ich ihm von New York aus zuzuwenden vermochte, dankte er weinend. Ich erschrak; früher hatte er dergleichen als selbstverständlich angesehen, als einen Zoll, den der Jünger seinem Meister zu entrichten hat. Ich fasste ihn schärfer in's Auge, und entdeckte nun erst, dass er ein schwer kranker Mann sei, vielleicht nur noch Wochen zu leben habe. Hart und trocken drang der Husten aus seiner eingefallenen Brust, scharfumgrenzte rothe Flecken standen auf den hageren Wangen. Er ahnte nichts davon; er theilte mir, nachdem die mich so befremdenden Ausdrücke seiner Erkenntlichkeit verklungen waren, mit, dass er nicht lange mein Schuldner bleiben, sondern demnächst »die Oberösterreichische Kirchweih«, die ich vor mehr als zwölf Jahren angefangen, zwischen all den andern Entwürfen in seinem Atelier gesehen, vollenden, mich bezahlen und mit Pepi nach dem Süden ziehen werde. Ich stutzte. Trotzdem wir vor Jahren täglich mit einander umgegangen, war ich nie in seiner Wohnung gewesen. Das Atelier lag entfernt von derselben; die guten Nebenmenschen behaupteten, er besitze eine brave, hartarbeitende Frau, die das Haus erhalte, während er sich in der Kneipe herumtreibe. Ich bemerkte nun auch einen schwarzen Flor um seinen zerdrückten Hut und drückte ihm mein Beileid aus. Die Thränen strömten ihm aus den Augen; er rief: »sie war eine brave, eine edle Frau; sie hätte ein besseres Loos verdient. Ihr ganzes Unglück war, dass sie ihr Herz an einen Unwürdigen, einen Elenden, einen Schurken gehängt.« Vergeblich suchte ich ihn zu beschwichtigen, die Reue über sein verfehltes Leben, das Leid, das er auf seine Gefährtin herabbeschworen, brachen mit elementarer Gewalt aus ihm hervor; erst ein erstickender Hustenanfall liess ihn verstummen. Aber die alte Zuversicht kehrte nicht zurück; »wenn ich das Bild nicht vollende, was wird aus Pepi werden!« stöhnte er. Nichts leichter zu beantworten, als dies. Der Bursche konnte mein Schüler werden, wie ich der seines Papas gewesen, nur hoffte ich etwas mehr Erfolg mit ihm zu erzielen, als dieser mit mir. Ich wollte ihn mit mir nach Amerika nehmen und in mein Geschäft eintreten lassen. Von ihm allein sollte es abhängen, ob er es vorwärts brächte. Konrad Stürmer war zu erschöpft, als dass ich ihm sogleich meine ausführlichen Pläne für seinen Sprössling hätte darlegen können. Ich verschob dies für eine spätere günstigere Gelegenheit, und erklärte ihm nur, dass ich mich Pepis mit Rath und That annehmen werde.

Er dankte mir nicht mit Worten, aber mit einem Druck der Hand. Mir schien's, als sei ein schweres Gewicht von seiner Brust gefallen; er vermochte nun sogar ein Glas guten Rheinweins, ehemals seine grösste Liebhaberei, – das bisher unberührt vor ihm gestanden, zu leeren. Wir hatten uns in unserer ehemaligen Künstlerkneipe zusammengefunden. Als er sich zum Abschied erhob, übermannte ihn die Schwäche von Neuem. Ich rief einen Wagen herbei und begleitete ihn zu seinem Hause in einer abgelegenen, ärmlichen Strasse. Dann half ich ihm die vielen Treppen erklimmen, klingelte – und machte, als geöffnet wurde, das erstaunteste Gesicht meines Lebens. Vor mir stand ein kleines, blasses Mädchen in Trauerkleidern. Pepi Stürmer hatte nach süddeutschem Sprachgebrauch ebensogut Josef wie Josefine heissen können. Es war das Letztere, und mein Lehrling, Gehilfe und künftiger Partner versank, noch bevor er entstanden war.

Wenige Wochen später wurde Carl Stürmer begraben, und ich trat die Vormundschaft über seine Waise an. Es bedurfte der ganzen Autorität des amerikanischen Edlinger, um ihn bei diesem Anlass nicht wieder als sentimentalen Narren in Misscredit zu bringen. Aber ich setzte meinen Willen durch; eine arme Tante von mir nahm das Mädchen gegen Vergütung bei sich auf, und ich reiste, vollständig beruhigt über ihr Wohlergehen, ab. Ich dachte in den nächsten Jahren nicht allzu oft an sie, pünktlich beantwortete ich ihre Briefe, und als ich wieder zum Besuch in meine Heimath kam, war es nicht, weil mich ein besonderes Verlangen nach meinem Pflegetöchterchen erfasst, sondern weil ich einen sehnlichen Wunsch meiner Mutter erfüllen wollte.

»Paul,« sagte meine Tante und schüttelte dazu das ehrwürdige Haupt mit dem hochragenden Kopfputz, um dessentwillen ich sie in ruchlosen Flegeljahren »das Trauerpferd« getauft, »Du wirst nicht alles so finden, wie Du es erwartet,« mit Nachdruck, – »wie Du das Recht gehabt, zu erwarten.«

Die Wahrheit zu gestehen, blieb ich vollkommen ungerührt von diesen Kassandratönen. Die verehrte Dame liebte eine gewisse graue Beleuchtung aller täglichen Vorkommnisse und ich hatte eine Ahnung, dass die tragischen Andeutungen mich auf das Hinscheiden ihres asthmatischen Mopses vorbereiten sollten, dem ich schon längst ein friedliches Ende nicht blos vergönnt, sondern von ganzem Herzen gewünscht hatte. So liess ich sie denn seufzen und den Kopf schütteln und bemerkte: »Wo bleibt denn Josefine?«

Das Seufzen verstärkte sich zu einem Stöhnen. »Ich habe sie unter einem Vorwand entfernt, um Dich, Unglücklichen, vorzubereiten; denn eben bei Pepi wirst Du nicht alles so finden«, und so weiter, wie bekannt.

»Nun, Kinder sind dazu da, um ihren würdigen Papas Enttäuschungen zu bereiten. Pflegekinder werden vermuthlich keine Ausnahme machen,« versetzte ich noch immer gelassen, »ist die Kleine nicht so hübsch geworden, wie sie vor vier Jahren versprochen?«

»Hübsch?« rief die Tante, »sie ist aussergewöhnlich, sie ist unerlaubt schön«, damit schob sie mir eine grosse Photographie hin, »urtheile selbst.«

Ja, da war es freilich mit dem Urtheilen vorbei.