»Aber liebe Tante,« sagte ich und starrte unverwandt auf das Bild, um in dem wundervollen Gesicht nach den Zügen des mageren verweinten Backfischs zu spähen, den ich vor vier Jahren in seinem dürftigen Trauerkleidchen aus dem Hause meines ehemaligen Lehrers in das meiner Tante geführt, »darin kann ich nun kein so ungeheures Unglück sehen.«
»Dieser Meinung sind auch andere,« erwiderte das alte Fräulein spitz, »darunter Alle, die in dieser Stadt Schnurrbärte tragen.«
»Hm,« murmelte ich betroffen und legte die Photographie aus der Hand, nicht ohne noch einen langen Blick auf sie zu heften – das Hexlein hatte es mir angethan – »ich dachte, Du habest mit ihr sehr zurückgezogen gelebt.«
»Das habe ich auch, das Kind ist ausser in meine Kaffeekränzchen – an welchen es merkwürdigerweise nicht einmal Geschmack fand – (ich stattete ihr im Stillen meinen Glückwunsch darüber ab) nicht in Gesellschaft gekommen.«
»Nun also,« sagte ich erleichtert, »da werden wohl die Schnurrbärte in gebührender Entfernung geblieben sein.«
»Du bestimmtest ja, dass lauter Fachlehrer Pepi's Unterricht vollenden sollten, – Du hattest Dir ja alle Gouvernantenweisheit verbeten,« sagte die Tante, die in ihrer Jugend Erzieherin gewesen sein muss, erbost, »nun, die Folgen konnte jeder vernünftige Mensch voraussehen.« Ich dankte mit einer Verbeugung für das in ihrer Rede verhüllte Compliment.
»Das Kind hat ohnehin das Menschenmögliche geleistet. Dem Zeichenlehrer und dem deutschen Professor versicherte sie, ohne Einwilligung ihres Vormunds und Wohlthäters werde sie sich nie vermählen.«
»Sehr vernünftig«, warf ich ein; meine gute Laune begann zurückzukehren.
»Aber, mein lieber Neffe, man darf nicht Unmögliches fordern. Wenn der interessanteste, junge Musiker der Stadt, für den alle Mädchen schwärmen, mir seine Liebe gewidmet hätte, ich weiss nicht, ob ich kalt geblieben wäre.«
Ich konnte ein stilles Bedauern nicht unterdrücken, dass er nicht sie auf die Probe gestellt.