In diesem Augenblick öffnete Pepi die Thür und kam mit glückseligem Gesicht auf mich zu. Plötzlich blieb sie, erröthend, in höchster Verwirrung stehen. Der Kleinen hatte ich vermuthlich als gesetzter, ältlicher Herr vorgeschwebt, das erwachsene Fräulein aber sah, dass ich mit meinen 37 Jahren mir es noch entschieden verbitten durfte, mit Methusalem in einem Athem genannt zu werden, und statt mir in die Arme zu fliegen, wie sie ohne Zweifel beabsichtigt, reichte sie mir nur die Hand zum Willkommen. Aber sie fasste sich bald, setzte sich neben mich auf das Sofa und plauderte.

Wovon wir sprachen? ich könnte kein Wort davon wiederholen. Ich weiss nur, dass der Nachmittag, der Abend wie im Fluge verstrichen, und dass wir beide, als die altmodische Stutzuhr zehn schlug, ganz erschrocken auffuhren. Meine gute Mutter zeigte ein wenig Unzufriedenheit, weil ich sie vernachlässigte. Aber leider gab ich ihr fortan noch manchen Anlass zur Beschwerde, denn sobald ich vom Hause abkommen konnte, eilte ich zu Pepi. Vergebens hielt ich mir die Thorheit vor, mein Herz an ein Mädchen zu hängen, das einen Andern liebte, meine Leidenschaft wuchs mit jedem Tage. Noch hatte ich den interessanten Musiker nicht gesehen. Die Tante theilte mir mit, er sei auf einer Concertreise begriffen. Nach seiner Rückkehr sollte ohne Zweifel die Verlobung gefeiert und der Herr Vormund und Pflegevater zu dem schönen Fest gebührenderweise eingeladen werden. Pepi erwähnte seiner nie, wiewohl sie mir sonst mit kindlicher Offenheit über Alles, was ihr Leben betraf, Aufschluss gab. Wie wünschte ich von ganzem Herzen, der junge Mann möge mir dergestalt missfallen, dass ich als gewissenhafter Vormund mein Veto gegen ihre Verbindung mit ihm einlegen müsste. Aber nein, als er sich mir endlich vorstellte, fand ich nichts besonders Tadelnswerthes an ihm. Vielleicht war der hübsche Junge ein wenig eitel, aber das war dem »interessanten Musiker, für den alle Mädchen schwärmten«, nicht allzu schwer anzurechnen, vielleicht zeigte er hie und da eine leise Anlage, das Leben leicht zu nehmen, die seine Gattin mit einer Wiederholung des Looses bedrohen mochte, wie es ihrer Mutter zu Theil geworden; aber seinem Charakter wurde das beste Zeugniss ausgestellt; auf Ahnungen und Besorgnisse hin, die vielleicht nur meinen eigensüchtigen Wünschen ihr Entstehen verdankten, konnte ich ihn nicht abweisen.

Ich wollte mein Opfer nicht halb bringen. Mit einer Miene, die, wie ich hoffte, Josephinen nicht allzudeutlich verrieth, was es mich kostete, sagte ich ihr, dass Fritz Hillmann bei mir um sie geworben habe. Sie wurde blass. »Wenn Sie es wünschen, Vormund, wenn Sie es für gut halten,« stammelte sie. Da konnte ich mich nicht zurückhalten.

»Ich es wünschen, ich, dem der einzige Preis, den ich vom Leben ersehnte, entrissen wird! Nein, Pepi, wenn ich meine Einwilligung zu Deiner Verbindung mit einem Andern gebe, so geschieht es unter hoffnungslosen Schmerzen, in dem Bewusstsein, dass ich damit das Siegel auf ein einsames, unerquickliches Leben drücke. Es ist eigensüchtig, dass ich es Dir sage, ich weiss es, ich hätte mein Opfer schweigend bringen sollen; aber, Pepi, ich bin kein Held, der seine Wunden stumm verbirgt.«

Ihr wunderschönes Gesicht leuchtete von Glück. Sie trat auf mich zu und sprach:

»Ich hatte mich selbst nicht gekannt; erst seit Du kamst, weiss ich, dass ich nur einen Mann lieben kann, Dich, Paul.«

Ich zog nicht allein über das Meer.


Novellen.

Gesammelte Schriften von Heinr. Seidel.
à Band M. 3.–– brosch., M. 4.–– geb. mit Goldschn.
Bd.I.Leberecht Hühnchen, Jorinde und andere Geschichten. 6. Tausend.
Bd.II.Vorstadtgeschichten. 6. Tausend.
Bd.III.Neues von Leberecht Hühnchen und anderen Sonderlingen. 5. Taus.
Bd.IV.Geschichten und Skizzen aus der Heimat. Der II. Aufl. 3. Tausend.
Bd.V.Die goldene Zeit. 3. Tausend.
Bd.VI.Ein Skizzenbuch. 3. Tausend.
Bd.VIII.Leberecht Hühnchen als Grossvater. 3. Tausend.
Bd.XI.Sonderbare Geschichten.
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Maximilian Schmidt Gesammelte Werke.
11 Bde. à Band M. 3.–– brosch., M. 3.50 geb.
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Am Küstensaum. Nov. v. Th. Justus.M. 5.––.
Aus vergangnen Tagen. Novellen von Th. Justus.M. 4.––.
Feldspath. Drei Erzählungen aus Hessen von E. Mentzel.M. 3.––.
Der heilige Amor. Nov. v. J. Proelss.M. 2.––.
Ut Sloss un Kathen. Erzähl. in niederd. Mundart von F. Stillfried.M. 3.––.
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Von H. Grasberger.
Aus der ewigen Stadt. Röm. Nov.M. 6.––.
Allerlei Deutsames. Bilder u. Gesch.M. 4.––.
Auf heimatlichem Boden. Erzähl.M. 6.––.
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Von R. Baumbach.
Es war einmal. 9. Tausend.M. 2.80.
Erzählungen u. Märchen. 8. Taus.M. 2.––.
Sommermärchen. 19. Tausend.M. 3.––.
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Liebesmärchen von E. Ertl.M. 4.––.
 (mit 71 Photogravüren und 22 Heliotypien.)