Sch'mini hoazeres speiste man zum letztenmal in der Sukke zu Mittag. Wiewohl das Wetter in den letzten Tagen veränderlich, oft schon empfindlich kalt war (manchmal schneite es sogar und man mußte Pelze anlegen) hielt man doch aus und nahm die Mahlzeiten, auch den Tee, in der Laubhütte bis zum letzten Tag. Alt und Jung, selbst wir Kinder, hielten streng die religiösen Vorschriften ein, so gut verstanden es unsere Eltern, ihre Wünsche und ihren Willen im Hause aufrecht zu halten. Nachdem das Gebet verrichtet wurde, das nach der letzten Mahlzeit beim Verlassen der Sukko vorgeschrieben ist, wurden die Möbel, Stück für Stück, in die Wohnung zurückgebracht, und die vor kurzem noch so herrlich geschmückte Laubhütte stand wieder leer und verlassen, ein treues Bild aller Herrlichkeiten unserer Welt. —
Jetzt kam der letzte Tag des Laubhüttenfestes »Simchas-Thaure« (Freude über die Thora) heran. Warum die Freude? Im Volke erzählte man: »Als die Juden auf dem Berge Sinai von Moses die Thora erhielten, verstanden sie von ihrem Inhalt nur wenig; als sie aber die heilige Schrift ganz in sich aufgenommen hatten, fanden sie darin ihr Glück und ihre Freude.« Und wahrlich, diese Thora ist ihr Stolz, ihr Volksschatz geworden für alle Zeiten, trotz der Unterdrückung, der Verfolgungen und Demütigungen, die sie erdulden mußten.
Am Simchas-Thora reißt diese Freude alle Schranken nieder. Wozu man sonst nur sehr selten Gelegenheit hat: man sieht an diesem Tage betrunkene Juden in den Straßen. Auch in unserem Hause ging es ziemlich bunt zu. Allerlei Getränke wurden bereitet, die besten Speisen mußte die gute jüdische Küche herhalten. Viele Gäste wurden zu Mittag geladen, die Kinder, auch das Gesinde erhielten volle Freiheit und die strenge Disziplin war aufgehoben. Mein Vater sah es ebenso wie alle Gäste für eine Mizwe (eine religiöse Handlung) an, sich bei Tische ein Räuschchen anzutrinken. Meine Eltern hinderten die jungen Männer nicht, wenn sie übermütig, ja ausgelassen tanzten und sangen; der Vater sang sogar munter mit. Es fehlten nur die Klänge einer Fiedel, da der Jude an den Feiertagen ein Musikinstrument nicht einmal berühren darf. Es wurden auch viele religiöse Tafellieder, die sich auf diesen frohen Tag bezogen, im Chor gesungen. Für meinen Vater hatte der Simchas-Thora-Tag noch eine besondere Bedeutung. Wie ich bereits erwähnt habe, war die Hauptbeschäftigung meines Vaters das Talmudstudium, das er um so eifriger betrieb, wenn er große Verluste in seinen Unternehmungen erlitten hatte. Er pflegte dann der Welt den Rücken zu kehren, flüchtete sich in ein Studierzimmer und lebte nur »al hathauro« und »al hoawaudo« wie der Jude sich kurz und bündig ausdrückt, d. h. nur in der Lehre der Gesetze und im Gottesdienst, was der Hauptzweck seines Lebens wurde. So machte er von Zeit zu Zeit ein Ssium (d. h. ein Werk vollenden); ein solches Ereignis wird im jüdischen Volke freudig gefeiert und bringt Ansehen und Ehre, besonders wenn es ein Ssium auf ganz Schass, d. i. ein Durchstudieren des ganzen Talmuds und aller Kommentare ist. Mein Vater pflegte seinen Ssium auf einen Simchas-Thora zu verlegen. Das bunte Treiben an diesem Tage dauerte bis zum Abend, beim Vorabendgebet aber waren alle schon wieder ernst. Der Vater machte wieder Awdolo und jetzt hieß es S'miraus, d. h. fromme Lieder singen. Der große Samowar brodelte und dampfte bereits auf dem Teetisch, und bis spät in die Nacht saßen die fleißigen Trinker gemütlich beisammen. Mit Simchas-Thora sind die sogenannten Jomim nauroim, d. h. die ernsten Tage zu Ende, wenn auch schon der nächste Schabbes Bereischis vor einem gewöhnlichen Sabbath ausgezeichnet ist, da jetzt der Anfang der Bibel wieder, der erste Abschnitt »Bereischis« vorgelesen wird. Der nächste Tag nach Simches-Thora ist Isserchag und gilt auch noch als Feiertag. Der Tisch, der volle acht Tage festlich geschmückt war, blieb auch heute bedeckt, was am Werktage sonst nach dem rituellen Gebrauch nicht geschieht. Das Mittagbrot wurde zu früher Stunde eingenommen und bestand aus kalten Speisen, die vom Vortag zurückgeblieben waren, eine Menge von guten, schmackhaften Sachen: kalte Pfefferfische, kalter Putenbraten usw. Nur der Borscht (eine Suppe aus gesäuerten roten Rüben) wurde frisch bereitet.
Die Zeit der Feste war vorüber. Langsam kam das Leben wieder ins alte Gleise. Eine Abwechslung brachte der Rausch chaudesch.
Am zehnten oder zwölften Tag jeden Monats wird der Mond, wenn er am Abendhimmel glänzt, nach jüdischem Gesetz bewillkommnet. Als Kind liebte ich es, durchs Fenster zuzusehen, wenn mein Vater sich in Begleitung von noch zehn Juden in den hellen Mondschein stellte und betete. Mit munteren Worten und die Augen gen Himmel gerichtet pries er den milden Mond. Dies geschah gewöhnlich Samstags abend.
Den »erew rausch chaudesch«, d. h. den Tag vor »Rausch chaudesch« (Neumond) pflegte man in meinem elterlichen Hause in eigener Weise zu begehen. Unter den damaligen Juden gab es viele, die an diesem Tage fasteten und besondere Gebete verrichteten. Viele Bettler, alte, kranke, in Lumpen gehüllte, halbnackte Männer und Weiber mit verzerrten Gesichtern, junge Leute, Mädchen und Kinder, kamen scharenweise an diesem Tage, ihr »Rausch chaudesch-geld« zu holen, da jeder Bußtag bei den Juden durch Almosen seine Weihe erhalten mußte. War es doch üblich, daß außer an diesem Tag viele im Volke in jeder Woche am Montag und Donnerstag zu fasten pflegten und an Arme Almosen verteilten. An diesen Tagen konnte man auch die sogenannten »Gabbettes« in Aktion sehen. Gabbettes sind fromme Seelen, gute, selbstlose Frauen, wahre religiöse Patronessen des armen jüdischen Volkes, deren Lebensaufgabe es war und in Litauen noch bis heute ist, sobald sie in ihrem eigenen Hause alles besorgt haben, mit einer zweiten Gabbette von Haus zu Haus in die Armenviertel zu gehen, um dort das Elend und die Not zu lindern. Paarweise laufen sie durch die Gassen, erbetteln von Krämern und Kaufleuten in den Buden Lebensmittel; und in alle Privathäuser kommen sie, um ein Almosen zu erbitten, Geld oder Speisen, alte Kleider usw. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft einer solchen »Gabbette«, die oft zu uns kam. Sie war ein Engel an Güte und Seelengröße. Ihr Name war Itke, die Hefterke. Sie pflegte meiner Mutter von all dem Elend und der Armut in der Stadt zu erzählen. Mit zerknirschtem Herzen und Trauer in den Zügen behauptete sie symbolisch, Perlen und Brillanten lägen in den Gassen herum, aber nur sehr wenige bemühten sich, die aufzunehmen. Sie meinte damit: Man könnte so viele Wohltaten an den Armen üben, und die wenigsten mühten sich darum. Nur diese »Juwelen« behauptete Itke, die Hefterke, kann man nach dem Tode mit ins Jenseits nehmen. Meine Mutter pflegte an Rausch chaudesch eine ansehnliche Summe Geld zu verteilen. Alte Männer und Frauen bekamen eine Münze von drei polnischen Groschen, d. h. eineundeinehalbe russische Kopeke. Je jünger der Arme war, um so weniger, bis auf einen Groschen herunter, bekam er. Den Kindern gab man nur eine »Prute«. Diese Münze war der dritte Teil eines polnischen Groschens, folglich ein Sechsteil einer Kopeke. Diese Münze pflegte in Brest-Litauen von dem jüdischen Gemeinderat mit Erlaubnis der Regierung verfertigt zu werden. Ich erinnere mich, daß diese Prute nur an Arme gegeben wurde, während sie im Geschäftsleben nicht gangbar war. Zuerst wurde sie in Blei gegossen mit der hebräischen Aufschrift »Prute achas«, d. h. eine Prute. Als aber damit Mißbrauch getrieben wurde, schaffte man sie ab, und stellte die Prute aus Pergament her. Sie trug dieselbe Aufschrift. Diese Prute hatte ungefähr die Größe eines Zolls in der Länge und eines halben Zolls in der Breite. Auch dieses Pergamentgeld wurde bald abgeschafft; und an ihre Stelle trat die Prute in Form eines mittelmäßigen, runden Knopfes aus Holz mit einer kleinen Vertiefung, die mit rotem Siegellack gefüllt war, worin das Wort Prute und der Petschaft des Gemeinderats eingedrückt waren.
Das Verteilen der Almosen war eigentlich die einzige Form, in der in unserer Familie der Erew Rausch-Chaudesch begangen wurde. Den darauf folgenden Tag aber, den Rausch chaudesch selbst betrachteten wir als einen halben Feiertag. In der Synagoge wurde das Gebet »halel« usw. gesagt, zu Hause gabs gute Speisen zu Mittag; den ganzen Tag über durfte übrigens keine Handarbeit verrichtet werden.
Der Rausch-Chaudesch spielte überhaupt eine wichtige Rolle im Leben der Juden. So war es üblich, an diesem Termine Wohnungen und Dienstboten zu mieten und »wichtige« hauswirtschaftliche Arbeiten auf diesen Tag zu verlegen — besonders aber das »Gänse setzen«, wie es damals hieß. Man pflegte 30-40 Gänse in einem engen Käfig zusammenzupferchen, so daß sie sich kaum bewegen konnten, gab ihnen sehr viel zu fressen, aber sehr wenig zu trinken. Bei dieser Kur wurden sie sehr fett. Genau einundzwanzig Tage mästete man das Geflügelvieh, damit ihr Fett sich mehre und die Leber im Leibe größer würde, dann wurden sie geschlachtet; wartete man mit dieser Prozedur nur einen Tag, so war — wie man glaubte — die ganze Mästerei vergeblich. Rausch-Chaudesch kislew wurden die Gänse eingekerkert. Am einundzwanzigsten Tage kam mit Tagesanbruch der Schlächter mit seinem Gehilfen. Er zog das große Schlächtermesser aus der ledernen Scheide, machte es unheimlich scharf, prüfte die Schärfe an seinem Nagel, und ging dann in Begleitung der Köchin und des Nachtwächters mit einer Laterne in den Gänsestall, um das Todesurteil an den Gänsen zu vollziehen. Natürlich sagte er, bevor er die erste Gans schlachtete, das vorgeschriebene Gebet. Nach einer Stunde war das Werk vollbracht. Man schleppte die geschlachteten Gänse in die Küche, wo sie ein paar arme Weiber rupften, sengten, reinigten und salzten und eine volle Stunde im Salze liegen ließen. Dann begoß man sie dreimal mit kaltem Wasser, und sie waren koscher. Der Lärm in der Küche und im ganzen Hause war groß! Eile war nötig; denn zu Chanuka brauchte man viel Schmalz, Gänseleber und besonders die schmackhaften Grieben! Da gab es schmackhafte Leber- und Griebenpasteten und das herrliche Gericht des gedämpften Gänsekleins.
Nach einem Aberglauben oder einer mystischen Tradition mußte der Schlächter von »Rausch-Chaudesch kislew« an bis »Rausch-Chaudesch adar«, also drei Monate lang, von dem von ihm geschlachteten Federvieh ein Glied, einen Fuß oder Kopf und dergleichen essen, sonst müßte er jeden Augenblick fürchten, gelähmt zu werden. Wir pflegten ihm immer das linke Füßchen jeder Gans zu überlassen. Da er jedoch diese Fülle nicht vertilgen konnte, so bereitete man aus den vielen Füßchen eine Brühe, die er verzehren mußte! —
Große Bedeutung hatte auch das Ausbraten des Gänseschmalzes. Es mußte in aller Stille geschehen, entweder noch vor Tagesanbruch oder spät am Abend, damit kein »böser Blick« darauf fiele — sonst liefe das ganze Schmalz aus dem Topfe! War aber beim Ausbraten nur eine stille Person tätig, dann kam — so glaubte man — der gute Hausgeist in Gestalt eines Zwerges und machte, daß das Schmalz über den Brattopf quillt; und schöpfte man es in ein anderes Gefäß ab, so mehrte es sich ohne Unterlaß, bis alle leeren Geschirre, selbst das große Wasserfaß, im Hause mit dem Schmalz gefüllt wären; dann erst verschwindet der Zwerg.