Aus meiner Schilderung könnte die heutige Jugend schliessen, daß das Leben in einem jüdischen Hause der alten Zeit durch seine Sitten und die Strenge seiner Gebräuche unerträglich schwer war. O nein! Die damaligen Juden hatten ihre großen Freuden, genossen viel Vergnügen, Ruhe, Behagen; aber alles nur im Kreise der Familien im eigenen Hause; kein Herumstreifen in den Ballsalons, auf Reisen, in den Bädern, über Berge, und Meere. Er lebte ruhig, gut und lange. Er gab seinem Gotte, was ihm gebührt und nahm vom Leben das, was ihm behagte. Es lag Weihe und tiefes Symbol in den Formen des Lebens, was man von den Zeremonien und Bräuchen der jetzigen Gesellschaft nicht gerade behaupten kann. Gewiß haben auch sie die Bedeutung, die Menschen aneinanderzufügen und auch den Individuen die höhere Form einer Gemeinschaft zu schaffen. Allein wer kann leugnen, dass diese Bindung armselig erscheint gegenüber jener festen, sozialen Verknüpfung, die das jüdische Gesetz vorschrieb und die das einstige jüdische Leben erreichte. Einer war für den anderen orew, d. h. Bürge, und die Formeln »Kol Jsroel chawerim« (Ganz Israel Brüder) und »Achenu benei Jsroel« hatten einen Inhalt! Es war nur konsequent, wenn damals ein Jude vor dem anderen nicht den Hut zog. Aus dem gleichen Grunde wurden jüdische »Freidenker«, wenn sie öffentlich ein religiöses Gebot verletzten, vom Volke mit Vorwürfen verfolgt. Wenn beispielsweise solch ein Freidenker am Sonnabend Abend, an dem man nur eine bestimmte kurze Strecke gehen und Stock, Schirm, Taschentuch ohne Erew nicht tragen darf, sich mit diesen »Lasten« auf der Straße zeigte, empfing man ihn mit feindlichen Blicken, weil er gegen den Grundgedanken des mosaischen Gesetzes — dem der Gemeinbürgschaft und der Verantwortlichkeit des Einzelnen gegen die Gesamtheit — verstieß. Die Sünde des Einzelnen muß eben das ganze Volk büßen.
Der Beginn der Aufklärungsperiode.
I.
Lilienthal.
Von der hohen Altersstufe aus, die ein gütiges Geschick mich hat erreichen lassen, will ich einen Rückblick auf die für die Juden Litauens kulturell bedeutsame Epoche gegen Ende der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts werfen. Ich sehe es als ein Glück an, jene Periode miterlebt zu haben, in der die großzügigen Reformen unter der Regierung Kaiser Nikolaus I. die geistige, ja sogar die physische Regeneration der Juden in Litauen herbeiführten.
Wer, wie ich, die Zeit von 1838 bis heute durchlebt, all die religiösen Kämpfe im Familienleben der litauischen Juden mitgemacht und schließlich den großen Fortschritt beobachtet hat, der darf und muß seiner Bewunderung für die Idee jener Reformgesetze Ausdruck verleihen und sie segnen. Ja, man darf sogar mit Begeisterung von ihr sprechen, wenn man die zumeist unkultivierten, armseligen Juden der vierziger Jahre mit den litauischen Juden der sechziger und siebziger Jahre vergleicht, unter denen es heute so viele vollkommen europäisch gebildete Männer gibt, die auf den verschiedensten Gebieten der Literatur, Wissenschaft und der Kunst Hervorragendes leisten und denen es an äußeren Ehren und Titeln nicht fehlt.
Die Menge ahnt oft instinktiv das Eintreten eines großen Ereignisses vorher. Im ganzen litauischen Gebiete verbreitete sich plötzlich das Gerücht, den Chedarim (jüdischen Volksschulen) stehe eine gründliche Umwandlung bevor; von den Melamdim (Volksschullehrer), die bisher im jüdischen Jargon Unterricht erteilten, werde künftighin die Kenntnis des Russischen gefordert werden, damit sie die Bibel den Schulkindern in diese Sprache übersetzen könnten.
Dieses Gerücht brachte den älteren Männern schwere Sorge. Sie dachten voll Schrecken daran, daß das Hebräische, das Wort Gottes, wohl allmählich vernachlässigt werden sollte. Die Jüngeren aber, darunter meine beiden älteren Schwager, nahmen die neue Kunde mit gespannter Erwartung auf. Aber sie wagten es nur flüsternd über die kommende Neugestaltung zu sprechen.