II.
Jeschiwa Bochurim.[R]
Die Jeschiwa-Bochurim bildeten gegen Ende der dreißiger Jahre das lernende Proletariat in Brest, wie in ganz Litauen. Ihre religiöse und geistige Erziehung war systematisch geregelt. Die jüdische Gesellschaft trug unter Aufwand von vielen Kosten dafür Sorge. Dagegen blieb ihre körperliche Pflege ganz problematisch, weshalb schwächliches, verkümmertes Aussehen für den Jeschiwa-Bocher charakteristisch war. Sie waren in ihrer täglichen Nahrung, ihrer Kleidung und ihrem Obdach ganz auf den glücklichen Zufall und auf die Gnade der Mitbürger angewiesen. Es wurde ihnen im besten Falle Mittagessen verabreicht, aber auch das nicht an jedem Tag der Woche. Für die anderen Mahlzeiten sorgte der, »welcher den Sperlingen in der Luft die Nahrung spendet«. Ihr Obdach fanden sie in den Bothemidroschim, die Lehrhäuser und Synagogen zugleich waren. Auf den harten Holzbänken, die Fäuste unter dem Kopf, schliefen sie im Sommer und in der Nähe des geheizten Ofens im Winter den Schlaf des Gerechten. Ihre Kleidung erhielten sie von mildtätigen Bürgern stets zu unrechter Zeit: zu Beginn des Sommers wattierte Winterkleider, im Spätherbst sommerliche Kleider und Stiefel. So froren sie im Winter und schwitzten doppelt soviel wie die Reichen im Sommer. Auf diese Weise fristeten sie ihr Dasein jahrein, jahraus, mit Eifer und Ausdauer ihren Talmud studierend, bis zu ihrem 20. Lebensjahr. Dann heirateten sie, mitunter sehr günstig, denn sie wurden von den reichen Bürgern geehrt und begehrt, da sie im Volke als gute Talmudisten und ehrenwerte, fromme Menschen galten.
Diese Bochurim pflegte man ihren rabbinischen Kenntnissen nach in drei Klassen einzuteilen. In meinem Elternhause erhielt jeden Tag ein anderer Angehöriger dieser drei Klassen das Mittagmahl. Der älteste von ihnen hieß mit dem Eigennamen Schamele, er gehörte schon als tüchtiger Talmudist zu den Jeschiwa-Bochurim, der höchsten dritten Klasse. Das war ein ruhiger, pfiffiger, aber schwerfälliger, blonder Junge mit gutmütigen, blauen Augen. Er trug Sommer und Winter ein und denselben langschößigen, an den Ellbogen zerrissenen Kaftan. Der zweite Bocher zählte zu den Orem-Bocherim, da er den Unterricht in der Bibel und in den leichteren Talmudteilen von den städtischen Melamdonim, und zum Teil von den gesetzkundigen, jungen und alten Talmudisten in den Bothemidroschim erhielt. Er hieß Fischele und bildete den leibhaftigen Gegensatz zu dem Schamele, denn er war beweglich, schwarzäugig, und schien immer aufgeregt und somit den Spitznamen Fischele zu rechtfertigen. Der dritte hieß Motele, er gehörte der jüngsten, niedersten Klasse an und war Wanderbocher. Das war ein von Natur stiller, bedachter, ruhig räsonnierender Jüngling, der richtige Typus des Wanderbochers.
Die meisten dieser Jünglinge kamen aus den Städtchen und Dörfern der Umgebung nach Brest, um dort zu lernen. Sie besaßen viel Mutterwitz, waren ruhig und verrichteten jeden Dienst in den Häusern, in denen sie ihr Mittagbrot bekamen. Sie waren vorzüglich geeignet, in der geistigen Gärungsperiode der Lilienthalschen Bewegung die Korrespondenz und die aufklärerischen (apikurssischen) Bücher zu den jungen Leuten in die Stadt zu bringen.
Man konnte oft den einen oder anderen von ihnen in der Dämmerstunde, wie eine Katze spähend, sich leise in unseren Hof mit einem Packet dieser geistigen »Kontrebande« schleichen und direkt auf der zum Studierzimmer meiner Schwager führenden Treppe in der Dunkelheit des Vorabends verschwinden sehen. Hätte das wachsame Auge meiner Mutter sie erblickt, so wäre es ihnen böse ergangen; an dem Tage wären sie bei uns sicher nicht satt geworden.
Fischele hatte sich allmählich als Autodidakt zu einem sehr guten Pädagogen ausgebildet. Er pflegte halb scherzhaft, halb im Ernst zu bitten, man soll ihm helfen: aus einem Orembocher ein Oremmann (armer Mann) zu werden. Bald heiratete er ein braves Mädchen und fand als gebildeter Mann in der höheren, jüdischen Gesellschaft eine gute Aufnahme. Dagegen hat Schamele, wie wir später erfahren haben, sein Leben nicht an großen Talmudfolianten beschlossen.
Die Lilienthalsche Bewegung hatte eben selbst in den orthodoxen Kreisen des niederen, jüdischen Volkes tiefe Spuren hinterlassen, und die Jugend auf neue Bahnen gelenkt. Schon nach einem Dezennium sah man die meisten Kinder des niederen Volkes, wie auch der Handwerker auf den Schulbänken, und die europäische Bildung wurde Gemeingut der jüdischen Bevölkerung. Die gemeinsame Bildung bewirkte eine Verschmelzung, eine Gleichstellung von Patriziern und niederen Leuten. Der Fachmann, der Arzt, der Advokat usw. trat an die Stelle des traditionellen Mijuches (Aristokratie).
Indes hörte das althergebrachte Studium des Talmuds nicht auf, es wurde nur in ganz anderer Weise hochgeschätzt; und Ende der sechziger Jahre fand ich in demselben Lande die früher geschilderten drei Bochurim von ganz anderem Aussehen. Ihr Aeußeres ließ Ende der sechziger Jahre wenig zu wünschen übrig. Ein jeder dieser Bochurim konnte bereits russisch lesen und schreiben, hatte einen Begriff von der Weltgeschichte. Aber er blieb seiner alten Religion treu und hatte volles Vertrauen zu Gott, daß eine bessere Zeit für sein Volk kommen werde. Aus der Mitte dieses lernenden Proletariats wuchsen die Rabbiner für die kleinen litauischen Städtchen heraus, sowie die Dajanim (Volksrichter) und die More horoes (Gesetzeskundigen), welche über Trefe und Koscher und rituell-hygienische Fragen zu entscheiden hatten, ferner die Magidim (Volksprediger), die Schochtim (Vieh- und Geflügelschächter), die Chasonim (Kantoren) und endlich die Batlonim, arme Talmudisten jeden Alters, welche man bei frohen oder traurigen Ereignissen Psalmen, Hymnen oder Mischnajis aus dem Talmud rezitieren oder bei einem Toten Tag und Nacht lesen lässt.