Aus einem Orembocher wurde zumeist ein Melamed, der aber vorher noch als Oberbehelfer in einem Cheder (Schule für kleine Kinder) einige Jahre als Repetitor fungieren mußte.

Von allen diesen Funktionären sonderte sich ein kleiner Bruchteil, der sich Pruschim (Abgesonderte) nannte, junge und alte Männer, deren einziger Lebenszweck war, sich ungestört mit Leib und Seele den Talmudstudien hinzugeben. Sie verbrachten, getrennt von Weib und Kind — ihrer Heimat und der Welt fern — ihr ganzes Leben damit, alle Feinheiten dieser Lehre, alle Spitzfindigkeiten der Scholastik zu ergründen und mit anderen über die verschiedenen Auslegungen zu diskutieren. Diese Asketen lebten im Krähwinkel Eschischok im Wilnaer Gouvernement lediglich von der Mildtätigkeit der Bürger, vornehmlich von der Güte der braven Frauen, die ihnen Speis und Trank in die Lehrhäuser schickten, was sie als heilige Pflicht und als gottgefälliges Werk betrachteten. Eine solche Frau besaß kaum 50 Rubel im Vermögen, womit sie Handel trieb, und ihre Kinder wie ihren Mann ernährte, der gleichfalls Tag und Nacht dem Talmudstudium als dem einzigen Zwecke seines Lebens opferte. Das mächtige Wort Talmud-Thora, d. h. die Lehre des Talmuds befördern, »lernen«, stand damals bei dem ganzen jüdischen Volke, wie heute leider nur noch bei einem sehr, sehr geringen Teil, auf der gleichen Stufe mit den eigenen, wirtschaftlichen Sorgen.

Der Typus des Wanderbochers bot freilich das stärkste Interesse. Er hatte das Geblüt des Famulus Wagner: stets dürstete er danach, Neues zu lernen. Solch ein Wanderbocher pflegte, notdürftig bekleidet, zu Fuß von einer Kartzma (Herberge) zur anderen auf der großen Landstraße zu gehen, in jener guten alten Zeit der 40er und 50er Jahre, ehe es Eisenbahnen in Rußland gab. Manchmal gelang es ihm, sich auf eine »Baued« (ein- oder zweispänniges Fuhrwerk, das von einer über Reifen gespannten Leinwand bedeckt war) »heraufzuchappen«, wo der jüdische Fuhrmann ihm willig auf dem Bock die Hälfte seines Platzes einräumte. In der Baued selbst, unter der Leinwanddecke, befand sich ein sehr gemütliches Publikum jeglichen Alters, Standes und Stammes. Das Fuhrwerk bewegte sich langsam vorwärts, da die hungrigen, übermüdeten Pferde nur schwach ziehen konnten. Die Passagiere hatten daher Zeit, gemütlich zu plaudern, und der halberfrorene Wanderbocher hörte diese wahren und erdichteten Erzählungen mit gespannter Aufmerksamkeit an und nahm alles in sich auf. Wieviel Romantik schloß eine solche Reise für ein junges, empfängliches Gemüt in sich! Sie machte grüblerisch und versonnen.

Aus einem solchen Wanderbocher pflegte sich in der Regel ein Maggid zu entwickeln. In seinen Kinderjahren hatte er in seiner einheimischen Talmud-Thora gelernt, einer jüdischen Volksschule, wie sie von jeder größeren Gemeinde unterhalten wurde. Arme Kinder und hauptsächlich Waisen wurden dort schon mit acht Jahren aufgenommen, um Unterricht in der hebräischen Sprache, im Beten und in der heiligen Schrift zu erhalten. Aus dieser Schule entsprangen die oben geschilderten drei Arten Bocherim. In seinen Jünglingsjahren begann so mancher das Wanderleben. Nachdem er als Orembocher den Unterricht schon im Talmudstudium erhalten hatte, zog er in die nächste Jeschiwa, wo für seine weitere Ausbildung, für Wohnung und Kleidung unentgeltlich gesorgt war. Denn auch für diese Anstalten spendeten die Juden aus allen Gegenden viel Geld. Er blieb solange da, als er wollte. Niemand hinderte ihn aber, eine zweite Lehranstalt aufzusuchen, wenn es ihn drängte, noch andere Lehrer zu hören, andere Satzungen und Kommentare kennen zu lernen, denn unerforschlich wie der Meeresgrund ist die talmudische Wissenschaft, meinte der Jude von damals. An dem neuen Orte lernte er andere Menschen, Sitten und Gebräuche kennen. Der Weg dahin war weder sehr weit, noch sehr beschwerlich, während des Sommers konnte er ja notdürftig bekleidet und barfuß gehen, wenn ihm nicht manchmal ein glücklicher Zufall in Gestalt eines Fuhrmanns zu Hilfe kam und ihn zu einer Herberge brachte. Da erholte er sich bei dem jüdischen Arendar (Pächter) im Dorfe einige Zeit, hörte von den verschiedenen Besuchern der Schänke abenteuerliche Geschichten, Wahrheit und Dichtung, erzählen und zog, um manche Erfahrung reicher, von dannen.

Diese drei Arten von Bochurim kann man mit Recht als die Ritter vom Geiste betrachten. Ihr Lebelang hatten sie mit Not, Hunger zu kämpfen und — sie unterlagen nicht.

Die tiefe Kenntnis des Volkslebens, seiner Not und seiner Freuden, seiner Sitten und Gewohnheiten, vor allem seines Vorstellungskreises praedestinierten den Wanderbocher gerade zu einem Maggid, und sie erklärt auch, weshalb der Volksprediger von dem niederen, jüdischen Volk verehrt, ja geliebt wird, und so machtvollen Einfluß ausüben kann.

Unter ihnen gab es hervorragende Erscheinungen, wie z. B. Ende der 40er Jahre der Minsker Magid R. N. K., und der 70er Jahre der Kelmener Magid R. N. Der erstere war ein hervorragender Talmudist und von strengstem Charakter und hielt jedem die Wahrheit vor; der letztere war milder, weltlicher.

Aber sie blieben Wandersleute, die jeden Sabbath in einer anderen Stadt predigten. Sie waren nicht reich und meist auf die Gastfreundschaft angewiesen. Not brauchten sie da nicht zu leiden, ist es doch eines der wichtigsten Grundsätze, daß jeder wohlhabende Balhabajis (Hausherr) an einem Sabbathtisch einen Gast zu sich lade. Diese Gäste fanden sich gewöhnlich Freitag, am Vorabend des Sabbathfestes ein, an dem alle Arbeit und auch das Wandern ruht. Die Mäßigkeit im Essen und Trinken während der ganzen Woche weicht üppigem Geniessen. Da ein solcher Gast eilig und spät abends in einem Ort, wo Juden wohnen, eintrifft und keine Zeit hat, nach einer Herberge zu suchen, so richtet er seine ersten Schritte zur Synagoge, um zu beten. Die Pflicht des Schammes (Synagogendieners) ist es, diese wegen ihrer Neuigkeiten gern gesehenen Fremdlinge für den Sabbath den Bürgern der Stadt zuzuteilen. Nun geschah es einmal, daß der erwähnte Minsker Magid in ein Städtchen kam, um da am Sonnabend zu darschenen (predigen). Er traf am Vorabend, Freitag spät ein, nahm den Weg zur Synagoge, wo die jüdische Gemeinde bereits sabbathlich ruhig und reinlich — manche noch mit nassem Haar von der Badestube her — zum Beten versammelt war. Der Magid betete mit und war fest überzeugt, daß nach Beendigung des Gottesdienstes auch er ein Plät[S] (Einladung) erhalten würde. Aber wie groß war sein Erstaunen, ja sein Schreck, als er bemerkte, daß alle anderen Fremdlinge unter die Bürger verteilt wurden und nur er übersehen worden war.