Alle Bürger standen bereits eng aneinander gedrückt wie Schafe an der kleinen, schmalen Ausgangstür. Er sah sich bald ganz allein im Bethaus, ohne Nahrung und ohne Kidusch. Seine verzweifelte Lage flößte ihm Mut ein. Er sprang hurtig auf die »Bieme« (die in der Synagoge befindliche Erhöhung), klopfte energisch mit der Faust auf ein großes Gebetbuch und rief laut: »Raboissai (Meine Herrschaften)! Wartet, bleibt, ich will euch etwas Interessantes erzählen!« Im Nu wandten sich die Köpfe dem Sprecher zu — sie hatten ihn früher nicht bemerkt. »Ich bin ein Oirach« (Gast), fing er an, »vor Abend hier eingetroffen und wie ich sehe, sind die hiesigen Hunde gastfreundlicher als die hiesigen Balbatim (Hausherren)!«
Diese Worte hatten natürlich die gewünschte Wirkung. Alle waren im ersten Augenblick stumm vor Erstaunen. Und er fuhr fort: »Ich werde euch erzählen, höret: Als ich mich spät vor Abend dem Städtchen näherte, empfingen mich viele Hunde mit lebhaftem Gebell. Jeder riß mich zu sich, jeder wollte mich für sich allein haben. Hier aber sind viel mehr Menschen als dort Hunde versammelt, und niemand fällt es ein, mich zu sich zu laden, geschweige, sich um mich zu reißen.« Diese Worte brachten die Menge in Wut, und einer von der Versammlung trat hervor und schrie: »Wer ist dieser Mensch, daß er sich untersteht, uns mit Hunden zu vergleichen? Woher bist du gekommen, Elender?« Ein reich gefülltes Maß an nicht gerade duftigen Liebesworten ergoß sich über den Magid. Der aber blieb die Antwort auch nicht schuldig, er rief: »Wartet, wartet nur ein wenig, hört nur bis zu Ende, ich bitte sehr.« Alle wurden wieder still. »Ich bin noch nicht zu Ende. Als die Zudringlichkeit der Hunde mir ein wenig unbequem wurde, beugte ich mich zur Erde, griff nach einem Stein und schleuderte ihn mitten unter die Meute, das wirkte im ersten Augenblick sehr gut. Der Eifer, mich zu besitzen, wich, und die Hunde suchten das Weite. Nur wußte ich anfangs nicht, welche von ihnen mein Stein getroffen hätte, bald aber sah und hörte ich, wie ein Hund rasch, aber auf einem Fuß hinkend und jämmerlich heulend, mit der übrigen Gesellschaft die Flucht ergriff. Nun begriff ich, daß mein Stein ihn getroffen hatte.«
Diese Worte regten die Gemeinde noch mehr auf. Man drang in den Redner, seinen Namen zu nennen, und die Versammelten waren nicht wenig beschämt, in ihm den berühmten Magid zu erkennen und suchten durch freundliche, ehrerbietige Behandlung alles gut zu machen. Am Sonnabend nachmittag predigte er in der Synagoge vor der ganzen, versammelten Gemeinde, welche mit Vergnügen und Andacht der Rede dieses frommen Mannes lauschte. Er tadelte so manches, verkündete für manche Sünde die Hölle, und das Volk weinte. Zugleich versprach er für die guten Taten das Paradies in dieser Welt, wie im künftigen Leben, und das Volk jubelte, da er mit so großem Wissen die Herzen rührte und die edelsten Regungen hervorzurufen verstand. Er mahnte auch in freundlicher Absicht zur Ehrlichkeit im Handel, riet, gutes Maß und Gewicht zu geben, empfahl den Handwerkern Fleiß, tadelte dagegen Faulheit und Hochmut, wobei er sehr gute Volkswitze erzählte, und forderte das Volk auf, den Sabbath zu ehren, Gott für diese Gabe zu danken, da an diesem Tage jeder Jude frei von Sorge ausruhen, sich dem geistigen Genuß ergeben, sich Gott, seinem Schöpfer, nähern könne, was er die ganze Woche über durch Arbeit und Sorge zu tun verhindert sei....
Sonntag verreiste dieser verehrte, populäre Prediger, von vielen Bewohnern des Städtchens ein Stück Weges begleitet.
In der Neustadt.
I.
Es war ein schönes Bild ...
Es war ein schönes Bild, als Kaiser Nicolaus I. inmitten einer glänzenden Suite stand. Seine von Gesundheit strotzende, hohe Figur ragte über seine Umgebung hoch hervor. Seine militärische Paradeuniform, der fest anliegende Frack mit hochrotem Tuchbesatz und Manschetten, die Brust mit vielen Ordenssternen dekoriert, die massiven Epaulettes, die blaue, breite Schärpe quer über der Brust, das Portepee mit dem Degen an der linken Seite, der quer auf dem Kopf sitzende Dreispitzhut mit dem wuchtigen, weißen Federbusch verlieh der martialischen Gestalt ein ganz außergewöhnliches Aussehen. Sein Gesicht mit den regelmäßigen Zügen, dem glattrasierten Doppelkinn, mit dem vollen, blonden Backenbart drückte eine wohlwollende, ja eine freudige Erregung aus, auch die energisch blitzenden, grauen Augen leuchteten, während die stramme militärische Haltung das hohe Selbstbewußtsein ausdrückte. Zu seiner Rechten stand der Kronprinz Alexander II., der damals, im Jahre 1835, noch ein junger Mann war. Er war von hohem, massigen Körperbau und hatte im Gegensatz zu Kaiser Nicolaus I., der lichtblondes Kopf- und Barthaar hatte, rabenschwarzes Haar, einen schmalen schwarzen Lippenbart und Augen von gleicher Farbe. Sein ganzes Wesen umleuchteten Milde und Freundlichkeit; keine Spur von dem Selbstbewußtsein seines kaiserlichen Vaters! — Der Kronprinz hatte schon damals, wie ich mich noch jetzt gut erinnern kann, alle Herzen der umstehenden Menschenmenge für sich gewonnen. Und diese Sympathie rechtfertigte er 1861 als Befreier der Leibeigenen.
Umgeben von zahlreichen Generälen, Adjutanten, Ingenieuren, standen die Fürsten auf dem sogenannten Tatarischen Berge. Der glatte, grüne Rasen lag wie ein Samtteppich vor ihren Füßen; und die dunkelblaue Himmelskuppel überwölbte dieses imposante Bild. Die Sonne übergoß es mit einem Meer von Licht, das sich in den Brillantenorden der goldgestickten Beamtenuniformen in tausend Regenbogenfarben brach.