Dieses glänzende Schauspiel erschien uns Kindern wie ein Luftgebilde, da wir neben unserem elterlichen Hause, etwa hundert Faden von dem obengenannten Berge entfernt, standen. — Der Kaiser Nikolaus I. zeigte mit seiner rechten Hand nach verschiedenen Richtungen. Aus den eifrigen Debatten der Herrschaften konnte die umstehende Menge ahnen, daß eine wichtige Frage besprochen wurde: bald wurde ein General, bald ein Adjutant vom Berge heruntergeschickt, der unser Haus beschaute und musterte, die grüne Wiese, die um Haus und Garten lag, mit einem Saschen (russisches Maß = 1 Faden) maß und dann zum Rapport auf den Berg zurückeilte.

Die gaffende Volksmenge erschöpfte sich in tausend Vermutungen und gab jeder Handbewegung des Kaisers tausend Bedeutungen, — nur nicht die richtige. Endlich erfuhr man, daß das ganze Terrain der alten Stadt Brest für eine Festung erster Klasse von Kaiser Nicolaus I. bestimmt worden war! Die ganze Tragweite dieses Projektes sollte jedem Stadtbürger bald klar werden.

Wenige Monate nach der oben geschilderten Begebenheit wurden die Hausbesitzer der Stadt Brest-Litauen durch einen kaiserlichen Ukas benachrichtigt, daß alle durch eine eigens zu diesem Zwecke eingesetzte Kommission ihre Häuser abschätzen lassen sollten. Die Regierung würde eine Abstandsumme zahlen und außerdem ein Terrain vier Werst, das ist 1,5-2 englische Meilen, von der Altstadt entfernt zur Verfügung stellen. Die Nachricht wurde mit Schrecken aufgenommen. Eine gewisse Ahnung schlich sich in die Gemüter der Bürger, daß ihr Ruin bevorstand! — Für meine Eltern wurde dieses Projekt zur Katastrophe!... Denn nicht nur unser prächtiges Haus, sondern auch die große Ziegelfabrik, die zwei Werst hinter der Stadt stand, sollte niedergerissen werden. Diese Ziegelei warf jeden Sommer große Summen ab, da mein Vater die Lieferung vieler Millionen Ziegelsteine für die schon begonnenen, großen Kasernenbauten übernommen hatte. — Nur schwer konnte mein Vater den ersten Schreck über den neuen Befehl verwinden. Aber er beruhigte sich wie die übrigen Hausbesitzer der Stadt bei der kaiserlichen Versicherung, daß die Regierung für alle Schäden aufkommen würde. — Die Abschätzungskommission, welche die Regierung einsetzte, sollte den Wert aller Häuser der Stadt Brest-Litowsk bestimmen, und die Regierung versprach sehr ehrlich und gut zu bezahlen. — Da schickte der Teufel einen seiner Höllenboten in Gestalt eines Winkeladvokaten. Jude von Geburt, war er sehr befähigt, Prozesse zu führen, Bittschriften in russischer Sprache abzufassen, was in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts in dem noch vorwiegend polnischen Litauen nur wenige Begnadete vermochten. Bei diesen guten Eigenschaften aber war dieser Mensch ein Ausbund der gemeinsten Gewissenlosigkeit. Dieses Subjekt wußte bald das Vertrauen der gesamten Hausbesitzer, wie auch der Schatzkommission zu gewinnen, und alle beeilten sich, ihr Hab und Gut, das zumeist in dem Besitz ihres Hauses bestand, in seine Hände zu legen, damit er ihre Interessen vor der Kommission vertreten sollte. — Es dauerte jedoch nicht lange, so entzweite er sich mit beiden Parteien und denunzierte bei einer höheren Instanz, daß alle Schätzungen der Kommission falsch seien! Daß in dieser Denunziation ein Kern Wahrheit lag, bezweifle ich nicht. Die Interessen meiner armen Eltern aber wurden durch diesen Racheakt unschuldigerweise schwer getroffen. Da mein Vater seine Sache vor der Abschätzungskommission selbst vertrat, und der Winkeladvokat nicht auf seine Kosten kam, so wurde auch mein Vater ein Opfer der Angebereien. Es dauerte nicht mehr lange, als von einer höheren Regierungsinstanz der Befehl erging, die Abschätzung der Häuser einzustellen, bis eine neue Untersuchungskommission kommen würde! Da erhob sich ein allgemeines Jammern! Ein jeder Hausbesitzer wußte nun schon, daß er seine Besitzung verlieren würde. Und jetzt hörten wir Kinder kein anderes Gespräch mehr im Hause, sei es unter den Familienmitgliedern oder mit Gästen, als über das bevorstehende Niederreißen unseres prächtigen Hauses und der Ziegelei. Und jedes Wort war getränkt mit der Wut über den verruchten Winkeladvokaten David, »den Schwarzen«, der über die Stadt Brest-Litauen so schwere Not heraufbeschworen hatte. Infolge der Denunziation von Rosenbaum (das war sein Familienname) kam nach kurzer Zeit ein zweiter Befehl, daß jeder Hausbesitzer sein eigenes Haus auf eigene Kosten demolieren sollte, um noch schneller Platz zu schaffen, andernfalls würde er zu einer Geldstrafe verurteilt. Man setzte einen sehr nahen Termin an, bis zu dem die Häuser niedergerissen sein mußten. Die Zeit reichte kaum aus, eine Wohnung in der Neustadt zu beschaffen. Von Neubauten konnte natürlich nicht mehr die Rede sein. Die Reichen waren nicht weniger ratlos als die Armen. Wer bares Geld auftreiben konnte, beeilte sich und zahlte das Dreifache, um sich eine neue Wohnung zu mieten. Aber ihrer waren nur ein Vierteil der großen Zahl Einwohner der alten Stadt Brest-Litauen; die große Masse blieb tatsächlich ohne Obdach!

Die Beratungen über den Kauf eines Hauses in der Neustadt Brest-Litauen und der bevorstehende Umzug gaben uns Kindern viele Anregungen und Beschäftigung. Mich fror bei dem Gedanken, daß ich mich bald von meinen getreuen Gespielinnen im Cheder und in unserer Nachbarschaft aus der Vorstadt (Samuchawicz) trennen müsse, mit denen wir so traulich gespielt, und daß ich nun die trauten Winkel in ihren Häusern und dem unsrigen verlassen sollte. Ich hatte so stark wie jeder Erwachsene in unserem Hause das Gefühl, daß das ganze Leben meiner geliebten Eltern eine totale Umwälzung erfahren müsse. Wir hofften jedoch, daß, wenn die Untersuchung die Verlogenheit der Denunziation erwiese, alle Schäden ersetzt würden.

Allein diese Untersuchung dauerte nicht mehr und nicht weniger als fünfzehn Jahre!... Zeit genug, einen Teil der Hausbesitzer aus ihren eigenen Wohnungen zu verjagen, zu berauben und ins größte Elend zu stürzen!

Viele wurden zu Bettlern, viele wanderten aus!

Noch jetzt steht mir eine herzzerreißende Szene jener traurigen Zeiten vor Augen, die mich mit Schauder erfüllt! Es war an einem Herbsttage jenes schrecklichen Jahres 1836, als der bewölkte Himmel wie zerschmolzenes Blei über der Erde und über den Seelen der Stadtbürger von Brest-Litauen hing. Der Nordwind blies kalt und jagte den Straßenstaub, der die gelben, abgefallenen Blätter der Bäume wirbelnd vor sich her trieb, den Fußgängern in die Augen. Ich befand mich gerade mit meiner Mutter auf dem Heimwege nach der Vorstadt (Samuchawicz). Wir mußten die kleinen, armseligen Häuschen der Nachbarschaft passieren. Da hörten wir ein Durcheinandersprechen von Jüdisch und Russisch, ein Zanken in Russisch, ein Schimpfen in jüdischem Jargon und ein lautes Weinen. Meine Mutter trat, mich an der Hand führend, näher. Es war eine ergreifende Tragödie, die sich vor uns abspielte. Der festgesetzte Termin für die Räumung war abgelaufen. Da aber die Einwohner des Hauses noch kein Obdach gefunden hatten, so glaubten die Unglücklichen, daß sie noch in ihrem alten Heim würden bleiben können. Aber sie irrten sich. Die Polizei schickte ihre Beamten mit dem Befehl, auf die Räumung zu drängen und im Falle des Widerstandes die Hausbesitzer buchstäblich aus ihren Häusern zu verjagen! Dieser harte Befehl wurde gerade ausgeführt, als wir in das Häuschen eintraten. Die Wirtin, eine kranke, abgehärmte, magere Frau mit verzerrtem Gesicht packte ihr Hab und Gut in einen alten, grün angestrichenen Kasten. Ihr hochbetagter Mann hielt das kleinste Kind auf seinem Arm. Neben ihm standen noch zwei Kinder, ein Junge von etwa neun Jahren und ein Mädchen von sechs Jahren, deren Händchen und nackte Füße blaurot gefroren zitterten, denn die dürren Leiber waren nur mit Lumpen bedeckt. Auf dem Tische lag ein halber Laib Brot. Im Ofen brannten, vielmehr räucherten, einige Holzscheite, auf denen das armselige Mahl kochte. Die Familie wollte gerade essen, da erschien der Höllenbote und erklärte, daß hier für die Einwohner kein Raum mehr sei. Ja selbst diesen einen Tag sollten sie nicht wagen, hier zu bleiben.

Da war keine Zeit mehr für das Mahl, und rasch ging es an das Zusammenpacken und Zusammenraffen! Selbst in der ärmsten Wirtschaft haben so manche Stücke, so lange sie von ihrem Fleckchen nicht entfernt werden, noch ihren Wert. Wenn man sie aber von ihrem Orte rückt, zerfällt, zerbricht das abgenutzte Zeug. Und wohin sollten diese Armen ihre armselige Habe bringen, wenn sie noch kein Obdach hatten? Waren sie doch jetzt kaum imstande, eine kleine Komerne (Schlafstelle) zu mieten.

Die Frau füllte unter Seufzern, Klagen, Schreien und Fluchen ihren Kasten zur Hälfte mit ihren Armseligkeiten und nahm dann die Kleine vom Arm ihres Mannes. Der Alte aber begann nun, seine Schätze einzupacken — die großen und kleinen Folianten des Talmuds, die Gebetbücher, die damals jeder Jude, mochte er noch so arm sein, besaß — und dieser Mann war ein Hausbesitzer! Bald kam die Chanukalampe an die Reihe, die vier messingnen Sabbathleuchter der Frau, der Hängeleuchter, die Schabbeskleider, der lange Kaftan, der seidene Gürtel und der Streimel (Pelzmütze). Das übrige Hausgerät, das Wasserfaß, der wurmstichige Eßtisch, hölzerne Bänke, mehrere Holzstangen usw. wurden auf die Diele geworfen, und die Armen stolperten einmal über das andere darüber. Es war furchtbar! — Meine Mutter stand mit mir an der Tür und sprach diesen Unglücklichen Mut und Gottvertrauen zu und suchte auch die Wut des Polizisten zu dämpfen, der dann auch bald fortging.

Meine Mutter erinnerte an die Bilder, die, im Trubel vergessen, an der Wand hingen. Da waren Moses mit den heiligen Tafeln auf dem Berge Sinai, Jacob mit seinen zwölf Söhnen, die zwölf Stämme des jüdischen Volkes, und ein Bild der Menorah, jenes siebenarmigen Leuchters, der im Tempel zu Jerusalem stand. »Misrach« war dem Bilde aufgedruckt (auf deutsch Osten), denn nach Osten gerichtet stand jeder Jude beim Gebet. In ähnlichen Bildern suchte der damalige Jude seine Tradition, seine einstige Glanzperiode seiner Nachkommenschaft zu erhalten! — Der Wirt erhob bei dieser Ermahnung seine Augen, wollte die Bilder herunternehmen, aber die Wirtin schrie mit tränenerstickter Stimme zu ihm hinüber: »Sollen sie hier bleiben, diese Bilder!! Wozu haben wir sie schon nötig in der Komerne? Es ist aus mit uns! Ich bin nicht mehr Wirtin; du nicht mehr Wirt; wir haben kein eigenes Winkelchen mehr; sollen auch diese Bilder zum Teufel gehen, wie unser Hab und Gut! O Gott, warum hast du mich diesen Churben (Zerstörung) erleben lassen!«