Der Alte packte geduldig weiter. Und als er seine traurige Arbeit zu Ende gebracht hatte, holte er einen Bauernwagen und lud seine Habe auf: den grüngestrichenen Kasten, der das wichtigste Gerät in sich barg, die langen hölzernen Stangen und das Bettzeug, worin man die drei vor Kälte zitternden Kinder bettete. Eine zerlumpte, wattierte Decke wurde über den Plunder geworfen. — Der Mann, als der stärkere Teil, hatte noch den Mut, sich in den wüsten Räumen umzuschauen, fand aber nichts mehr, das fortzubringen sich gelohnt hätte; dann hob er mit Fassung und beherzt die Fenster, die Türen und Fensterläden aus den Angeln und trug sie auf den Wagen. »Dafür werde ich doch einiges Geld bekommen«, sagte er.
Verlassen stand das Haus ohne Türen, ohne Fenster da — wie eine Witwe. Ein Anblick, noch viel packender als der einer Brandstätte. Die Wolken schauen hoch hinein, und der Herbstwind jagt heulend durch die toten Räume.
Und langsam führte über die ungepflasterte Landstraße das bis zu den Rädern in den Kot eingesunkene Gefährt die gebrochenen, verzweifelten Insassen in eine hoffnungslose Zukunft nach der Neustadt.
Meine Mutter rief den Armen ein inniges »Gotthelf« auf den Weg. Die Wirtin gab ein »Seid gesund« zurück. Der Mann weinte. Die Kinder aber begleiteten mit lautem Geschrei diese Szene, keiner dachte daran, sie zu beruhigen, denn die Trauer dieses Momentes umschnürte alles Sinnen. Auch ich fühlte, daß hier sich ein furchtbares Geschick vollzog, und Träne um Träne quoll mir aus den Augen.
Daheim erzählte meine Mutter die eben erlebte Szene, und Schwermut legte sich auf alle Hausgenossen. Ein jeder hatte das schmerzhafte Empfinden, daß uns bald, vielleicht schon morgen, ein ähnliches Schicksal kommen könnte.
Meine verheirateten Schwestern wußten wohl, daß sie fernerhin nicht mit den Eltern zusammen wohnen konnten, da der Vater sein ganzes Vermögen mit den liegenden Gütern verlieren würde. Sie mußten daran denken, sich selbst Wohnungen einzurichten. Eine neue Aufgabe, die ihnen bis jetzt fremd und unbekannt war, trotzdem eine jede schon eine Familie, einige Kinder hatte. So sorgenlos, so gemütlich war hier im Elternhause das Leben mit Mann und Kinderchen. Und nun sollte alles anders werden! — Die Sorge legte sich wie zentnerschwerer Stein auf aller Herzen, obwohl die Behörde im Vergleich zu den anderen Stadtbürgern meinen Vater in dieser schrecklichen Zeit ohne jede Strenge behandelte. Von Zeit zu Zeit nur fragte man ihn, wann er nach der Neustadt ziehen würde, worauf er nur sagen konnte, daß er noch kein Haus gekauft hätte. Aber auf die Dauer konnten uns die Beamten selbst beim besten Willen nicht in der Altstadt wohnen lassen.
Eines Morgens kam mein Vater aus der Neustadt und erklärte, er wolle vorläufig nur eine Wohnung mieten. Er hatte auch eine gefunden; die Mutter solle sie sich ansehen. Wenn sie ihr gefiele, so könnten wir schon in kurzer Zeit nach der Neustadt übersiedeln. Ich hörte mit größtem Interesse zu. Trotz der traurigen Szenen bei der Übersiedelung unserer Nachbarn empfand ich doch eine gewisse, frohe Erregung bei dem Gedanken an die großen, bevorstehenden Veränderungen. Wo die Erwachsenen schaudernd an die Mühe und Unbequemlichkeit eines Umzuges denken, hat es für Kinder besonderen Reiz und Behagen, in eine neue Wohnung zu ziehen. Vor den leeren Räumen möchte der Große fliehen, indessen jedes Kind mit Lust darin umherspringt und lustig auf das Echo seiner lauten Worte lauscht.
Meine Mutter begab sich mit einer der älteren Töchter auf die Neustadt und besah die Wohnung. Sie mußte ihr gefallen.
Und bald ging es ans Packen und Zusammenräumen. Viele Stücke unseres reichen Mobiliars mußten verkauft werden, da die kleinen Räume in der Neustadt sie nicht alle hätten aufnehmen können. An einem Dienstag sollte der Umzug nach der Neustadt vor sich gehen. Zuerst sollten meine verheirateten Schwestern mit ihren Familien übersiedeln.
Der festgesetzte Tag kam heran. Wir frühstückten noch alle beisammen — zum letzten Male! — am elterlichen Familientische. Alle schwiegen beredt, übermannt von Gefühlen, die sich durch Worte schwer ausdrücken lassen! Die Trauer dieses Momentes war inhaltsreich. Die neue Situation war schwerer als ein Feuerschaden zu ertragen. Hier waltet die Wucht der Elemente — die Hand, die wir anbeten, auch wenn sie zerstört! Aber Haus und Hof in dem besten Zustande zu verlassen und aus trauter Heimlichkeit der Ungewißheit einer dunkeln Zukunft entgegen zu gehen, ist die Qual aller Qualen!...