Nach dem Frühstück wurden die Wagen aufgeladen mit den Möbeln meiner Schwestern. Meine ältere Schwester, Chenje Malke Günzburg, wurde behutsam auf die Straße geführt, da sie erst vor kurzem ein Töchterchen geboren hatte. Das kleine, zarte Wesen wurde in Polsterchen, Deckchen eingebettet und in den Wagen gebracht, wo noch die zwei älteren Kinderchen saßen. Als wäre es gestern gewesen, steht mir das Bild vor Augen, wie die alte Kinderwärterin Raschke das Kindchen in den leeren Zimmern aus der Wiege hob, um es meiner Schwester in den Wagen zu bringen; viele heiße Tränen liefen ihr die gerunzelten Wangen herunter....
Von diesem Tage an hörte das patriarchalische Leben im Hause meiner geliebten Eltern auf! Es löste sich ein Glied des Hauses nach dem anderen ab.... Es kamen weit andere Zeiten, als wir bis jetzt gelebt hatten und niemals wieder kamen wir Kinder so alle unter des Vaters unumschränkter Leitung zusammen.
In jenen Tagen war es auch, da der jüdische Friedhof nach der Neustadt überführt wurde. Mit Bestürzung und Entsetzen vernahm die jüdische Gemeinde in Brest, daß die Erde, in der viele Tausend Menschengebeine seit Jahrhunderten ruhten, für die projektierten Festungsbauten verwendet und daß der alte Gottesacker mit seinen uralten Gedenksteinen demoliert werden sollte. War die Zerstörung der Altstadt von Brest ein finanzieller Ruin, so wirkte diese Kunde von der Entweihung der Gräber geradezu vernichtend auf die Gemüter. Vergebens waren alle Bemühungen, Bittschriften, das Flehen, man möge die Toten ruhen lassen. Umsonst, die Behörde blieb unerbittlich wie das Schicksal und befahl die Räumung des Friedhofes.
Und es geschah.
Die ganze jüdische Bevölkerung mit dem Rabbiner, Reb L. Katzenellenbogen an der Spitze, vermehrte ihre Gebete und die Fasttage. Es half alles nichts. Man mußte sich schließlich dem grausamen Befehl fügen. Es wurde ein Tag festgesetzt, an dem dieses noch nie erlebte Leichenbegängnis von vielen Tausenden vorsichgehen sollte. Die ganze Judengemeinde, jung und alt, reich und arm, fastete an diesem Tage. Jeder wollte an der schweren Arbeit teilnehmen. Nachdem die Männer, auch viele Frauen, in der Synagoge in der frühen Morgenstunde — es war an einem Montag, wie ich mich entsinne — mit zerknirschtem Herzen gebetet hatten und der Abschnitt in der heiligen Rolle vorgelesen war, begab sich die Gemeinde auf den alten Gottesacker und verrichtete auch da Gebete. Man las Psalmen, bat die Toten um Vergebung, wie es sonst bei Bestattungen üblich und ging an das traurige Werk.
Einer der schrecklichsten Flüche bei den Juden lautete: »Die Erde soll deine Gebeine herauswerfen!« Und so sah man den furchtbaren Fluch an diesen Gebeinen sich vollziehen!...
Schon einige Tage vorher hatte man Säckchen aus grauer Leinwand angefertigt, die dazu bestimmt waren, die Überreste der Toten aufzunehmen. Und diese kleinen Säckchen genügten vollkommen, den ganzen Menschen zu bergen, der einst im Leben so stolz, so selbstbewußt, so unersättlich, so unermüdlich im Wünschen und Begehren war — das alles wurde nun zu einem Häuflein Staub, kaum eine Last für eine Hand.
Die ganze Gemeinde beteiligte sich daran, den Inhalt der aufgeschaufelten Gräber in die Säckchen zu schütten, mit einem dicken Bindfaden zu verschnüren und dieselben auf die bereitstehenden Wagen zu schichten. Hier gab es keinen Unterschied, Rang und gesellschaftliche Stellung kamen nicht in Betracht. Alle waren gleich. Die ganze Volksmenge war bei dieser Handlung tief ergriffen. Hier trauerte nicht eine Familie um einen Angehörigen, sondern eine ganze Bevölkerung um ihre geschändeten Toten.
Endlich waren alle Gräber ausgehoben, viele Wagen mit dem leichten und doch zentnerschweren Inhalt beladen und mit schwarzen Tüchern bedeckt. Der Kantor stimmte ein Gebet an, sagte Kadisch (das übliche Totengebet), und der große Kondukt setzte sich in Bewegung. Viele folgten dem Zuge den langen Weg von der Altstadt in die Neustadt barfuß. Ein solches Leichenbegängnis war noch nicht dagewesen. Die Regierung hatte Militär gestellt als Ehreneskorte, zum Teil vielleicht auch darum, weil unter den ausgegrabenen Leichen sich viele Opfer einer großen Epidemie befanden. Die Soldaten schritten mit geschultertem Gewehr dicht neben den Wagen; die Bürgerscharen folgten in tiefem Schweigen.