Auf dem neuangelegten Friedhof, bei dem Dorf Bereswke — sechs Werst von der Altstadt — wurden die Säckchen mit den Gebeinen derjenigen, auf deren Gräbern man keine Leichensteine vorgefunden hatte, in Massengräber versenkt, während die Überreste der anderen in einzelnen Gräbern beerdigt wurden, auf die man die alten Steine wieder setzte. Da kann man noch heute die hebräischen Inschriften lesen, die einige Jahrhunderte zurückführen. Der Grabstein des Rabbiners Abraham Katzenellenbogen lautet in der Übersetzung:

»Hier ruht der große Rabbi, unser Gaon und Lehrer
Abraham ben David des gewesenen Rabbiners in Brest,
Litauen, gestorben 1742.«

Auf einem anderen Leichenstein liest man:

»Öffnet die Tore und lasset den Gerechten eintreten!
Hier ruht der berühmte Gaon, der heimgegangene Josef
ben Abraham, sein Andenken sei gesegnet. Möge seine
Seele im Reiche des Ewig-Lebenden aufgenommen sein!«

Die Jahreszahl ist verwischt. Auf einem anderen Steine steht:

»Hier ruht der außerordentlich tugendhafte Rabbi und Prediger, unser Lehrer und Leiter, Kiwe's Sohn Moses, verschieden Montag, am Vorabend des Versöhnungstages 5591 nach Erschaffung der Welt. Er ist hingegangen, wo das Licht seiner Weisheit ewig leuchten wird.... Er spricht zu uns in seinen Werken und lebt nach seinem Tode fort.... Der Duft seiner blumenreichen Sprache ist unvergänglich.«[T]

Es dunkelte bereits, als die Massen-Beerdigung auf dem neuen Friedhof zu Ende war. Nach dem vollbrachten Werk zerstreute sich die Menge wieder lautlos.

An diesem Abend herrschte in unserem Hause große Trauer. Meine Eltern standen unter dem tiefen Eindruck dieses schweren Tages.

Im Innersten bewegt, waren sie stumm und in sich gekehrt. Es wurde nicht gesprochen, man hörte keinen Laut. Alle waren mit ihren Gedanken über den Tod und die Vergänglichkeit des irdischen Lebens beschäftigt.