Die Stadt Brest konnte an diesem Tage viele Heilige aufzählen, die alles Irdische vergaßen und dessen Vergänglichkeit erkannten.
Vielleicht, daß dieser schwere Tag sich lähmend auf die Schwungkraft meines teuren Vaters legte. Er hat sich eigentlich von dem schweren Schlage, der ihn von seiner Scholle riß, nie recht erholt.
Nach fünfzehn Jahren vieler schwerer Prozesse bekam mein Vater von der Regierung eine ansehnliche Summe Geldes für seine liegenden Güter. Aber er war ein alter Mann, seinen Geschäften entfremdet und ein rechter Bankdrücker geworden — ein Gelehrter, dessen Tätigkeit nur in seinem Studierzimmer an Talmudfolianten fruchtbar werden konnte.
Es gab wohl noch mancherlei Aufträge für den Festungsbau. Aber es war, als wäre der Vater aus seiner Wurzelerde herausgerissen — es wollten keine Früchte mehr reifen.
II.
Ein Sabbath.
Mit der Übersiedlung von der alten Stadt Brest in Litauen nach der Neustadt nahm das Leben in meinem Elternhause eine ganz andere Form an. Während das alte Heim, vom Gastzimmer bis zur Wagenscheune, vornehm eingerichtet war, waren hier die kleinen Räume ärmlich. Zwar waren es noch die alten, mit Goldbronze imprägnierten Mahagoniholzmöbel, die diese kleinen Räume erfüllten, aber ach, in welchem Zustande! Verblichen, schäbig. Von mancher Garnitur fehlten schon Stücke, mancher Tisch hinkte auf einem Fuß, die Lehnen der Stühle boten keinen sicheren Halt mehr, von den Rahmen der großen Spiegel war das Gold abgeritzt. Aber die Wohnung ist immer ein Spiegelbild ihrer Bewohner! Beiden sah man an, daß sie einst freundliche Tage gesehen. Das Material war im Kerne solid und hatte seine guten Dienste geleistet; und hätte jetzt noch das Schicksal einen gütigen Blick auf Menschen und Möbel geworfen, so hätten sie noch den alten Glanz annehmen können! Aber das Schicksal war unhold für lange, lange Zeit.
Jedoch war jene Periode für meinen Vater eine der inhaltsreichsten. Sie brachte den Adel seiner Individualität zum Vorschein. Er hatte mehr als früher Zeit und Gelegenheit, seinen Nächsten mit Rat und Tat beizustehen, sich durch seine großen, talmudischen und sonstigen Kenntnisse in der hebräischen Literatur Liebe und Verehrung in der jüdischen Gesellschaft zu erwerben.
Nachdem er alle seine Geschäfte liquidiert hatte, widmete er sich dem Talmudstudium vollends und lebte »Al hatauro w'al hoawaudo« (der Lehre und dem Gottesdienst)! Der Tag war in unserem Hause so eingeteilt, daß für Talmudstudien so viel Zeit wie für Essen und Schlafen gelassen wurde. Auch hier in der kleinen Wohnung war sein Kabinet mit vielen Fächern versehen, wo zur früheren Bibliothek noch viele Bücher hinzugekommen waren, und dort schrieb er im Anfange der vierziger Jahre die beiden Werke, von denen ich schon vorher berichtet habe.