Die Ohrenkrause fehlte am »Schleier« niemals. Gerade in der Mitte über der Stirn war mit Stecknadeln ein zu einer Spitze zusammengelegtes Seidenbändchen befestigt. Auf dem Scheitel waren Tüllspitzen in Form eines Körbchens festgesteckt, die man Koischel nannte. Auch bei den Armen fehlte weder ein haarfarbenes Band an der Stirngrenze, noch die beiden in der Nähe der Augen angebrachten Ringe.
Die Kopfbekleidung der Mädchen war nur unwesentlich von der Frauentracht verschieden, nur daß sich die Mädchen ihres schönen Haarschmuckes noch erfreuten. Auch sie trugen eine Art Binde aus schmalem, rotem Wollstoff mit einer Schleife aus dem gleichen Stoffe, den man Tezub nannte. Der Schnitt der Kleider und der Schürzen war ebenso wie bei den Frauen. Sie trugen auch die niedrigen Sandalen. Aber das Brustlätzchen und die Halsspitze, das sogenannte Kreindel schmückten sie nicht. Bei den reichen Mädchen war die Kopfbinde aus schwarzem Seidentüll, in den mit roter, blauer oder rosenfarbener Seide schöne Knospen eingestickt waren. In der Form unterschieden sich die Binden der Reichen und Armen nicht. Die einfachen nannte man »Greischel«, die Seidentüllbinden »Wilnaer Knipel«.
Die armen Frauen hingen an ihrer Tracht mit außerordentlicher Liebe, und selbst in der größten Not legte man sich bei allen Bedürfnissen Zwang an, die Kleidung wurde aber nie verändert. Ich hatte gerade in einem Hungerjahre Gelegenheit, diese Zähigkeit zu beobachten. Viele Leute kamen da in unser Haus, um sich dort Brot zu holen. Man verteilte damals in sehr decenter Form milde Gaben. Meine gute Mutter ließ täglich 5-6 Pfund schwere Laibe Brot backen, die in einem Flurschrank, dessen Tür absichtlich offen gelassen wurde, für die armen Leute niedergelegt waren. Ebenso stand damals bei uns im Eßzimmer immer die Büffettür offen, damit der eine oder der andere unserer Besucher, die in der schweren Zeit verarmt waren, sich an den dort aufbewahrten Schätzen: Brot, Butter, Schnaps, Käse gütlich tun könnten. Uns Kindern war zwar streng untersagt worden, nachzusehen, wer da käme. Aber wer kann kindliche Neugier ganz niederhalten? Von unseren sicheren Verstecken aus sahen wir die Leute kommen, an deren Haltung, Geberde und Aussehen die bittere Not so manches verändert hatte, nicht aber an deren Tracht.....
Was für oft so tragikomische Szenen haben sich damals doch abgespielt! Noch in der Erinnerung wandelt mich ein Lachen an, aber es ist untermischt mit tiefem Weh, Empörung und Wut über die Entwürdigung des Menschen.
So ereignete sich an einem Freitag Vormittag im Sommer des Jahres 1845 folgendes: Ich befand mich auf dem Marktplatz der Stadt Brest, wo viele jüdische Weiber zum Einkauf für den bevorstehenden Sabbath sich versammelt hatten, als plötzlich ein großer Tumult entstand. Alles lief durcheinander und strömte dabei doch einem und demselben Punkt zu. Natürlich beeilte ich mich, auch dahin zu gelangen, um die Ursache des Aufruhrs zu erfahren. Aus der Menge hörte man bald Gelächter, bald Seufzen. Endlich erreichte ich den Schauplatz und ein empörender Anblick bot sich mir dar. Ich sah eine jüdische Frau mit (im buchstäblichen Sinne des Wortes) entblößtem Kopfe, da ihr Haar, nach der talmudischen Vorschrift für verheiratete Frauen, abrasiert war. Dies unglückliche Opfer stand so umringt von der Volksmenge, ganz entsetzt da, einerseits wegen der Sünde, barhäuptig unter freiem Himmel zu sein (was nach jüdischer Anschauung ein großes Vergehen war), andrerseits voll Scham vor den gaffenden Menschen, und flehte mit vor Tränen erstickter Stimme den neben ihr stehenden Polizeimann um Gnade an, der ihr mit nicht allzu zarter Hand den Kopfputz abgerissen hatte und ihn jetzt als Trophäe hoch empor hielt und schüttelte, was das Publikum zu unaufhörlichem Gelächter anregte. Die bedauernswerte Frau suchte mit der einen Hand den kahlen Kopf mit dem Zipfel ihrer Schürze zuzudecken, während die zweite Hand in der Tasche herumstöberte, um die dort aufbewahrte Haube nach der neuen, russischen Vorschrift herauszuholen. Dabei schrie die Unglückliche unaufhörlich im jämmerlichsten Ton: »Panotzik Panotzik! Hier, da hab ich, da ist ja in der Tasche der Lappen!« Sie hatte endlich die Haube auf den nackten Kopf gesetzt, was sie entsetzlich verunstaltete. Da erst beruhigte sich der Scherge und ging fort.
Bald führte ihm das Schicksal ein zweites Opfer zu. Diesmal war es ein armer Jude, der in einem langschößigen Kaftan auf den Marktplatz kam. Der Polizeimann empfing ihn mit nicht sehr schmeichelhaften Ausdrücken. Indem er einen zweiten Polizisten herbeirief, hieß er den vor Angst zitternden Juden stehen bleiben, griff nach einer großen Schere, die er stets bei sich trug, und nun schnitt er, unterstützt von seinem zweiten Amtskollegen, dem Juden die langen Schöße des Kaftans nach Art eines Fracks ab, wodurch die (Unter-) Beinkleider zum Vorschein kamen. Dann riß er dem Bedauernswerten die Kopfbedeckung ab und schnitt ihm die Pejes so nahe am Ohr ab, daß der Arme vor Schmerz aufschrie. Alsdann gab er sein Opfer frei, und das Marktvolk gab dem so zugerichteten Juden unter lautem Gejohle das Geleit.
Derartige Exekutionen kamen auch auf der großen Landstraße vor. Begegnete ein Polizist da einem Juden in alter Tracht und hatte er gerade keine Schere bei sich, so war er der Ansicht, daß er sich durch diesen Umstand von der Ausübung seiner Pflicht nicht zurückhalten lassen dürfe. Statt der Schere bediente er sich zweier Steine und zwar so, daß er den Juden seitlich zur Erde legte, die Peje über einen Stein spannte, der dicht neben der Wange zu liegen kam, und mit einem zweiten Stein so lang auf die Peje losrieb, bis sie durchgewetzt war. Der arme Jude litt dabei natürlich schreckliche Qualen.
Diese Vorgänge klingen heute unglaublich. Aber diese äußerlichen Leiden und Tragödien waren doch nur im kleinen ein Bild der großen Umwälzungen, die sich vorbereiteten.